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INDOGERMANISCHE BIBLIOTHEK
HERAUSGEGEBEN VON HERMANN HIRT und WILHELM STREITBERG
ZWEITE ABTEILUNG
SPRACHWISSENSCHAFTLICHE GYMNASIALBIBLIOTHEK
UNTER MITWIRKUNG ZAHLREICHER FACHGENOSSEN
HERAUSGEGEBtN VON
MAX NIEDERMANN
ACHTER BAND GRIECHISCHE WORTBILDUNGSLEHRE
VON
ALBERT DEBRUNNER
HEIDELBERG 1917 CARL WINTERS UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG
GRIECHISCHE WORTBILDUNGSLEHRE
VON
DR- ALBERT DEBRUNNER
PROFESSOR AN DER KANTONSSCHULE UND PRIVATDOZENT
FÜR INDOGERM. SPRACHWISSENSCHAFT AN DER UNIVERSITÄT
IN ZÜRICH
HEIDELBERG 1917 CARL WINTERS UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG
Verlags-Nr. 1369
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MEINEM LIEBEN FREUND UND KOLLEGEN DR THEODOR NÄGEL!
Vorwort.
Als die Aufgabe, für die „Sprachwissenschaftliche Gymnasialbibliothek" ein Bändchen über die griechische Wortbildung zu liefern, an mich herantrat, hatte ich an- fänglich schwere Bedenken. Denn ich war mir darüber klar, daß beim gegenwärtigen Stand der Wortbildungsforschung ein auch nur annähernd gleichmäßiger Überblick über dieses Kapitel der griechischen Grammatik ein Ding der Unmög- lichkeit ist. Wohl ist für die Anknüpfung, besonders die formale, der griechischen Wortbildungsmittel an die indo- germanischen in der Hauptsache getan, was sich tun läßt, und die Ergebnisse sind in Brugmanns Grundriß und Brugmann-Thumbs Griechischer Grammatik leicht zu- gänglich; aber der Zweck der ,, Sprachwissenschaftlichen Gymnasialbibliothek" weist dieser Seite eine ganz unter- geordnete Stellung zu. Andrerseits haben die vergangenen Generationen der philologischen Grammatiker den grie- chischen Tatbestand und seine gröbere und feinere Gliede- rung einigermaßen herausgearbeitet (das Wesentliche davon findet man in der Grammatik von Kühner-Blass); aber auch mit einem solchen System von formalen und semanti- schen Fächlein wäre hier dem Leser wenig gedient. Daneben schwebte mir ein Idealbild vor, kurz gesagt, eine Geschichte der Wortbildungsmittei im Griechischen^. Die Bei- träge, die in neuester Zeit zur Geschichte einzelner Bildungen
^ Vergleiche auch Fr. Stürmer, Anregung zu wortkund- lichen Arbeiten (Glotta VII [1915], 72—80, bes. 74 f. über die Ab- leitung und 75 f. über die Komposition).
VIII Vorwort.
erschienen sind, lassen uns erst recht empfinden, was auf weit großem Gebieten noch fehlt. Und die notwendige Ergänzung dazu, eine Reihe synchronistischer Quer- schnitte durch die Wortbildungsmöglichkeiten bestimmter Sprachperioden, Dialekte, Literaturgattungen und Autoren^, ist bisher kaum als Erfordernis bekannt. Unter solchen Umständen erschien mir die gestellte Aufgabe als undankbar und unausführbar. Wenn ich sie trotzdem übernommen habe, so gaben folgende Überlegungen den Ausschlag: Es handelt sich hier nicht um ein erschöpfendes Handbuch, sondern um eine gedrängte und leicht verständliche Darbietung der wichtigsten Ergebnisse der bisherigen in Einzeluntersuchun- gen zerstreuten und meist nicht allgemein zugänglichen Forschung, und vielleicht ebenso sehr um Anregung zur Ausfüllung der Lücken. Es muß eben auch Bücher geben, die aus der Hoffnung, bald überholt zu sein, entsprungen sind und die sich mit dem Gedanken trösten, den siegreichen Nachbarpflanzen selber etwas Nahrung zugeführt zu haben. Ein Werk aus einem Guß kann freilich so nicht entstehen; es wird eben ein Gemisch von Geschichte und Tatbestand- beschreibung werden müssen mit Seitenblicken auf die Vor- geschichte, wo diese das Verständnis erleichtert. Wenn sich dabei die beiden Zwecke, eine Einleitung in die sprach- wissenschaftliche Behandlung der Wortbildung überhaupt zu bieten und den griechischen Bestand in seinen Haupt- teilen einigermaßen zu einem Gesamtbild zu vereinigen,
^ Dabei müßte geschieden werden nach liberaouimenen, emporsteigenden, neugeschaffenen und absterbenden Bildungen. AuiJi nach Bedeutungen müßte gruppiert werden. Für die Be- deutungen der Ableitungen muß ich auf das Sachregister ver- weisen. Bedeutungsverschiebungen interessieren uns hier nur, wenn sie gruppenweise auftreten. Über die semantische Seite der Vv'ortbildungslehre vergleiche man H. Paul, Aufgaben der Wortbildungslehre (Sitzungsber. d. bayr. Ak. 189G phil.-his(. Kl., S. 692 — 713, besonders S. 700 ff. zur Geschichte der Nonnna actionis des Neuhochdeutschen). Die Bedeutungen der Kompo- sita sind §80ff. behandelt.
Vorwort. IX
nicht allzusehr in die Quere kommen, so will ich zufrieden sein.
Eine weitere Folge der Ungleichmäßigkeit der bis- herigen Forschung ist die, daß ich manchmal einzelne Abgründe mit kühnen Hypothesen zu überbrücken suchen und mich dabei mehr auf das Gefühl als auf vollständige Materialsammlungen, die eben den Gegenstand zahlreicher Spezialarbeiten bilden sollten, stützen mußte. Das Material hat auch sonst seine besonderen Schwierigkeiten: Den Laut- und Formenbestand des Griechischen kennen wir aus der Überlieferung genügend, abgesehen von den literarisch und inschriftlich schwach belegten Dialekten; dagegen müssen die Lücken der Überlieferung bei der Wortbildung viel empfindlicher sein, weil die Differenzierung der Sprache nach Dialekten und Lebensgebieten besonders im Wort- schatz und in den Wortbildungsmitteln zum Ausdruck kommt, also die Ungleichmäßigkeiten und Einseitigkeiten der Überlieferung in stärkerem Maß hervortreten, und weil außerdem der Reichtum an fertigen Bildungen viel größer, die Möglichkeiten der Neuschöpfung weit mannigfaltiger und bequemer sind als auf dem Gebiet der Laute und For- men. Immerhin darf man annehmen, daß das Gesamtbild mehr unvollständig als falsch herauskommt.
Noch ein Wort über die Begrenzung des Stoffs: Das Büchlein soll die Wortbildung, nicht die Formenbildung behandeln. Ausgeschlossen ist also die gesamte Dekhnation und Konjugation, alle formantischen Mittel zur Bezeich- nung von Kasus, grammatischer Person, Tempus, Modus usw.: auch die Steigerung der Adjektiva, die Bildung der Adverbia und die Pronominalstämme interessieren uns hier nicht vom systematischen Standpunkt aus, sondern ledig- lich insofern sie an der suffixalen Ableitung und an der Zusammensetzung teilnehmen; z. B. die Adverbialendung -coQ ist kein Ableitungssuffix, weil sie ganz in das Dekli- nationsschema eingegangen, eine regelmäßige Funktion des Adjektivs geworden ist.
X Vorwort.
Endlich sei hier ein für allemal bemerkt, daß ich ent- sprechend der Gewohnheit der „Sprachwissenschaftlichen Gymnasialbibliothek" auf Literaturangaben im Text ver- zichte. Zur Einführung in die Literatur diene die zusammen- hängende kurze Bibliographie. Daß ich neben den oben erwähnten Handbüchern methodisch und stofflich E. Fraen- kel vielleicht am meisten verdanke, wird der Kenner von selbst merken.
Der Anhang soll zeigen, wie in den alten Grammati- kern trotz aller Mängel doch auch neben gelegentlichen guten Einzelbeobachtungen viel nachdenkendes Forschen und scharf erfassendes Gruppieren steckt.
Zum Schluß danke ich gerne denen, die sich um dieses Büchlein verdient gemacht haben: Herr Dr. W. Altwegg in Basel hat das Manuskript vom Standpunkt des Gymnasial- lehrers aus einer Durchsicht unterzogen und mir wertvolle Winke gegeben; Herr Prof. Dr. E. Howald in Zürich hat seine Kenntnis der alten Grammatiker dem Anhang zu Gute kommen lassen. Vor allem aber durfte ich wieder jederzeit den Rat meines verehrten Lehrers, des Herrn Prof. Dr. J. Wacker na gel in Basel, einholen und seine kritischen Bemerkungen zu den Korrekturbogen benützen. Möge eine freundliche Aufnahme des Büchleins allen Helfern ihre Mühe lohnen!
Zürich, im Mai 1917.
Der Verfasser.
Bibliographie.
Zur Einführung in das weitere Studium werden die wich- tigsten systematischen Darstellungen und einige methodisch wich- tige oder noch nicht allgemein in den Handbüchern verarbeitete Spezialabhandlungen angeführt.
1. Handbücher mit Gesamtdarstellungen der Wortbildungslehre.
K. Brugmann, Grundriß der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen. II. Band. Lehre von den Wort- formen und ihrem Gebrauch. I.Teil (Straßb. 1906): All- gemeines. Zusammensetzung. Nominalstämme. 3. Teil
1. Lief. (1913) enthaltend u.a. die Abschnitte: Verbale Kom- posita. Die Tempusstämme im Allgemeinen. Präsens und starker Aorist.
S. Vorwort.
Dasselbe in verkürzter Form:
K. Brugmann, Kurze vergleichende Grammatik der indo- germanischen Sprachen. 2. Lieferung. Straßb. 1903.
K. Brugmann, Griechische Grammatik. 4. Aufl. von A. Thumb. München 1913 (Iwan v. Müllers Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft II 1). S. Vorwort.
H. Hirt, Handbuch der griechischen Laut- und Formenlehre.
2. Aufl. Heidelb. 1912 (Sammlung indogerm. Lehr- und Handbücher 12).
Behandelt kurz auch ausgewählte Kapitel aus der Wort- bildungslehre. R. Kühner, Ausführliche Grammatik der griechischen Sprache. I. Teil. Elementar- und Formenlehre. 3. Aufl. von Fr. Blass. 2. Band. Hannover 1892. S. Vorwort.
XII Bibliographie.
2. Zum allgemeinen Teil.
Zur Abgrenzung der Wortbildungslehre gegen andere Gebiete der Grammatik (§lff.):
R. Blümel, Einführung in die Syntax (Sprachwiss. Gymnasial- bibliothek 6). Heidelb. 1914.
Zur retrograden Ableitung (§24 f.):
Fr. Eichhorn, De Graecae linguae nominibus derivatione retro- grada conformatis. Diss. Gott. 1912.
3. Zur Zusammensetzung.
Zu § 112:
W. Petersen, Der Ursprung der Exozentrika (Indog. Forsch. 34 [1914], 254ff).
Zu § 150 ff.:
J. Wackernagel, Akzentstudien IL III. (Nachr. d. Gott. Ges. d. Wiss. 1914, 20ff. 97 ff.).
4. Zur verbalen Ableitung.
A. Debrunner, Zu den konsonantischen io-Präsentien im Grie- chischen (Indog. Forsch. 21 [1907], 13ff. 201ff.). Diss. Behandelt die Entwicklung besonders der Verba auf -aiveiv, -vvsiv -aaeiv -t,£iv (außer -iCeiv und -d^eiv) inner- halb des Griechischen.
Zu §274:
A. Debrunner, iwxaxit.oi (Juvenes dum sumus, Aufsätze zur klass. Altertumswiss. der 49. Versammlung deutscher Philo- logen und Schulmänner zu Basel dargebracht. Basel 1907. S. 82ff.).
E. Fraenkel, Griechische Denominativa in ihrer geschichtlichen Entwicklung und Verbreitung. Diss. Gott. 1906. Behandelt -aiveiv, -vveiv, -ovv, -eveiv. S. Vorwort.
W. Marcus, Zur Bildung der Intensiva in den altarischen Dialekten und im Griechischen. Heidelb(Tger Diss. Leipzig 191 'i. Behandelt die Intensiva nach der Wurzel oder Basis und nach der Reduplikationsart.
Bibliographie. XIII
Arthur Müller, Zur Geschichte der Verba auf -tCco im Grie- chischen. Diss. Freiburg i. Br. 1915.
„Soll nur rein Tatsächhches bringen Es sollte die
Untersuchung mit den Weg bahnen zu einer vergleichenden Arbeit."
H. VON DER Pfordten, Zur Geschichte der griechischen De- nominativa. Leipzig 1886.
In der Hauptsache nur eine unvollständige Zusammen- stellung der Verba auf -äv, -elv, -ovv, -dCeiv, -i^eiv, -aiveiv.
Johanna Richter, Ursprung und analogische Ausbreitung der Verba auf -dCco. Leipzig 1909.
Untersucht hauptsächlich die Beziehungen von -dL,(o zu andern Suffixen. Durch mannigfache Versehen und un- zählige Druckfehler stark entstellt.
L. SüTTERLiN, Zur Geschichte der Verba denominativa im Alt- griechischen. Erster TeiF: Die Verba auf -dw, -e'o), -6oi. Straßb. 1891.
Die methodische Grundlage der neuern Erforschung der griechischen Verbalsuffixe.
5. Zur nominalen Ableitung.
A. Debrunner, Die Adjektiva auf -ahog. Ein Beitrag zur griechischen Wortbildungsgeschichte (Indog. Forsch. 23 [1908], IfL).
W. Dittenberger, Ethnika und Verwandtes (Hermes 41 [1906], 78 ff. 161 ff.; 42 [1907], IfL 161fL).
Untersucht mehr philologisch das Verbreitungsgebiet einiger Ethnikasuffixe und den Bedeutungsunterschied zwischen Ethnika und Ktetikon (vgl. § 396 und Anhang I).
E. Fraenkel, Geschichte der griechischen Nomina agentis auf -riJQ, -rcoQ, -Trjg (-r-). I. II. Straßb. 1910. 1912 (Unter- suchungen zur indogerm. Sprach- und Kulturwiss. I. IV). S. Vorwort. Dieselben Vorzüge der Fraenkelschen Arbeiten zeigen auch seine kleineren Aufsätze:
— Zur Geschichte der Verbalnomina auf -aio-, -aia (Kuhns Zeitschr. L vergl. Spr. 45 [1913], 160fL).
^ Weitere Teile sind nicht erschienen.
XIV Bibliographie.
E. Fraenkel, Beiträge zur Gesciiiclite der Adjektiva auf -zixö^ (ebenda S. 205 ff.).
— Zur metaphorischen Bedeutung der Suffixe -rt/Q, -tcoq, -X7]g im Griechischen (Indog. Forsch. 32 [1913], 107ff.).
— Die Feminina auf -reiga, -rgia, -rQi(; (-zogig) und die Bil- dungen auf -xoQio- (ebenda S. 395 ff.).
Erwin Herrmann, Die Liquidaformantien in der Nominal- bildung des ionischen Dialekts. Tüb. 1911. Für das Ionische erschöpfend.
W. Petersen, Greek Diminutives in -lov. A Study in Semantics. Weimar 1910.
Untersucht 1. die Entwicklung der Bedeutungen von -lov, 2. die Entstehung und Ausbreitung der kombinierten De- minutivsuffixe (§295 ff.). Von derselben Art ist:
W.Petersen, The Greek Diminutive Suffix -laxo-, -loy.t]-. Yale Univ. Press. New Haven Conn. 1913 (Transactions of the Conn. Acad. of Arts and Sciences XVIII 139ff.).
Rein HOLD Schulz, Die einfachen Stoffadjektiva des Griechi- schen, semasiologisch und historisch behandelt. Diss. Leipzig 1910. Vorwiegend Sammlung und Gruppierung des Materials.
§§ 1. 2] I. Die Elemente des Wortes. — 1. Der Satz.
Allgemeiner Teil.
I. Die Elemente des Wortes.
I. Der Satz.
§ 1 . Im Griechischen wie in allen indogermanischen Spra- chen ist die Einheit des sprechrhythmischen Lautkomplexes, den wir „Satz" nennen, in der Regel keine psychologisch ungegliederte Gesamtvorstellung, sondern eine durch allerlei äußere Mittel gekennzeichnete Verbindung von Einzel- vorstellungen zu einem Ganzen. Die eingliedrige Sprach- äußerung, die man wohl als die primitivste betrachten muß, bildet nur noch eine deutlich als Abweichung von der Norm empfundene Ausnahme oder wird gar nicht mehr als selb- ständiges Satzgebilde empfunden: Impersonalia, Interjek- tionen, Vokative, Imperative.
2. Das Wort und seine Bestandteile.
a) Stamm, Suffix und Endung. § 2. Die Teilvorstellungen des mehrgliedrigen Satzes, die Wörter, enthalten zunächst den Stamm, d. h. den Ausdruck des Vorstellungs- oder Begriffsinhaltes, der von der Verbindung mit den andern Teilvorstellungen des Satzes unabhängig ist; dazu tritt aber meistens noch eine Endung, d. h. ein Bestimmungselement, das je nach der Beziehung zu den andern Satzteilen wechselt.
Debrunner, Griech. Wortbilduagslehre. 1
2 I. Die Elemente des Wortes. [§§2—4
Ein Stamm (oder auch ein endungsloses Wort) braucht aber seinerseits noch nicht ein unteilbares Ganzes zu sein, sondern der Vergleich mit Wortstämmen verwandten Sinnes ergibt oft ein gemeinsames Grundelement, die Wurzel, und einen modifizierenden oder ergänzenden Zusatz, das Suffix, das seinerseits auch mit andern Wurzeln ver- bunden erscheint; oder aber das Wort oder der Stamm enthält mehrere auch selbständig vorkommende Wörter oder Stämme. Im erstem Fall haben wir ein abgeleitetes, im letztern ein zusammengesetztes Wort (oder einen solchen Stamm) vor uns.
§ 3. Zur Veranschaulichung des Unterschieds zwischen Endung und Suffix^ diene folgendes Beispiel: ä^icbjuar-oq, d^ioj/uar-i, ä^iojjuar-a, d^iojjudr-ojv enthalten die Kasus- endungen -og, -i, -a, -ojj', wie sie z.B. auch in änavT-og usw. vorliegen, dagegen der Vergleich von d^tw-^ar- mit d^ico-oig einerseits, mit doa-^ar-, xa&aQ-juar-, dva&fj-ßar- usw. andererseits läßt ein Suffix -^ar- erkennen.
b) Wurzel und Basis. § 4. Der Begriff ,, Wurzel" ist also zunächst nichts als eine grammatische Abstraktion, die besagt, daß ein gewisser Lautkomplex das Bedeutungszentrum eines Wortes bildet und für unsere Kenntnis inhaltlich und formal nicht weiter teilbar ist. Und wenn vom Antritt eines Suffixes an eine Wurzel die Rede ist, so ist damit über die Existenz der Wurzel und des Suffixes als selbständiger Wörter nichts aus- gesagt; die Umwandlung eines Wortes in ein Suffix ist zwar mehrmals historisch nachweisbar (§8), und die Wurzel kommt auch als Wortform (,, endungslos") vor (z. B. im Imperativ q)e()e, im Vokativ Zev; ebenso der Stamm, z. B. im Imp. rdx-vve, im Vok. Qfj-Tog); aber beides ist in den
^ Ob einmal in grauer Vorzeit die (oder einige) Endungen aus Suffixen entstanden sind, indem die ursprünglich stamm- bildenden Formantien auf neugebildete syntaktische Beziehungen (Personen-, Kasusverhältnisse usw.) übertragen wunim, ist hier nicht zu untersuchen.
§§ 4—7] 2. Das Wort und seine Bestandteile. 3
altern historischen Stadien der indogermanischen Sprachen^ durchaus die Ausnahme, und die Zeit, wo möghcherweise die Mehrzahl der indogermanischen Wurzeln und Suffixe als Wörter dienten, ist für die Forschung unerreichbar.
§ 5. Der Ausdruck ,, Basis" wird oft in gleichem Sinn wie „Wurzel" gebraucht. Es empfiehlt sich aber, ihn auf die theoretisch rekonstruierte gemeinsame Grundlage ver- schiedener Ablautformen zu beschränken, die allerdings in erster Linie bei den Wurzeln von Wichtigkeit ist (,, Wurzel- basis", z.B. *ße2.r]- in ixarrj-ßsM-rrjg ßelo-q ßo).-rj e-ßaXo-v, ße-ßkrj-juai), aber wohl auch bei Suffixen gelegentlich anzu- nehmen ist (,, Suffixbasis", z. B. *-tero- in -xr]Q -tojq -xqo- § 338ff. 351).
c) Suffix, Präfix, Infix, Formans. § 6. Für das bei der Ableitung an das Wurzelstück antretende Wortstück verwenden wir hier durchweg den Ausdruck ,, Suff ix". Genauer genommen müßte man dem Suffix, dem Anhängsel hinten, das Präfix, das Anhängsel vorne, zur Seite stellen und etwa beide unter den Ober- begriff Affix einordnen oder mit dem Sammelterminus ,, Formans" {elementum formans) oder ,,Formativ" auch noch das Infix {Xa-fji-ß-dvELv zur Wurzel /a/S-, lat. iii-n-go zu iug-iim) einbeziehen. Aber im Griechischen ist das Infix kein Wortbildungsmittel (§ 169), die Präfixe sind teils Flexionselemente (so das Augment £-), teils als Kompo- sitionsvorderglieder empfunden (§ 9, z. B. d- privativum, dvo-^ dya-, s. § 54 ff.), so daß für die Ableitung tatsächlich nur das Suffix übrig bleibt.
d) Wurzeldeterminativ und Suffix. § 7. Aus der Nebeneinanderstellung von Tgeju-eiv 'zit- tern', rgsaoe (Verbalstamm tqeg-) 'zitterte', lat. trep-idus 'trippelnd, ängstlich' erschließt man eine gemeinsame Wurzel *tre-, die durch ein ,, Wurzeldeterminativ" m, s, p erweitert sei. Vom Suffix unterscheidet sich dieses dadurch, daß es der
^ Anders z.B. im heutigen endungsarmen Engliscli.
4 I. Die Elemente des Wortes. [§§ 7—9
Wurzel kein für uns erkennbares Bedeutungselement beifügt \Nde das Suffix, außerdem dadurch, daß es nicht wie das Suffix gruppenweise auftritt. Allein wie bei allen derartigen gram- matischen Rubrizierungen gibt es auch hier Grenzfälle und Übergänge; so scheint ein Wurzeldeterminativ d {xlv-Ö-ov 'Wogenschwair zu lat. c/u-ere 'reinigen') an der großen Aus- breitung der (/-Suffixe im Griechischen (§ 378) beteiligt zu sein. Über -&- s. § 174, 306, 310, 390.
e) Kompositionsglied und Suffix (Präfix).
§ 8. Wie schon in § 4 bemerkt worden ist, läßt sich im Griechischen einigemale der Übergang eines Kompo- sitionsglieds zu einem Suffix beobachten. Die wichtigsten Fälle sind -{Öjajtög (§ 377) und -cbdrig (§ 388). Die MögHch- keit eines solchen Übergangs beruht auf mehreren Um- ständen: Das Kompositum unterscheidet sich von der rein syntaktischen Begriffsverbindung gerade durch die stärkere Vereinheitlichung der mit einander verknüpften Vorstel- lungen (§27); dadurch kann die eine Vorstellung leicht hinter die andere zurücktreten, den Charakter eines modifizierenden Elementes erhalten und dadurch auf eine Linie mit Suffixen ähnlicher Bedeutung geraten; hauptsächlich aber begünstigt ein Schwinden des selbständigen Gebrauchs eines Wortes oder eine starke klangliche Entfernung des Kompositions- glieds von seiner selbständigen Verwendung die Umdeutung des Wortgebildes; vgl. das erwähnte -(ÖjaTTog und -ojöri; und aus dem Deutschen etwa -sam {= (dem). S. auch § 40 über verdunkelte Komposita.
§ 9. Etwas häufiger als die Umwandlung eines Hinter- glieds zum Suffix ist im Griechischen die Umwertung eines Vorderglieds zu einem bloßen Zusatzelement; so beim d- privativum und copulativum, ferner bei Ovo-, ägi- usw. (§ 54ff, ; 6). Man spricht aber trotzdem gewöhnlich nicht von ,, Präfixen", sondern rechnet diese Fälle auch zur Kompo- sition; denn wenn auch die selbständige Verwendung im Griechischen von Anfang an fehlt, so gab es doch keine Kategorie unselbständiger Vorsatzwörter, so daß die An-
§§9' — 11] 2. Das Wort und seine BestaiKÜeilo. 5
knüpfung für eine solche Umdeutung fehlte; dafür boten die adverbial-präpositionalen Wörter wie ävri, eni usw. usw., die neben ihrer selbständigen Verwendung beliebte Vorderglieder waren, eine gute Analogie (es ist sogar geradezu tieqi- § 45 f. = ägi-, £Qi- § 60, äjio- § 50 = d- privativum).
f) Der thematische Vokal oder Bindevokal. § 10. Schon im Indogermanischen ging der Endung bei einer überaus großen Zahl von Verben in gewissen Tempora ein Vokal o oder mit Ablaut c voran, der aber nicht un- zertrennlich mit dem wurzelhaften Bestandteil verknüpft war; vgl. My-o-juev My-e-rs^ aber *ley-öco > Xe^co. Man hat daher ein besonderes Element der Formenbildung darin gesehen und ihm den Namen ,, thematischer Vokal" oder ,, Bindevokal" (auch „Bildevokal") gegeben. Es darf als sicher gelten, daß er in einzelnen Wurzeln ursprünglich den eigentlichen Wurzelauslaut gebildet hat; aber sein Verhältnis zu dem oje der Nominalstämme, die die griechische (und lateinische) zweite Deklination bilden, ist nicht abgeklärt; vgl. leya-i-iEv zu löyo-c, (§ 280). Dagegen hat zweifellos der Vokal -o- im Griechischen in zunehmendem Umfang wirk- lich die Funktion eines Hilfsmittels der Wortbildung gehabt; so bei der Zusammensetzung (§ 129, 143) und bei der Ab- leitung (§ 323, 361, 364f.).
g) Die Begriffe ,, primär, sekundär, denominativ, deverbativ".
§ 11. Die Scheidung der Suffixe in primäre, an eine Wurzel oder an einen Verbalstamm angefügte, und sekun- däre, hinter einem Nominalstamm verwendete, läßt sich nicht durchführen, weil die Sonderung von Nomen und Verbum beim Grundwort sehr oft unmöglich ist und weil die Suffix- geschichte gewöhnlich die Schranken zwischen beiden Ab- leitungsarten durchbricht. Z. B. dient -lo- als primäres und sekundäres Suffix von vorgriechischen Zeiten her, ver- liert aber allmählich die Möglichkeit der primären Ver-
6 II. Analogie als treib. Kraft. — 1. VVortkategorien. [§§ 11 — 14
Wendung (§ 283 Fußnote); -vveiv ist nur vereinzelt von den Nomina auf Verba übergegangen (§ 227).
§ 12. Etwas anderes ist mit „primär" gemeint, wenn es bei Verben den Gegensatz von „denominativ" (aus Nomina abgeleitet) oder „deverbativ" (aus Verba abge- leitet) bildet : primäre Verba sind solche, die weder Nomina als Grundwörter haben noch modifizierende Erweiterungen von Verben (,,Intensiva", ,,Iterativa", ,,Desiderativa") sind. Über die Verschiebung des Wichtigkeitsverhältnisses zu- gunsten der denominativen Verben s. § 175.
II. Die Analogie als treibende Kraft bei der Bildung der Wörter.
§ 13. Die historisch-vergleichende Sprachforschung führt nirgends bis in die Zeit der Urschöpfung sprachlicher Gebilde. Wenn also zu irgend einer Zeit neu geschaffene Wörter beobachtet werden, so muß notwendigerweise die Frage aufgeworfen werden, wie das Neue aus dem zur gegebenen Zeit durch Überlieferung bekannten Sprachgut erklärt werden kann; es müssen Muster gesucht werden, nach denen auf dem Wege der ,, Analogie" (Proportion) die neuen Wörter gebildet worden sind. Im einzelnen ist eine sehr große Mannigfaltigkeit anzunehmen:
I. Fertige Wortkategorien. § 14. Die Anzahl der Musterwörter ist beliebig. Einerseits gibt es ausgeprägte fertige Wortkategorien, an die sich Neubildungen anschließen, ohne daß irgend ein bestimmtes Wort maßgebend hervortritt; z. B. xdxcoaig konnte aus xaxovv gebildet werden (§ 372) einfach durch Anfügung des deutlich als Wortbildungsmittel empfundenen -oi-g^. Andrerseits rief oft ein einzelnes Wort ein neues
^ Die meisten Komposita werden zu dieser Gruppe ge- hören; deshalb ist im folgenden nur von den Suffixen die Rede.
§§14.15] 2. Formale und semantische Analogie. 7
hervor; s. §220 über nvQoaiveiv nach iQV&fgjaivsiv. Zwi- schen diesen Extremen liegen natürhch unzähhge Zwischen- stufen. Je naiver und unbewußter die Wortschöpfung vor sich geht, umso enger muß wohl der Anschluß an die Muster sein. Der Nachweis der Musterwörter leidet natürlich unter den Nachteilen der mangelhaften Kenntnis, die wir vom Wortschatz vergangener Zeiten haben.
2. Formale und semantische Analogie.
§ 15. Die Analogie knüpft an die Form oder an die Bedeutung an: formale und semantische Analogie. Die Vereinigung beider Momente bietet die besten Vor- bedingungen für eine Neubildung; so hat vyqaiveiv in ioxvaivsiv die doppelte Anknüpfung (§ 220): erstens die Proportion
ioxvog: iaxvaiveiv = vyQog: vyQaivEiv,
zweitens die gegensätzliche Verknüpfung von 'trocken' und 'naß'. Neben der Gleichheit oder Ähnlichkeit der Be- deutung ist nämlich gerade die Bildung von Begriffs- gegensatzpaaren für die Neuschöpfung von Wörtern sehr wichtig; denn entgegengesetzte Begriffe werden geradeso gut wie verwandte sehr gern im Satz verbunden und durch Nebeneinanderstellung im Satz entstehen besonders leicht Neubildungen^. Doch reichte sicher für die Analogie- bildung die eine der beiden Ähnlichkeiten, die formale oder die semantische, aus; zur rein oder vorwiegend formalen^
1 Vgl. z. B. zu § 226 im N. Test. Matth. 23, 5 n^axvvovaiv yaQ rä cpvXaxiriQia avxvjv xal /zey aXvvova iv rä XQuaiceöa „sie machen ihre Amulette breit und die Mantelsäume groß"; zu §185 Ps.-Isokrates 1 § 26 p.7b tcüv ex'&Q(öv vixäa&ai Tal<; xaxo7couai(; xai tü>v (piXoiv ■j^Txäa&ai ralg evEQyeaian;.
2 Natürlich ist hier nur vom Fehlen von Begriffsbeziehungen zwischen den Grundwörtern die Rede, nicht von einem Fehlen der unentbehrlichen Bedeutungsbeziehung des Suffixes zum Grundwort.
8 II. Die Analogie als treibende Kraft. [§§ 15. 16
Analogie vgl. § 238 über -dCeiv zu ä-Stämmen, zur seman- tischen z. B. äoxsiov nach y^alKelov xovgelov u. dgl. (§290). Zu bemerken ist noch, daß die formalen Analogie- gleichungen oft erst durch eine Beziehungsverschiebung oder durch Konzentration auf Teilähnlichkeiten (mit Hinweg- setzung über anderweitige Verschiedenheiten) ermöglicht werden; zur Verschiebung der formalen Beziehung vgl. § 211 über -EV£iv zu o-Stämmen (mit Übergehung der ursprüng- lich vermittelnden £v-Stämme), ferner § 38, zur Teilähnlich- keit z. B. vyjovv zu vxpog (Subst., .f-Stamm) nach TaJiewovv zu Ta:Teiv6g (Adj., o-Stamm) (§ 205).
§ 16. Eine besondere Art von Analogie stellt die Parallelität von Suffixen dar. Gewisse beliebte Suf- fixe schlössen sich zu Paaren oder Gruppen zusammen, weil ihre Bedeutungen unter sich markante Sinnesbeziehungen hatten; wenn dann das eine der Suffixe bei einem Wort gebräuchlich war, konnte es seinem Grundwort einen seiner Genossen zuführen, auch wenn er zur Stammform des Grund- wortes nicht genau paßte. So mag nach § 205 äö&evovv neben äo&evrjg getreten sein als viertes Glied der Proportion
xagTsgelv: y.anxEQOvv = äo'&Evelv: etc.
Vgl. auch § 244 über -aiveiv: -dCeiv.
Doch kommt diesem Bildungsprozeß sicher nicht die Wichtigkeit zu, die ihm viele beimessen. Möglich ist er nur unter Suffixen mit scharf ausgeprägter allgemeiner Be- deutung, wie sie z. B. eben -ovv und -eJv iiaben. Häufiger entsteht die Suffixparallelität durch gemeinsame Erobe- rungen zusammengehöriger Suffixe: Tigcoreveiv ■ — jigcoxeia — Jtgcjzeiov zu ngcorog nach ägiGxeveiv — ägioxeia ■ — ägioxslov zu {ägioxog — ) agioxevg^ vgl. ävdgaya&(L,Eö§aL -Eiv — ävögaya^ia § 149, -ig: -lL,eiv §255. In sehr vielpu, vielleicht den meisten Fällen sind die Parallelen blol.'icr Schein; denn selbstverständlich kommt es oft genug voi', daß bei verschiedenen Schriftstellern, in verschiedenen
§§ 16—19] 3. Ihr Produkt. — 4. Ihr Wirkungsbereich. 9
Literaturgattungen, zu verschiedenen Zeiten, in verschie- denen Dialekten auch verschiedene Ableitungen aus gleichem Grundwort belegt sind, so daß sie dem oberflächlichen Be- nutzer des Lexikons als Parallelbildungen erscheinen. Nach Abzug dieser Zufallsparallelen bleiben vermutlich keine l;onkurrierenden Parallelbildungen mehr übrig, sondern nur gegensätzliche oder sich ergänzende.
§17. Die Widerspiegelung einer uralten ähnlichen Korrelation ursprünglich bedeutungsverwandter, dann mehr und mehr bedeu- iungsgleich gewordener Suffixe darf man vielleicht in den indo- germanischen sogenannten r/zi-Neutra sehen: lat. iter itin-eris, iecur iecin-oris (beide mit Übertragung des r-Stammes auf die obliquen Kasus), griech. ^jrag rjjtar-oi; 'Leber' (-ar- ersetzt den //.-Stamm, s. § 309), vömq vöaroi; 'Wasser', vgl. auch § 219. Allein diese Bildungsweise fällt im Griechischen vor unsern Augen dem Untergang anheim; das Neugriechische hat sogar vöwn verloren: dafür VFQÖ = vagöv v)]qöv 'fließendes (Wasser)'.
3. Das Produkt der Analogiewirkung.
§ 18. Das Produkt der Analogiewirkung ist ge- wöhnlich ein ganz neues Wort, für das vorher kein Äquiva- lent vom gleichen Grundwort da war. Doch fehlt es nicht an Beispielen, wo lediglich ein bestehendes Wort eine leichte Umgestaltung erfahren hat; vgl. lo^vaiveiv ioxva?Jog aus ioxaiveiv laxaleoQ wegen iG^vog (§ 220), igv&gaiveiv aus EQv&aivsiv wegen EQi^d-QÖQ (§ 220), T^rräo&ai aus -ovad'ai wegen vixäod^ai (§ 185), auch wohl einige Verba auf -ovv statt -äv wegen o-stämmiger Grundwörter (§ 203).
4. Der Wirkungsbereich der Analogie.
§ 19. Der Wirkungsbereich der Analogie ist bald enger, bald weiter umgrenzt. Wo es sich nicht einfach um Benützung eines fertigen Suffixes handelt (§ 14), ist theoretisch als Regel anzunehmen, daß die Analogiewirkung von Einzelwort zu Einzelwort geht. Ob aber die Analogie bei einem Einzelwort stehen bleibt (wie es z. B. bei evxvkia-
10 ir. Die Analogie als treibende Kraft. [§§19. 20
OEiv und aljxdöOEiv § 230 der Fall gewesen sein mag) oder weitere Einzelwörter erfaßt und so schließlich eine Gruppe, eine neue Wortkategorie, einen ,,Typus" bildet, und ob dieser Typus klein bleibt oder größern Umfang annimmt, das hängt außer vom Zufall von der Geschichte der Dialekte und der Literaturgattungen (vgl. § 311 über -[xa, § 334 über -aXeog), auch etwa von den Eigenheiten der Schriftsteller ab. Die Suffixe, die auf diese Weise neu entstehen, sind gewöhnlich Erweiterungen der alten, indem ein größeres Endstück eines oder mehrerer Wörter auf andere übernommen wurde: Die Bedeutung des Suffixes erleidet dabei eine Einengung, da ja die Erweite- rung ihren Ausgang von einzelnen Wörtern oder Wort- gruppen nimmt; man vergegenwärtige sich nur, was aus dem allgemeinen Denominativsuffix -io- geworden ist (§ 167).
§ 20. Bei der fortwährenden Möglichkeit der Neuschaf- fung von Suffixen ist es begreiflich, daß der Gesamtvorrat an Suffixen nicht nur im Griechischen gegenüber dem Indo- germanischen, sondern auch zwischen den griechischen Sprachperioden und Dialekten starke Unterschiede aufweist: andere Zeiten, andere Suffixe. Man kann demnach etwa folgende Stufen unterscheiden: 1. indogermanische Suffixe, die a) im Griechischen lebendig geblieben {-lo- § 283) oder b) im historischen Griechisch im Aussterben sind {-vdvai § 170) oder c) schon im ältesten Griechisch nur in erstarrten Resten weiter leben (subst. -rog §366); 2. unindogermanische Typen, die a) schon bei Homer in den Grundzügen fertig vorliegen {-aleoQ § 328f.) oder b) bei Homer in den ersten Anfängen stecken und ihre Haupt- ausbildung erst später erhalten haben (-cbdrjg § 388 f.) oder c) überhaupt erst nach Homer auftreten {-(oooeiv § 230f.). Im allgemeinen gilt ferner der Satz: je allgemeiner der Sinn eines neuen Suffixes ist, umso größere Verbreitung steht ihm in Aussicht; vgl. als Gegensätze einerseits -eiv und -ovv mit allgemeiner Bedeutung (§ 191, 198), anderer- seits -(boaeiv (§ 230f.).
§ 21 ] III. Arten u. Elemente d. Wortbildung. — 1 . VVurzeiwörter. 11
III. Die verschiedenen Arten und Elemente der Wortbildung^
I. Wurzelwörter.
§ 21. Da wir uns hier mit der Wortbildung, nicht mit den Wörtern und der Flexion befassen, so kommen die Wurzelwörter nur insofern in Betracht, als sie in der Wort- bildung eine Rolle spielen. Die Wurzel verba sind im Griechischen nur in alten Einzelexemplaren vorhanden, die in der Masse der abgeleiteten Verba völlig verschwinden; auch ist die Wurzel beim Verbum, wenn sie zu erweiterten Formen im Gegensatz stand, vielfach zu einem Formen- bildungselement umgedeutet worden (z. B. zu einem Kenn- zeichen des Aorists in e-yvoj-v gegenüber yi-yvoj-ox-co, e-tafi-ov gegenüber rd/u-v-oj). Dagegen hat das Wurzel- nomen schon in indogermanischer Zeit eine besonders enge Verbindung mit der Zusammensetzung eingegangen und ist hier wenigstens ein akzessorisches Wortbildungsmittel; s. § 44 über den Typus xdr-oxog und Ttqoa-cpv^, § 62 über den Typus ä-cpOQOQ — ev-Cv^, § 102 über den Typus ßov- jclri^, § 105 über den Typus oloxQo-jihji, § 97 über den Typus ipvxo-jto/LiTtög, § 106 über den Typus 'deö-Tto/unog. Doch kann man bei -no/nnog angesichts der Zwischen- stellung des ,, thematischen Vokals" o/e zwischen Wurzel- auslaut und Suffix (§ 10) auch von einem Suffix -o- sprechen (§280) und als eine Parallele dazu erklären, daß auch das Femininum auf -ä, das in alten und jungen Verbalabstrakt- bildungen tatsächlich als Suffix auftritt (§ 281), ursprüng- lich auf Wurzeln (auf -ä) zurückgehen könnte.
^ Abgesehen von den gebräuchlichsten Arten, der Zu- sammensetzung und dersuffixalen Ableitung, die im ,, Besondern Teil" behandelt werden.
12 III. Die Arten u. Elemente d. Wortbildung. [§§22. 23
2. Die Reduplikation.
§ 22. Die rein syntaktische Wiederholung desselben Wortes zur Bezeichnung der Fortdauer, Häufung, Intensi- tät kann, wenn sie zu einer einheitlichen Vorstellung enger zusammenwächst, zum Kompositum werden: rein syntak- tisch z. li.~AQei;"Ageg (Hom.), xvgis xvgie, eneosv ercsoev (N. Test.), aber Kompositum, z. B. TtooTtooy.v/uvdojuevog (Hom.) 'sich fort und fort herumtreibend', TidjjLTiav (Hom.) 'ganz und gar'. Solche Verdoppelungen sind aber im Grie- chischen nur okkasionell; typisch ist eine unvollständige Wiederholung, die wohl in einer längst verschollenen Sprachperiode auch einmal einen ähnlichen Ursprung ge- habt haben mag wie Ttdjujrav usw., aber schon in indo- germanischer Zeit als Mittel zum Ausdruck der Verstärkung des Begriffs dient: jhoo-jlivqelv 'rauschen' (Hom.), dai- öalov 'Kunstwerk' (Hom.), dX-olvyri 'lautes Geschrei' (Hom.), re-ravoQ 'Starrkrampf (klass.), Ti-&rivri 'Amme' (Hom.). Ausdehnungskraft haben diese Bildungen aller- dings im Griechischen nicht mehr; nur die reduzierteste Gestalt der Reduplikation hat eine alte Bildungskraft be- wahrt, aber nicht für Wörter, sondern für Konjugations- kategorien: Präsensreduplikation di-dö-vai, Perfektredupli- kation ye-yov-Evai.
3. Kurzformen und Gemination.
§ 23. Über die Kurzformen von Personennamen s. § 164, Sie sind wohl ursprünglich aus gefühlsmäL'ig überstarker Hervorhebung eines Namensteiles entstanden, wie sie beim Anruf aus der Ferne sich leicht einstellt; frühzeitig muß aber die Verkürzung auch in die nichtvokativische Be- nennung übergegangen sein und damit den Wert eines Wortbildungsmittels bekommen haben. I^'iir die Herleitung der Kurznamen aus dem Anruf spricht auch der Umstand, daß der letzte Konsonant des verbleibenden Wortstückes oft verdoppelt wird, was auch einem starken Affektton ent- spricht: K/.eo/iifiig = K?ieo-/HEV)jg, ZTgarrtg == ÜToaTirr-
§§23—25] 2.Reduplikation. — 3. Kurzformen. — 4. Rückbildung. 13
710 g, 'Aya'&'&oj = 'Ayw&o-; namenähnliche Wörter nehmen hier und da an dieser Gemination teil: rii'&ri (klass.) = rid^TJvrj (Hom.) ""Amme', yvvvig 'Weichling' (Aristoph.) zu yvvi] 'Weib'. Vgl. § 327 und lat. Varro zu värus 'mit 0-Beinen', ciippes 'Leckermaul' zu ciipere.
4. Retrograde Ableitung.
§ 24. Der psychologische Vorgang der v\nalogiebildung ist derselbe, ob das neugebildete Wort lautlich größeren Umfang hat als dasjenige, zu dem es ergänzend hinzu- geschaffen worden ist, oder ob es kürzer ist. Im tatsäch- lichen indogermanischen Sprachleben ist jedoch der letztere Vorgang, die retrograde Ableitung, ungleich seltener und durchaus als Abnormität zu betrachten. Es liegt eben beim Sprechen im Interesse der Deutlichkeit, den sprachlichen Ausdruck zu erweitern (abgesehen von dem § 23 bespro- chenen Fall), und wenn einmal alle etwas längern Wörter abgeleitet waren, also schon ein kürzeres Grundwort hatten, so war nur dann Veranlassung für die Bildung eines neuen Grundwortes, wenn das alte infolge einer Verschiebung *der Bedeutung der Ableitung nicht mehr als Grundwort ge- fühlt wurde.
§ 25. Fürs Griechische sind nur drei Arten von Rück- bildungen zu nennen: a) Nomina aus Verben; z. B. fjTTa 'Niederlage' (klass.) aus rjrräo'&ai 'unterliegen' (klass. -att.), das erst aus *firtovö'&ai umgestaltet ist ( § 185), 7 vto ^'gelähmt' (hellen. Dichter) aus yviovv 'die Glieder {yvla) lähmen'^ (§ 200); vgl. lat. pugna 'Kampf aus jojig wäre 'kämpfen', das aus pwgwas'Faust' abgeleitet war ; b) Simplicia aus Komposita ; z. B. ipevöriQ 'lügnerisch' (Hom.) aus d-xpEvdTJg 'truglos' (Hesiod),99fAo-^£i'(5>yg'Lügen liebend' (Hom.; beide zu ye-ü^og nach § 140), ypEurjQrivexeioQ (Emped.) = öi-tivek- ( Hom.) 'sich
^ Vgl. x<^^ö? 'lahm' — xoiXovv 'lähmen', TzrjQÖg 'verstüm- melt' — nrjQovv, rvq}X6g 'blind' — Tvcp}.ovv. Zu yvla — yviovv — yviö^ vgl. lat. truncus 'Stamm' — truncare 'stutzen' — truncus 'gestützt'.
14 III.. \rten U.Elemente d. Wortbildung. — 5. Akzent. [§§25.26
lang hinstreckend'; (pogög und ßooxog s. §97; c) schein- bare Komposita aus wirklichen (das Umgekehrte der Parasyntheta [§ 39]): äjielevdeQoc, 'libertus' (klass.) aus an-£%Ev§Eoovv 'freilassen' (klass.; vgl. § 46), ioonoXixrjQ 'Bürger eines demokratischen Staates' (hell.) aus ioo-nohreia 'Rechtsgleichheit' (hell.; s. §92).
Auf die retrograde Formenbildung sei hier nur hin- gewiesen: riträv 'besiegen' (hellen.) aus dem oben erwähn- ten T^rräo^ai, dessen Sinn ganz den des ihm vorbildlichen Passivs vixäo^ai eingenommen hatte; vgl. über die Neu- schaffung von faktitiven Aktiva zu intransitiven Deponentia §216. Maskulinum aus Femininum: jurirgviög 'Stiefvater' (unbekannter Komiker bei Pollux!) zu jurjZQvia 'Stief- mutter' (Hom.). S. auch das Sachregister.
5. Der Akzent.
§ 26. Über die Rolle des Akzents als sekundäres Mittel zur Unterscheidung von Kompositionstj^jen s. § 152. Im Griechischen drückt eine Akzentverschiebung auch die Substantivierung aus, zunächst bei Eigennamen, aber auch bei Gattungsnamen und Abstrakta: y/.avx6g 'hell' — - rXavpcog, (paiÖQog 'strahlend' — 0aidga, dioyevrjg 'zeus- entsprossen' — Aioysv')]g (§ 155), nvQQÖg — IIvQQog (§ 165), Haxög 'schlecht' ■ — >cd>irj 'Schlechtigkeit, Feigheit' (klass.), ?.svx6g 'weiß' — levxij 'Weißpappel, weißer Aussatz' (klass.); mit umgekehrter Verschiebung z. B. äxov/jisvog 'heilend' — 'AxovjLievög. Die Oxytonese gewisser Adverbia zu barytonierten Adjektiven ist ein Überrest uralter Oxy- tonese von obliquen Kasus: a&eei — ä&eog (§ 108, 352 Fußn.), uv^rifjieQov 'am selben Tag, auf der Stelle' (klass.) — av&t]fiEoog (§ 108).
§ 27] 15
Besonderer Teil.
A. Zusammensetzung.
Allgemeine Bemerkungen.
Entstehimg der Komposita.
§ 27. Ein Kompositum wie das deutsche Mannesmut können wir uns leicht entstanden denken aus der syntak- tischen Fügung {eines oder des) Mannes Mut. Daß aber die beiden Ausdrucksweisen nach ihrer Bedeutung nicht gleich sind, zeigt der Versuch, sie in ganzen Sätzen miteinander zu vertauschen, sofort: jedermann wunderte sich über des (vorerwähnten) Mannes Mut, aber: die Frau zeigte Mannes- mut. Das nähere Zusammenwachsen der syntaktischen Fügung, das wir im Sprechen durch die Vereinigung unter einen Hauptton {Mdnnesmüt gegenüber Mannes Mut), in der Schrift durch die Vereinigung zu einem V^ort aus- drücken, ist also bedingt durch eine Veränderung (Ver- einheitlichung) der durch die Wortgruppe ausgedrückten Vorstellung.
V^enn nun aber immer wieder andere Wörter, die in derselben syntaktischen Beziehung stehen (die Zahl der möglichen oder üblichen syntaktischen Beziehungen ist ja ziemlich klein), in derselben Weise zum Kompositum ver- wachsen, so vereinigen sich die gleichartigen Einzelfälle zu einem Typus, die Zusammensetzung wird zu einem Mittel der Wortbildung.
16 A. Zusammensetzung. [§§28 — ^30
Ältere und jüngere Komposita.
§ 28. Das Kompositum ist ein Wort für sich und geht als solches seinen eigenen Weg, indem es sich grundsätzlich um die Einzelwörter, aus denen es besteht, nicht kümmert. So kann es leicht dazu kommen, daß das Kompositum eine Entwicklung nicht mitmacht, die einer seiner Bestandteile nimmt, oder umgekehrt sich selbständig weiterentwickelt, so daß in beiden Fällen eine immer größere Kluft entsteht. Der alte Lokativ *ödol 'auf dem Weg' existiert nur im Kompositum ödoiTioQOQ 'Wanderer' (Hom.); überhaupt kennt das Griechische den Lokativ seit dem Beginn der Überlieferung nicht mehr als lebendigen Kasus; das Komp. ööoL-Tioooc, hat also die Entwicklung vom Lokativ odol zum Dativ (ev) odö) nicht mitgemacht. Was für einzelne Komposita gilt, gilt auch für Kompositionstj^en: vrj/.eijg, vrjvE/xog, v7]7zoivog, VTjQi^/uog usw. (§ 56f.) enthalten die alte Negation *ne (vgl. lat. tie-sclre), von der das Grie- chische sonst nichts mehr weiß. Vgl. §§ llSff. über laut- liche Veränderungen in der Kompositionsfuge. Zur selb- ständigen Weiterentwicklung der Komposita sei aus zahl- losen Beispielen nur eines angeführt: dtjjuiovQyog 'Gemeinde (drjfxio-) -Arbeiter (egy-J > Handwerker > Verfertiger > Weltschöpfer'.
§ 29. Einzelkomposita und Kompositionst}^)en können in jeder Sprachperiode neu entstehen. Man hat daher immer verschiedene Schichten von Komposita zu unterscheiden. Die Jüngern unterscheiden sich von den altern gewöhnlich durch größere Durchsichtigkeit des lautlichen und morpho- logischen Bildes und der syntaktischen Beziehungen; sie sind meist mehr ,, Zusammenrückungen" (§ 'AO) als eigentliche ,, Zusammensetzungen" ; vgl. § 74.
Echte und unechte Komposita.
§ 30. Die alten Grammatiker konnten sieh nicht einigen, ob das homerische Epitheton xdfjrj y.of.i6iovreg 'am Haupt lang behaart' in zwei Wörtern oder in einem zu schreiben
§§30.31] Allgemeine Bemerkungen. 17
sei^. Die Schwierigkeit lag darin, daß es sich einerseits in die geläufigen Kompositionstypen nicht fügen wollte und kein Kennzeichen der Komposition enthielt, andrerseits doch eine untrennbare Einheit zu sein schien. Und vom Standpunkt der Haupttypen der griechischen Komposition aus müssen wir freilich, wenn wir uns überhaupt entschließen, zaQTjXO/Lioojvreg ,, Kompositum" zu nennen, es als ,, un- echtes" Kompositum empfinden, so wie die griechischen Grammatiker von der TcaQo.'&EOLQ^ der ,, Zusammenrückung", im Gegensatz zur ovv&eoig, der eigentlichen ,, Zusammen- setzung" sprechen. Aber vom sprachgeschichtlichen Stand- punkt aus dürfen wir nur von einem ,, werdenden", „weniger entwickelten" Kompositum reden; der Unterschied ist kein prinzipieller, sondern ein zeitlicher: aus jedem unechten Kompositum kann ein echtes werden, und alle echten müssen im letzten Grunde auf unechte zurückgehen. Echte Kompo- sita sind in einer bestimmten Sprachperiode zunächst alle, bei denen ein Glied oder beide in dieser Form nicht oder nicht mehr als selbständiges Wort denkbar sind: vovv- e;^7yg, TzaxQ- döeXcpoQ^ Övo-juevYjg^ oder deren eines Glied die Deklinationsfähigkeit verliert: NEUJtoÄeojQ zu Nea 7i6h(;> Nednohq (§146). Bei den übrigen Kompo- sita sind die sichersten Zeichen echter Komposition:
§ 31. 1. Übertragung des Ausgangs des einen Gliedes auf anders geartete Stämme: weil dioo-öorog (ursprünglich 'ein Geschenkter des Zeus', mit Gen. Aiog) und d^eo-öoroq 'gottgegeben' sich in der Bedeutung sehr nahe standen, ergab sich durch Übertragung der Endung -og von dioo- ein neues -deoö-doToq. Das konnte nur geschehen, wenn man öioG- nicht mehr als Genetiv empfand und '&eoo- nicht als Nominativ, sondernbeide nur als Kompositionsglieder. Ebenso ist zu erklären Avy.oa-ovga nach Kvvoa-ovga und vielleicht äv öq ei- q)6vrrjg' Männer tötev' nach äQy£i-<pövr')]i;' Argo&iöier' .
^ Man vergleiche die Schwankungen der deutschen Ortho- graphievorschriften zwischen vorzeiten und vor Zeiteri, beieinander imd bei einander u.dgl.
Debrunner, Grieoh. Wortljildunsrslelire. 2
18 A. Zusammensetzung. [§§32 — 34
§ 32. 2. Verwendung eines Gliedes mit Kasusform für ein neues Kompositum, in dem die Kasusform nicht ihre frühere Kasusfunktion hat: Ilias XIII 564 ist von einem oxöjXoQ TivQi/tavGxoQ, einem 'im Feuer angebrannten Pfahl', die Rede, Odyssee IX 387 von dem TzvQu'jxrjg fxoxloQ, dem 'Pfahl mit feuriger Spitze'. Offenbar ist tzvqiyjky^q nur da- durch möglich geworden, daß nvqi- in nugiKavöroc; als bloßer Stamm, als Kompositionsglied, nicht mehr als instru- mentaler oder lokativischer Dativ gefühlt wurde. So konnten späte Epiker sogar dem nvgi- Genitivfunktion geben, indem sie den Bacchus Tivgi-naiQ 'Sohn des Feuers' nannten. Vgl. auch dgei-^voavog 'Arestroddel, tapferer Krieger' (Aeschyl. fr. 203 N^) nach aQei-ipaxoQ (Hom. äQi^t-cpaxoi;) 'im Kampf getötet' (Aeschyl.).
§ 33. 3. Mutierung (§ 110): äegi-oixog, das der Komi- ker Eubulus (fr. 139, 1, II 212 Kuck) braucht, enthält zwar zwei selbständige Wörter, ist aber dem Sinn nach nicht das- selbe wie äegi oiKog, sondern bedeutet (ev) äeqi olxov e^wv. Entsprechend öoeioDcog in einem Scholion zu Euripides.
§ 34. Weniger zuverlässige Anzeichen echter Kompo- sition sind einige weitere Erscheinungen:
4. Vereinigung der syntaktischen Gruppe unter einen Akzent: ein Ausdruck wie ev nölei steht unter einem Akzent und ist doch kein Kompositum, solange man variieren kann ev rtjöe rf] noXei^ ev rf] 7)/uerEQa jioXei usw. Sodann wird es zwar nicht sehr schwer fallen, in einer lebenden gesprochenen Sprache Akzentunterschiede wie den in § 27 erwähnten zu beobachten; aber beim Altgriechischen beruht unsere Kenntnis der Akzentuierung nur auf der Überlieferung der Handschriften und der alten Grammatiker, die die Verhältnisse der gesprochenen Sprache nicht immer einwandfrei wiedergeben, so daß wir das Reclit, w(Min auch vielleicht nicht die Pflicht haben, im Zweifelsfall naeli zuverlässigem Entscheidungsgründen zu suchen. Nun ist aber gerade die Einheitsbetonung die erste sprachliche
§§3''i.35] Allgemeine Bemerkungen. 19
Äußerung der Komposition, und die Zahl der Komposita, die bei diesem einen äußern Kennzeichen der Zusammensetzung stehen geblieben sind, ist groß; und auf der Linie von den verdächtigsten Fällen wie den von der Homcrüberlieferung z. T. gebotenen xagri-xo/uocovreg (§ 30), öaxov-xscov 'Tränen vergießend', ßagv-orsvdxo)v 'schwer stöhnend', nahjji- 7c?iayx'&evra(g) 'zurückgeschlagen' bis zu sicher kompo- nierten Wörtern wie Aiöo-xo(v)qoi' Zeussöhne (§41, 67) und in-EKEiva 'darüber hinaus' (aus en ixsiva; §48) ist es un- möglich, die Grenze zwischen unechten und echten Kom- posita mit Sicherheit zu ziehen; die Alten rechneten sogar z. T. Al6o-ko(v)qol u. dgl. auch noch zur JiaQd&eaig (s. Etymol. Magn. 278, 25; vgl. auch Anhang III). Daß sich so wenig gefestigte Komposita nicht als Vorbilder für einen Typus eigneten, sondern vereinzelt blieben, versteht sich von selbst.
§35. 5. Auch die Untrennbarkeit und Unver- tauschbarkeit der Glieder allein ist kein untrügliches Zeichen wirklicher Zusammensetzung. Denn einerseits gibt es im Griechischen auch trennbare Komposita, ,, Distanzkom- posita" (über vertauschbare s. § 160): ovdeig aus ovo' elg er- weist sich durch die Änderung der Akzentqualität als Kompo- situm, und doch kann es selbst im klassischen Attisch noch durch kleine Wörter getrennt werden: ovo' v(p' evög, ovo' äv eva. Auch fragt es sich, ob nicht schon bei Homer trotz der Möglichkeit der Trennung an Aiveiav elö[jir}v (sogenannte Tmesis) und der Umstellung cpvydiv vjzo (= v7to(pvya)v, sogenannte Anastrophe) das Gefühl der Einheitlichkeit von an und E^6fj,rjv, cpvyoiv und vno so stark war wie bei manchem Kompositum mit fester Stellung der Glieder. Andrerseits ist zuzugeben, daß eine Sprache auch in un- komponierten Wortkomplexen eine untrennbare und un- vertauschbare Wortfolge entwickeln kann: gesehen worden. Freilich kommt dieser Fall für das Griechische mit seiner so überaus beweglichen Wortstellung nicht in Betracht. Auch lassen sich im Großen und Ganzen griechische Kom- posita weder umstellen noch trennen; außerdem herrscht
20 A.Zusammensetzung. [§§35—38
unverkennbar das Streben, den Rest von Beweglichkeit der Kompositionsglieder zu beseitigen: in nachklassischer Zeit sagt man nicht mehr ovo' vcf' evog, ovÖ' äv eva, sondern vn' ovdevög, ovdeva äv; und in der attischen Prosa existiert die Tmesis überhaupt nicht^, die Anastrophe nur vereinzelt bei Jisgi; vgl. im heutigen Deutsch obgleich^ obschon gegen- über früherm ob . . . gleich, ob . . . schon, und im klassischen Latein als Norm z.B. obsecro vos gegenüber altlateinischem ob vos sacro.
§ 36. 6. Kein Beweis für wirkliche Komposition ist die Möglichkeit der Bildung von Ableitungen, xa/.o- xäya^ta ist Ableitung von xaloq zäya'&og, das zwar ein formelhafter Wortkomplex, aber kein Kompositum ist; }caXoxäya{}6g (oder xaXoxdya'&OQ) ist nur eine späte Rück- bildung aus >ialo>iäya'&ia. Ng\. Nea FIoIiq, Neac. UoleoiQ — Neo-7zo?.iT)jg (§ 146), auch äviorrj/ui — ävdoraoig § 43. Demnach kann 'EX/.rjonovTiog einen Zweifel, ob 'E/M]0- TzovTog echtes Kompositum ist, nicht lösen, wenn auch die Wahrscheinlichkeit für das Kompositum weit größer ist.
§ 37. 7. Ebensowenig beweist das ävrevjtoielv mehrerer Attiker für ev noielv einen Zusammensetzungscharakter, wenn auch das Oppositum xaxojtotelv die Auffassung als Kompositum erleichtern mochte; denn daneben steht ävTEvneioExai Plato Gorg. 520 E, wozu weder ein *ev- TtdoxEiv noch ein *xaxondox£iv denkbar ist. 'AvrevTioisiv ist eben mit sanfter Gewalt zu ev rroteJr (und nach diesem Paar weiter ev ndax^i-v — ävtevTidoxi^tv) geschaffen worden, weil eine Parallele zu den Paaren leyeiv. dvxü.eyeiv, tvtcxeiv: ävTi-rvTireiv, EVEgyEtsIv — ävtEvegyerelv gewünscht wurde.
Scheinbare Komposita.
§ 38. Wie eben erwähnt (§36), können von Komposita so gut Ableitungen gebildet werden wie von einfachen Wörtern :
^ Die Stellung des Augments und der Reduplikation zwi- schen Präverb und \'erb wurde sicher so wenig als Trennung empfunden wie im Deutschen Pälle wie ah-zu-gebe/i, ab-ge-geben.
§§ 38 — lO] Allgemeine Bemerkungen. 21
7T,agao'vv'&exa nach antiker Terminologie. Z. B. von /jlovo- jjidxoQ „einzeln kämpfend" wird abgeleitet fxovojuax-^iv 'einzeln kämpfen' (§ 189), juovojuax-ia 'Einzelkampf' (§ 287). Natürlich wäre es verkehrt, wenn man glauben wollte, /biovo-
sei direkt mit -fiaxElv ■ na%ia zusammengesetzt; freilich
lag es für den naiv Redenden nahe, eine direkte Beziehung zwischen ix6.%EG'bai und -[xax^lv, fxdxri und -/btaxia herzu- stellen und auf diesem Wege neue Komposita mit -fxaxslv und -fj,axia zu schaffen unter Ausschaltung des ursprüng- lichen Zwischenglieds -fiaxog. Noch verführerischer war es, in der Reihe odöv Jioielv — ödo-jzoiog — ödo-TtoLEiv das Mittelglied zu überspringen. So ist höchstwahrschein- lich zu deuten nhjQO-cpoQelv 'volles Maß bringen' (bei Ktesias, dann hellenistisch) und 7ih]QO-(poQLa'¥\3\\(i (N.T.), zu denen nirgends ein *JihjQO-(p6Qog überliefert ist. Vgl. evÖokeIv (§61) und xagadoxElv (§ 72 Fußn.). Mit Sicher- heit läßt sich freilich kaum in einem Einzelfall ausmachen, ob das Zwischenglied wirklich nicht vorhanden war oder imr zufällig in der uns bekannten Literatur fehlt^.
§ 39. Eine andere Art von Pseudokompositum stellt xardga 'Fluch' (seit Aeschyl.) dar: Nach dem Muster rijuäv: xifxrj: JtgoTijuäv: TiQorijurjOiQ wäre doäo&ai 'beten' (Hom.): dgd 'Gebet' (Hom.): xar-agäo&ai 'verwünschen' (Hom.): KaT-doaoLi; (erst LXX!) zu erwarten; statt dessen ist aus xaragäo&ai rückwärts xardga gebildet worden; vgl. § 25c).
Verdunkelte Komposita.
§ 40. Bekanntlich lautet von Kad'-fjO'&aL im Attischen gewöhnlich das Imperfektum Exa&t]/nriv EKd'&)]Oo statt des älteren xad-rjfxrjv Kad^-fjoo. Der Grund kann nur der sein: dem Athener war damals die Zusammensetzung von xad^- fjod^ai nicht mehr durchsichtig, weil das einfache 7]od^ai in
1 Man unterscheide von der Parasyntliesis sorgfältig die Hypostasierung ( § 146 ff.), wo die Ableitung nicht vom Komposi- tum ausgeht, sondern es erst ermöglicht.
22 A. Zusamineasftzurig. [§§ \0. 41
der Umgangssprache nicht mehr existierte, und so behandelte er das frühere Kompositum wie ein einfaches Verbum; vgl. i-XQfjV für XQV^' ^us '^oi) ^v (§66). Dieselbe Verdunklung eines Kompositums hat sicher auch sonst oft stattgefunden, ohne daß ein äußeres Kennzeichen die Veränderung verriete. So hat z. B. gewiß kein Grieche ÖaTcedov 'Fußboden', ägiorov 'Frühstück', tceqvgi 'im vorigen Jahr', äy.oveiv 'hören' als Zusammensetzung empfunden, und doch hat die etymologische Forschung mit guten Gründen jedes in zwei Kompositionsglieder zerlegt. Man vergleiche unser fressen, das für den gemeinen Mann nicht mehr Kompositum von essen, sondern höchstens Reimwort dazu ist.
Nicht nur alleinstehende Komposita, wie die eben ge- nannten, sondern auch Kompositionstypen können der Ver- dunklung anheimfallen; wenn das Schlußglied des Kom- positums in seiner Bedeutung verflacht, so wird aus dem Kompositionsglied ein Suffix; vgl. § 8.
Analogische jVeuJjildungen.
§ 41. Für die Neuschöpfung einzelner Komposita mit Hilfe eines Gliedes oder Gliedausgangs andrer Komposita sind oben schon Beispiele gegeben worden: {^edoboxo:; (§ 31), 7ivQir]xr]g (§ 32), freilich nur solche, bei deren einem Gliede irgendwie die Form nicht zu seiner syntaktischen Funktion innerhalb des Kompositums stimmte. Es folgt aber doch daraus, daß es Komposita gibt, die nicht selber aus der Zusammenrückung eines syntaktischen mehrwortigen Kom- plexes (§27) entstanden, sondern nach dem Muster schon vorhandener fertiger Komposita analogisch gebildet worden sind. Könnten wir nun im Griechischen die Ge- schichte der Komposition überhaupt von ihrem ersten Anfang an genau verfolgen, so hätten wir wohl die Möglichkeit, Urbilder und Analogieschöpfungen gänzlich voneinander zu sondern; so aber, da wir für die indogermanische Sprache sciion eine reiche Entwicklung der Komposition annehmen
§§ 41. 42] Allgemeine Bemerkungen. 23
müssen, können wir selten eine sichere Entscheidung treffen: '^sÖGÖorog, Jivgiijtcrjg sind sicher rein analogisch, dagegen Fälle wie A löoxovgoi, die vor unseren Augen in historischer Zeit aus der mehrwortigen Verbindung erwachsen (im 33. homerischen Hymnus vs. 9 noch Aiog xovqovg jueyakoio), sind sicher Neuschöpfungen von Komposita. Für eine große Masse der Beispiele fehlt uns jedoch ein solches Unter- scheidungsmerkmal: daß das Anfangsglied der sogenannten Stammkomposita einmal selbständige syntaktische Geltung gehabt hat, ist höchst wahrscheinlich (§ 74); aber ob irgend- eines der uns überlieferten griechischen Stammkomposita zu diesen Urbeispielen gehört, läßt sich nicht ausmachen. Die Forschung muß sich daher fast ganz darauf be- schränken, den vorhandenen Besitzstand an Komposita festzustellen und zu gliedern und seine Entwicklung im Verlauf der sprachlichen Überlieferung zu s^erfolgen.
Eiiiteiliing der Komposita.
§ 42. Die griechischen Komposita lassen sich nach ver- schiedenen Gesichtspunkten einteilen: nach der Wortart und Wortform des Vorderglieds, nach der Bedeu- tung, d. h. nach der syntaktischen Beziehung der Glieder zueinander, nach der Wortart des Gesamtkomposi- tums, nach dem Stammauslaut des Vorderglieds, nach der Stammgestaltung des Hinterglieds. Es ist leicht, jede dieser Einteilungen aufzustellen und an Einzelbeispielen zu erläutern. Soll sich aber ein Gesamtbild der Komposition herausstellen, so müssen vor allem die großen Gruppen hervortreten; da aber diese naturgemäß nicht gleichmäßig verteilt sind und sich in ihnen die Ein- teilungsprinzipien oft kreuzen, so hat die Darstellung manch- mal nach praktischen Erwägungen an einer Stelle die Gruppe vollständig zu behandeln, um sie nicht zu zerreißen. Vgl. Verschiebungen zwischen Formtypen und Bedeutungs- typen § 113 ff.
24 A. Zusammensetzung. §§ 43 — 45]
Die Komposita nach der Wortart und Wortform des Vorderglieds.
I. Das Vorderglied ist ein Adverb (im weitesten Sinn).
§43. 1. Präverb + Verbum (Verbum finitum und infinitum; auch mit Verbalnomen), die einzige Ver- bindung, in der überhaupt ein Verbum (nicht ein Verbal- stamm!) als Hinterglied vorkommt (vgl. §38,61): dv-iory^jui, dvä-orarog, ävä-aiaoig, äva-OTazrjQ oder -(7TdT>^?'Verwüster'. Dieser Typus ist ebenso alt wie geläufig; weitere Beispiele sind daher überflüssig. Die Stellung des Präverbs zum Ver- bum ist noch bei Homer durchaus frei (,,Tmesis" und ,, Ana- strophe", §35); dagegen die Verbindung des Präverbs mit dem Verbalsubstantiv und -adjektiv ist von jeher unauf- löslich, und das hat stark mitgeholfen, daß das Verbum schließlich demselben Gesetz unteinvorfen wurde (§35); vgl. das Lateinische: ex-Ire ist untrennbar geworden wie ex-itiis *" Ausgang', während das Deutsche in der Entwicklung etwas früher Halt gemacht hat: Ausgang und ausgehen, aber ich gehe aus; s. ferner die Geschichte von Neu IIoXiQ > Ned- 7io?ug usw. § 146.
§ 44. Ein Verbalnomen ist auch das Hinterglied von Adjektiven wae xdx-oxog 'festhaltend' zu y.aT-e%eiv, Trgöo- (poQog "zuträglich' zu jcgoo-tpegeiv, 7iQÖö-(pv^ 'Flüchtling' zu Jtooa-(pEvysn% die eigentlich mehr nur Ableitungen vom zusammengesetzten Verbum sind, aber zugleich Verwandte der Typen ipvxo-7to/j,7TÖg (§97) und ipevoi-orv^ (§102), z. T. au(^h des Typus &86-7ioiu7iog (§ 106) und oioToo-Tzhj^ (§ 105): so heißt dno-QQOj^ 'abgerissen, schroff, xdr-oxog oft 'festgehalten', dnö-ozoÄog 'abgesandt'.
§ 45. 2. Präposition (in der alten adverbiellen Be- deutung) -|- nicht davon abhängiges Substantiv oder Adjektiv,
a) Mit Adjektivierung des Kompositums (§ HO, 112 Fußn.): d/iiq)i-^d?.aooog 'zu beiden Seiten Meer
§§ 45 — 47] Nach der Wortart und Wortforni des Vorderglieds. 25
habend, von Meer umgeben' (Pindar) ist ein alterund ziem- lich verbreiteter Typus; weitere Beispiele: ev-^eog "in sich Gott habend, gotterfüllt' (klass.), £7r-ryo£T^og''mit Rudern ver- sehen' (Hom.), nEQL-KalXrjQ 'in hohem Maße Schönheit be- sitzend, sehr schön', (Hom.) vjteo-ßvjuog 'hohen Mutes' (Hom.). Hierher auch äyxt-ßa&/]Q 'nahe am Gestade tief (Hom.; von ßd'&OQ), *ä/bid-rQO)rog 'die Räder zusammen habend' in ä/uargoxtr] 'Zusammenstoß der Räder' (Hom.). Vgl. lat. prae-ceps 'mit dem Kopf vorn, kopfüber'.
§ 46. b) Ein Adjektiv als Hinterglied: TiQo-Ttag 'voll und ganz' (Hom.) geht als Typus auch auf vorgriechische Zeit zurück (vgl. lat. per-magnus), besteht aber nur noch in Resten. Im spätem Grie- chisch haben Bildungen wie xard-^i/gog 'ganz trocken', TiEOL-ni'/iQOQ 'sehr bitter', nagd-levKog und vTiö-levKog 'weißlich', vtzö-Ietitoq 'etwas zart' eine gewisse Beliebtheit erlangt; sie gehen aber schwerlich auf den vorgriechischen Typus zurück, sondern sind jedenfalls in erster Linie Rück- bildungen aus älteren Verben ^vie vno-Xevxaiveiv 'ein wenig weiß machen' (aus vtiö und Xevxaiveiv), '/iara-^rjgaiveiv 'völhg austrocknen'; auch eJii-XQVOog, zaxd-XQVoog^ tceql- XQvoog 'vergoldet', TZEQL-y.allrig 'sehr schön', TtEQi-lvTiog 'sehr traurig', naga-Tiögtpvgog 'an der Seite purpurn', die alle dem geläufigem Typus a) angehören und im allgemeinen älter sind, dürften als Muster gedient haben. Auch dn- (ii-jE/.EV'&Egog 'Freigelassener' (klass.) muß aus än-fi^-) E?.Ev&Egovv 'freilassen' zurückgebildet sein nach der Pro- portion sXEV&Egovv : sX.EV'&Egog = dnsXEV&Eoovv : x (§ 25).
§47. c) Ein Substantiv als Hinterglied ohne Mutierung [s. a)]: ovv-Egi&og 'Mitarbeiter' (Hom.), ovv- öovlog 'Mitsklave' (klass.), vn-agxog 'Unterbefehlshaber' (klass.), Tigö-TiaJiTzog 'Urgroßvater' (klass.), ngo-ndxcog 'Stammvater' (Pind., Eur.), 7cg6-dofj,og 'Vorhaus, Vor- saal' (Hom.), Troo-d/oj*- 'Vorkampf, Vorübung' (klass.) sind Überbleibsel eines idg. Typus; lebenskräftig geblieben ist in dieser Bedeutung nur vjto- {vTio-didxovog, vno-didd-
26 A. Zusammensetzung. [§§ 47 — 'i9
oy.aÄog usw.) und besonders ovv- (ovy-ya/ußgos, ovv-s^e/.ev- '&EQog und viele andere); durch GVfx-noxriQ 'Mittrinker' (Pind.) wird eine Brücke zum Typus von § 43 herge- stellt, ebenso durch v(p-rjvioxog ,, unter dem Wagenlenker stehend" (Xen.) eine solche zum Typus von § 50. Zu § 43 gehören auch die zahlreichen Komposita von Präposi- tionen mit -odog; hier vertritt ööög das fehlende Verbal- abstraktum zu *i- 'gehen' {Isvai), wie der Vergleich mit dem Lateinischen zeigt: e^-odog = ex-if.us, TiQoo-oöog = ad-itus, ovv-odog = co-itus (coetus). äf.Kpi-'&earQOv (Dio Cass. usw.) geht jedenfalls zurück auf ein Adj. ä/uxpi-^earoog in der Bedeutung 'rings um das {^eargov liegend' nach § 50 (so Dionys. Hai. nach Passow-Crönert) oder 'ringsum ein deaxQov habend' (nach § 45) und hat sich dann genauer an ^EUToor angeglichen.
§48. 3. Präposition + davon abhängiges Glied.
a) Ohne Veränderung des Hinterglieds: tcoovo- yov (aus tzqo sQyov) 'zweckmäßig' (klass.), en-ixeiva (aus ETI EXEiva) 'jenseits' (klass.), 7raQaxQr]/u.a (aus nagä yQf]/ua) 'sogleich' (klass.); vgl. lat. deniiö aus de novo 'von neuem', deutsch abhanden aus ab Händen. Es sind lauter Zusammen- wachsungen formelhaft gewordener präpositionaler Wen- dungen; manche davon sind in historischer Zeit erst auf der ersten Stufe der Zusammeru'ückung angelangt, so daß über die Schreibung Zweifel erlaubt sind: ETtiJrav oder enl 7im\ TTQOTov oder ~zod tov, ravvv oder rä rvv usw. Besonders alt sind einige Beispiele, in denen vorhistorische Formen und Kasus Verbindungen erscheinen: eTti-ax^QOi 'der Reihe nach' (Hom.) mit altem Instrumental, e/j-jZoÖcov [aus *ev jIoö&v 'drinnen (ev) im Bereich (Gen.) der Füße' (klass.)]. § 49. Weil von Präpositionen auch Adverbia abhängen können (z. B. ixiyQi töte), so können auch solche Gruppen zu Komposita verwachsen: iaaei elaaei (oder i; dei, elg äei) 'für immer', yMr-öjtia&e Mn Zukunft' (Hom.), rroo-TccQvoi 'vor zwei Jahren' (klass.), .-Tgo-/i?ec 'vorgestern' (hellen.). Andere wie errm-co, vjioxaxoi lassen sich nicht mehr so leicht in eine präpositionale Wendung auflösen, ('her i'jre'^, i)ia7roö usw. s. § 162.
§§ 50—52] Nach der Wortart und Wortform des Vorderglieds. 27
§50. b) Mit Adjektivierung des Kompositums (vgl. § 110, 148) : dyxt-a^ot; 'nahe am Meer' (Hom.), ä/Li-iTcnog 'roßschnell; Fußsoldaten zwischen den Reitern' (klass.), ev-rijuog 'in Ehren stehend' (klass.), ijc-dgovQog 'auf dem Acker lebend' (Hom.), icp-rj/neQog 'für den (einen) Tag be- stimmt, Eintags-' (klass.), 7rao-aAA>^/og 'nebeneinander, paral- lel' (hellen.), tzqo-^evoc, 'für den Fremden (Gast) eintretend, Gastfreund' (klass.), (pgovdog (aus ngo ööov) 'fort' (klass.), än6-ji(T)oh(; 'von der Stadt fern' (oder 'die Stadt fern habend' nach § 45), dji-dv&Qcojrog 'menschenleer' (klass.), a7r-o<;>!;og 'Auswanderer' (klass.), d7ro-^£og 'gottlos' (Soph.), dji6-ro?.fÄog 'mutlos' (Philostr.), vgl. lat. ab-nörmis 'von der Regel abweichend', ä- mens 'von Sinnen'; at'i^-aöe/^^og 'Ge- schwister habend' (Xen.).
§ 51. Mit Vorliebe wird jedoch das Adjektiv mit dem bequemen ,, Kompositionssuffix" -lo- (§ 147) gebildet: ev- oiKiog 'im Hause' (Aeschyl.) und evoixog 'Einwohner' (klass.), i(p-rjjueoiog (Hom.) = eq)-7]juegog, naq-dhog (neben ndg-alog) und naqa-'daldGOiog 'am Meer gelegen' (alles klass.), xard-ysiog (klass.), xara-X'&dviog (Hom.), vJto- X&dviog (klass.) 'unterirdisch', ejii-x^dviog 'auf der Erde befindhch' (Hom.), dno-'&vjLiiog 'mißfällig, verhaßt' (Hom.; vgl. H. I 562 f. djio d-v/Liov juä?J.ov ejuoi eoeai), xara-^vjuiog 'erwünscht' (Hom.) usw. Vgl. lat. e-greg-iiis '(aus der Herde) hervorragend'.
§ 52. Gelegentlich wird das Neutrum solcher Adjek- tiva, besonders derjenigen mit -fo-, zum Adverb: e/u-Ttedog 'fest (im Boden) stehend' (Hom.), Adv. e/ujiedov (Hom.), ev-v7cviog 'im Schlaf erscheinend' (Aeschyl.), Adv. evvnviov (Hom.), ev-üiJiiog 'im Angesicht' (hell.), Adv. (und sogar Prä- position) evcoTtiov (hellen.). Häufiger ist die Substanti- vierung des Neutrums (§289): Ev-vnviov "TYa.\ym (klass.), ev-o)7iia 'Vorderwände' (Hom.), vTco-noöiov 'Fußschemel' (hellen.) {vno-nodiog 'unter den Füßen' [hellen.]); das Adjektiv kann als ZwischengUed wegfallen (vgl. § 38): ngodöTiov 'Raum vor der Stadt' (klass.; ngo-doriog
28 A.Zusammensetzung. [§§52 — 54
ist viel seltener!), jiqo-oi'jmov {(fgoi^xiov) (seit Pindar) 'Vor- spiel eines Gesangs {olßog, oifA/)]), Einleitung', /biera-xiöviov 'Raum zwischen den Säulen' (Dittenberger Syll.^ 537, 36).
§53. Erwähnenswert ist eine Entwicklung von Komposita mit ävTi-: Nach altern Beispielen wie ävri-&eoi; 'Gegenbild^ eines Gottes, göttergleich' (Hom.), ävti-dveiga 'männergleich' (Hom.) bilden die attischen iJichter z. B. ävri-Mon' 'löwenähnlich' (Aristoph.), ävri-rivQyot; 'turmähnlich' (Soph.); uvxi-öovXoc 'eines Knechtes Stelle vertretend' (Aeschyl.); infolge eines nähern An- schlusses z. B. von avxi-öovXoi; an dovKo(; und an ävxi c. gen. und wohl auch der Parallelisierung mit dem substantivischen ovv-dov7,oi; [ §47) bekamen dann derartige Komposita mehr und mehr substantivische Geltung und uvti- die Bedeutung 'Ersatz für': avTi-xleic (Pollux als neueres Wort) 'Nachschlüssel'. Daher eignete sich diese Bildung- vorzüglich zur Wiedergabe der römischen Ämter des proconsul, propraetor, proquaestor: dv&-v7zaTog, ävTi-aTodrip/oc; (eig. arrt GTQaxqyov = pro praetore), avxi-xafxiac.
4. Das Vorderglied ist ein nicht mehr selb- ständig vorkommendes Adverb:
§ 54. a) Eine Negation: d-, äv- (äva-, da-), ve-, vt]-. Die häufigste Verneinung durch ein Kompositum ist die mit d-, dem sogenannten d- privativum, das lautlicli und semantisch dem lat. /»-, dem deutschen un- entspricht: ä-dixog, vgl. in-iüstiis, un-gerecht. Das ist wohl geradezu der lebendigste Kompositionstypus aller griechischen Sprach- epochen. Vor Vokal heißt es äv-: äv-dgi^/uog usw. Vor anlautendem / haben die altern (homerischen) Beispiele noch d-: ä-tÖQic, 'unkundig' (Wurzel fid-), ä-eiyJ]<; 'un- ziemlich' (später kontrahiert zu alxijg), ä-sgyog (später ägyög) 'untätig, träge'; da nun zufällig mehrere geläufige Komposita derart mit ä-o- begannen {ä-oivog, ä-oixog, d-öoaxog; alle mit ursprünglichem -fo-), so hielt man vielfach den Hiatus ä-o- für normal und sagte besonders in nachklassischer Zeit auch ä-odfj,og (ä-oa/nog) neben äv-oö/iiog (äv-oojuog) 'geruchlos' (Wurzel öd-, vgl. lat. odor),
^ ävTi- in der alten Bedeutung 'gegenüber', vgl. <h'&- laxuoi^ai , ev-avxio^.
§§ 54 — 57] Nach der Wortart und Wertform des Vorderglieds. 29
ä-oCog neben äv-o'QoQ 'astlos' {öl^oc, vgl. Ast)^ ä-ogvog 'ohne Vogel' {ÖQvig verwandt mit deutsch Aa?' 'Adler').
§ 55. äva- in privativem Sinn ist nur Schein: dvdeövog 'ohne Brautgeschenke' (Hom.) und dväe?.jtroi; 'unverhofft' (Hesiod Theog. 660) sind äv-deövoi;, dv-de^rog zu trennen oder dv-eeövoi;, di>-e£?^zo; zu schreiben (zu eeövov ieXTtea&ai) ; dvdjTvevaroi; 'atemlos' (Hesiod Theog. 797) ist dv-d/xjipsvarog zu schreiben oder als Nachahmung von hom. dvdaxeTog ~ dayero!; (s. Fußnote) zu be- trachten wie dvdyvvyaioz 'unbekannt' (Kalhmachos frgm. 422 Schneider; zweifelhaft).
Die Form da- in ddriXtroz 'ungeheuer' und ddoTiExoc, 'unsäg- lich' bei Quintus Smyrnäus (statt dTxX^xoc äa.-reroc) ist lediglich Nachahmung der homerischen Lesart ddaxeroc^ (II. V 892, XXIV 708) 'unerträglich', das mit doxerog 'unaufhaltsam, un- widerstehlich' identisch zu sein schien {jrev&og äoxerov II. XVI 548/49, Jiev&o^ ddaxetov XXIV 708, ddnXExov jzev&og Quint.Sm. !).
§ 56, Etymologisch verwandt mit d-priv. ist die idg. Negation ne (ursprünglich wohl nur vor Verben; vgl. lat. ne-sclre), die im Griechischen nur in der Kontraktion vij- voj- erhalten ist: v7]Ie7]c, 'erbarmungslos' (Hom.) aus *ve- £/e>;g, vfjorig 'nüchtern' (Hom.) zu iö- 'essen', vrijUEQxyg 'unfehlbar' (Hom.) zu äjuagr-, v7ir8juog 'windstill' (Hom.) zu ävEjuog, vd)vvju(v)og 'namenlos' (Hom.) zu övo/ua. Aus solchen Beispielen wurde eine Privativpartikel vr]- ent- nommen und gelegentlich auch vor konsonantischem Anlaut verwendet; schon Homer kennt r?^-;i;£^(3i;g 'unnütz' (snog vr/- KEQÖEg EEiTiEg Od. XIV 509 wohl Nachbildung von snog v7]jUEQr£g EEiTcsg \\. III 204; vr]XEQdEa ßovlriv 11. XVII 469 vgl. v7](XEQXEa ßovXriv Od. I 86 = V 30) und vriXg 'unwissend' (zu fid-^); später korrimen noch vyj-TZEv&rjg 'ohne Leid' (zu JiEv^og), vrj-TZEv&Yjg v'/]-7i.voxog 'unerforschlich, ungehört' (zu Tivvd'dveo'&ai) und wenige andere dazu.
§57. vrjTcoivoc 'ungestraft' (Hom.) gehört wohl ursprünglich zu änoiva 'Lösegeld'; vgl. Od. I 377 dvÖQÖg ivög ßiorov vr'jjioivov ('ohne
^ Wohl in äi'd(7;f£Toc = *dv-dvax£'toc = *dv-avd-axETOi; zu ver bessern.
^ Dehnung des Vokals vor / wie beim Augment rj-ffJeCdr]?
30 A. Zusammensetzung. [§§ 57—59
Ersatz') oXea&ai {dv-djiotvog II. 1 99); erst nachtraglich wird es auf Tioivi] bezogen worden sein. Formen wie ävtjXeijg (klass.), ävt]vefiog (klass.), dvmvvfMoi; (klass. und Odyssee VIII 552) gehören zu den Bildungen mit „Kompositionsdehnung" (§ 118); vermutlich sind sie aber gleichzeitig Umgestaltungen der altern und veraltenden Formen vj^Aer/c usw. nach dem geläufigem Typus mit äv- priva- (ivum.
Die in historischer Zeit als selbständige Negationen herrschen- den ov(-x, -x) und fxi'j nebst ovdi und /xrjde bilden mit vielen Ad- verbien mehr oder weniger enge Komposita : ov-^to, ovöe-ttots, ovx-ETi (und danach /.aj-H-eri), selten mit Pronomina u.dgl.: ovTi^, ovösii;.
§58. b) Andere unselbständige adverbielle Wörter: ä- copulativum (d-), ovo-, ev-, olqi-, egi-, aya-, Ca- (<3a-), 7J/ia-.
Vom d- privativum unterscheiden schon die Alten mit Recht das d- (oder d-) copulativum. Es geht zurück auf *sm- und gehört zu slg, äjua und zu lat. simul, semel. Das Griechische kennt von frühester Zeit an nur noch erstarrte Beispiele dieses Bildungstypus: ä-7T?,ovg, ä-nai; ä'Jiag] durch Hauchdissimilation entsteht d- in d-de2.(p6g 'einen Mutterleib {de?,(pvg) habend, Bruder' (Oxytonese nach jiaxrjQ und ähnlichen), ä->cö?.ov&og '"einen Weg {xe- lev&oq) habend, Begleiter', ä-loxog 'ein Lager {My^og) habend, Gattin'. Manche Wörter, die im Attischen un- bekannt waren, zeigen auch ohne Dissimilation die hauch- lose Form (unattische Psilose): ä-xoirig {xohrj) (Hom.) = äloxog, ä-nedog 'eben' (Herodot), ä-ydlaxreg = ö/uo- ydlaKxeg (Hesych), ä-oXXrig 'dicht gedrängt' (Hom.; zu ellelv 'drängen'; dXi. hlrig). Mit d- copul. ist der Bedeu- tung, vielleicht auch der Etymologie nach identisch das d- des Epos (äolisch?): ö-naxQog 'vom selben Vater' (Hom.), ö-rqixeg Innoi 'mit gleichen Haaren' (Hom.).
§ 59. bvo- 'miß-, übel-' ist als Kompositionsglied uralt und im Griechischen allezeit sehr lebenskräftig geblieben; einige Beispiele genügen: övff-//ei'?yg 'übelgesinnt' zu juevog, dvo-daijjLOiv 'unglücklich' zu öai/iiov, övo-JiOQog 'schwer zu
§§ 59 — 61 ] Nach der Wortart "und Wortform des Vorderglieds. 31
passieren' zu Tcögog, övo-dkorog 'schwer einzunehmen' zu dhorög.
Der Gegensatz zu ovo- wird durch das ebenso behebte £15- (sv-) ausgedrückt: ev-juevTJg, ev-daL[xcov^ sv-nogog, sv-d?.coTog. Freilich kommt ev auch als selbständiges Wort vor, es vertritt aber als Kompositionsglied ein älteres un- selbständiges V- (aus *su-), das im Griechischen nur noch in v-yi'ijg 'gesund' (zu ßiog) fortlebt.
§ 60. In der alten Dichtung spielen ägi- (verwandt mit ägeicov ägiOTog), eql- (verwandt mit d^;.-?), äya- (vgl. ayav, auch iieyag) und (I,a- (äohsch für dia-; da- aus Ca- [gesprochen sda- mit stimmhaftem s] durch Dissimi- lation vor o?) als verstärkende Vorderglieder eine gewisse Rolle: ägi-yvcorog 'leicht kennthch', äQL-L,i-ilog {-öißog) und ägi-cpQadrig 'sehr deutlich'; eql- ist etwas häufiger: sql- ßge/uezrig und egi-yöovnog 'laut donnernd', egi-ßcolog 'großschollig', egi->cvdY]g 'sehr berühmt', egi-Ti/bcog 'sehr ge- schätzt'; ebenso äya-: äya-x/.erjg, äya-xlenög und äya- xXvxog 'sehr berühmt', äyd-ggoog 'stark strömend', dyd- vvicpog 'schneereich', dyd-oxovog 'stark brausend', äyi]vo)g 'sehr mannhaft'; nur vereinzelt Ca-: Cd-'&eog 'sehr göttlich, herrlich', Cär/g 'stark wehend' (äfjvai), Cd-xorog'sehT zornig', Ca-Tg£(p7]g' wohlgenährt'; dd-0}iiog'sehT schattig', da-q)oiv6g 'ganz blutrot'. Alle diese Beispiele stammen aus Homer.
§ 61. In der Wahl der Endglieder der Komposita mit d- priv., dva- und ev- (igt-, äya- usw.) herrscht durchaus nicht absolute Freiheit. Unmöglich ist hier wie überhaupt bei allen Komposita mit Ausnahme der präverbialen ( § 43) die direkte Zusammen- setzung mit Verbalformen: ävo^oiovv ist nicht Kompositum aus cti'- und 6/bLoiovv, sondern Ableitung von äv-6/jioioQ, drtfiäv (Hom.) Ableitung von äri/nog (Umgestaltung von uTi/bidCsiv im Anschluß an Ti/xäv) ; äriei 'ehrt nicht' bei Theognis 621 steht im scharfen Gegen- satz zu riet und ist eine dichterische Kühnheit, die durch Ti/j,äv — äri/iiäv nahe gelegt war; evöonelv 'zufrieden sein' ist Ableitung von einem unbelegten (vgl. §38) sv-öoxo^ 'gut aufnehmend' (von de- Xea&ai, dexea^ai ; vgl. xagaöoneiv § 72 Fußn. ) ; ev Jioielv ist erst in klas- sischer Zeit im Begriff, zu einer einheitlichen Vorstellung zu ver-
32 A.Zusammensetzung. [§§ 61. r)2
schmelzen, was sich zuerst im Bedürfnis nach Ableitung (evjioua) und weiterer Komposition [ävTevTioielv] ausdrückt (vgl. §36f.); evTtoiö^ 'wohltuend' kommt nur bei Hesych vor. Nur in einem Fall hat sich die vorhistorische Verwendung von d-priv. mit Parti- zipium (vgl. lat. in-sciens, aber ne-scio) in historische Zeit hinüber- gerettet: ä-exMv (kontrahiert äxcov) enthält das Partizip eines verschollenen Verbalstammes *fsx-.
§ 62. Altererbt und immer bevorzugt sind als Hinterglieder Verbaladjektiva (vgl. lat. in-fectus): äv-rjvvaro^ 'unvollendel', ä-oxero^ 'unaufhaltsam', ä-nvevaroc 'atemlos' (mit ,, aktivischer" Bedeutung des Verbaladjektivs; vgl. § 105), öva-ßarog 'schwer zugänglich' (bei dva- fast nur diese Bedeutung des Verbaladj.); EV-yvaii,7iT0(; 'schön gebogen', sv-xeazo^ 'leicht spaltbar'; ebenso Substantiva mit Mutierung (§110; \gl. la.t. in-ennis): ä-^vfio^ 'mutlos'; d-a&evti^ 'kraftlos', äv-ai/ncov 'blutlos'; öva-§vjLio!; 'miß- mutig, traurig', dva-/u£vtjc: 'übel gesinnt', öva-öaißvw 'unglücklich', sv-'&vjuoc: 'wohlwollend, fröhlich', sv-jU£vi]C 'wohlgesinnt', ev- Sai/biow 'glücklich'. Nahe steht an Wichtigkeit die Verneinung von gewöhnlichen Adjektiven (vgl. lat. in-iüstus): ä-iÖQig: 'un- kundig', ä-ixßQoxo^ 'unsterblich'. Selten und wohl nur in der Poesie wird dieser Typus auf ovo- und ev- übertragen: öva-d/bijüioQog (Homer) und dva-d&2.iog (Soph.) 'sehr unglücklich', ev-aoo^ 'wohlbehalten' (Theokrit); ebenso steht es mit der Übertragung auf Substantiva: dcoga äömga (Soph.) 'Geschenke, die keine Ge- schenke sind, Unglücksgeschenke', ^/^Os"^l«£'oc (Hom.) 'l'nglücks- Iros', Ava-jtuQig (Hom.) 'L'nglücks-Paris'. dvo-yajuo!; ydjuo^ (Eur.) «•Unglücksehe', vgl. d-/Lit'jTojQ, öva-Tiaic, sv-Ttaig § 117.
Schwer faßbar, wenn auch sehr alt, sind Wörter wie ä-qpogog 'unfruchtbar, unfr. machend', Öt;a-9;oeoc 'schwer zu tragen', £^-9:0^0? 'leicht zutragen; leicht tragend, fruchtbar'; sie gehen wohl auf Substantiva zurück, haben aber mehr oder weniger enge Be- ziehungen mit den zugehörigen Verben angeknüpft und die Funktionen eines Verbaladjektivs angenommen; vgl. noch d-egyöi; 'untätig; nicht bebaut', öva-egyoc 'schwer zu bearbeiten; untätig', ev-EQyöc; 'gut handelnd; gut bearbeitet; leicht zu bearbeiten' (Subst. egyov — Verbum eg^ai = *egy-aai); ä-juaxog öva-fxayoc ev-fiaxoc: (fj.dxtj — fidxfo&ai). Dasselbe gilt für Wurzelnomina: ä-Cvi 'unvermählt' (Eur.), d-yiwc 'unbekannt' (Hom.), 'nicht kennend' (Pind.), selten ev-: ev-xgdc'i^u\ genüschV (Kur.), ev-Cv^ 'schön gepaart' (Anthologie). S. aucli § 44.
§§63.64] Nach der Wortart und Wertform des Vordergiieds. 33
§63. 5. Das Vorderglied ist ein andres ad- verbielles Wort. Hier werden einzelne Fälle vereinigt, die unter sich etwas verschieden sind, sich aber in keiner größern Gruppe recht unterbringen lassen.
alei-yevsr7]g 'ewig' (Hom.), dei-(pQOVQog "stets be- wachend' (Soph.), äei-xhoQOQ 'immer grün' (Euphorion).
nalai-yevrig 'vor alters geboren, betagt' (Hom.), -fpaxoQ 'längst gesagt, uralt' (Hom.), -ypoiv 'längst einheimisch' (Aeschyl.).
Y\Qi-yhEia 'die frühgeborene (Eos)' (Hom.) und danach 7]Qi-n6hi 'die früh wandelnde' (Anthol. Pal.; ebenfalls von der Eos).
Xai^iai-svvrjQ und -ewolq 'auf der Erde liegend' (Hom.), -yeri^Q 'auf der Erde erzeugt' (Hom. Hymn.), auch mit Elision ^dfx-evva 'Lager auf der Erde' (Aeschyl.); bei Spätem gern für Modifikationen von Pflanzennamen ver- wendet: laiiai-nixv c,^ -gdtpavog usw.
§ 64. jidv- als Adverb ist sehr häufig; einige Beispiele aus Homer: Tiay-XQVOsog, Tca/bi-fA e?.ag, -Tcgojrog, Jiav-aio/.og, -analog^ -djtoxjuog, -VTtsQxatog, -vararog. Anders jzav- fjjuag (§ 69); nav-dafjidrcoQ 'Allbezwinger' (Hom.) mit Objektsakk. oder mit stammhaftem nav- (statt navt- oder jtavro-) wie ndv-vvxog Jtav-vvxiog 'die ganze Nacht hindurch' (Hom.), das besonders an 7iav-7]/bteQiog (Hom., Ab- leitung von 7iav-f]fxaQ) eine Stütze hatte^; jzav- als Stamm auch in nav-elhjveg (Hom.), TzafÄ-firjreiQa (Hom. Hymn.), 7zaju-iur]X7jg (Soph.), jtav-döxog 'alles aufnehmend' (Pind.); Tzav-ovqyog (§ 120) 'gewandt, schlau' (klass.; jiavrovQyög Soph.); zu den ältesten Beispielen mit jtavro- gehören 7iavT0-/Liiarjg (Aeschyl.), 7cavrö-iuoQ(pog (Soph.) und ndvr- aqxog (Soph.).
dio-'&avjjg 'zweimal sterbend' (Hom.), rgio-d'&hog, -dojUEvog^ -oXßiog usw. (klass., aber Hom. Od. V 306 noch
^ Zur analogischen Beeinflussung von ,,Tag" und ,, Nacht" vgl. 7iQo-vv^ nach TtQo-fjuaQ §108 Fußn.
Debrunner, Griech. Wortbildungslehre. 3
34 A. Zusammensetzung. [§§ 64 — 68
Tolg jLidxaoeg Aavaol xal x ex oaxi q), ferner Öio-xOuoi, xoio-jUVQioi usw.
§65. r'jjui- {= \Rt. semi-, vgl. rj/ii taug) 'halb-' wird zu- sammengesetzt mit Substantiven, und zwar substantivisch: rjjui-ÜEog 'Halbgott' (Hom.), rnjci-ovog 'Halbesel, Maulesel' (Hom.), ri[j.i-xdlavxov 'halbes Talent' (Hom.), und adjek- tivisch: fi[jLL-xeAi]g (zu xslog) 'halb fertig' (Hom.), tj/ui-ojxog 'halb durchlöchert' (Aeschyl.), später auch mit selbständigen Adjektiven: rjjui-xaxog 'halbschlecht' (klass.), Tt]/.iL-iueoxog 'halbvoll' (Pollux), besonders Verbaladjektiven: TJjui-ßQcoxog 'halb verzehrt' (Xen.), rjfjii-Xovxog 'halb gewaschen' (Kra- tinos); vgl. ty^(-^j'?;c 'halbtot' (Aristoph.).
II. Das Vorderglied ist ein Nominalkasus.
1. Das Ganze ist eine Zusammonrückung selb- ständiger Teile.
§ 66. a) Das Vorder glied ist ein Nominativ: Nednohg (mit Gen. iVean:o7foJs; s. § 146). Zahlwörter: d(v)ü)-dexa, ion. und hell. xeoo£g£o(TEGOaQeo)-xai-dexa ohne Deklination des ersten Gliedes; vgl. lat. dnö-decim, tre-decim usw. In Ableitungen: £xxrj-/xoQog (Aristot.) und exTTj-iJiÖQLog (hellen.) 'ein Sechstel des Ertrags als Arbeits- lohn erhaltend' geht auf exxrj /nöga zurück wie rgeioxai- öexarog^ xeGGageGxaidexaxog, TtevxExaiÖexaxog usw. auf rosig usw. xal dexa; vgl. § 146, 148. XQV^ XQÜ XQV^^'' ^^s XQrj 'Notwendigkeit' + »fr, ?), elvai (exQ'fjv s. § 40).
§ 67. b) Das Vorderglied ist ein Genitiv: Aiöo-xovQoi 'Zeussöhne' (§41), ÖioG-Öorog 'von Zeus ge- schenkt' (§31), xvvÖG-ovga 'Hundeschwanz, kleiner Bär' (auch Name eines Vorgebirges; vgl. § 31), r^wa-otPiof 'Schiffs- häuser, Docks' (klass.), IleXoTtovvrjGog aus Flelonog rfJGog, äloG-dxvrj 'Meerschaum' (bei Aristoteles als Name einer Tierpflanze, aber ellvxo de jxdvx' ä/.ög äxv)] Hom. Od. V 403).
§ 68. c) Das Vorderglied ist ein Dativ: äQi]i- (piÄog 'dem Ares lieb' (Hom.), -raGi-fxeXovGa 'für alle interes-
§§ 68 — 71] Nach der Wortart und Wortform des Vorderglieds. 35
sant' (Beiname des Schiffes Argo bei Honi.); mit lokati- vischem Sinn: iagi-ögenrog 'im FrühHng gepflückt' (Pind.), mit instrumentalem: xtjOEOGi-fpogriTog 'von den Todes- geistern getrieben' (Hom.), dovQi-H?^eiT6g und -}<?,vr6g 'speer- berühmt' (Hom.).
§ 69. d) Das Vorderglied ist ein Akkusativ: Ttav-fj/LiaQ 'den ganzen Tag lang' (Hom.) {nav- attributiv), y.uQrjxojuocovTEg und ßaQVorevdxcov s. § 34. Durchkonju- gierte Verbalkomposita mit Objektsakkusativ im Anfangs- glied wie lat. anim(um)-advertere kennt das Griechische nicht (s. §85Anm.); öaxov-xeojv ist schwerlich Komposi- tum (§34) und kommt nur im Partizip vor; vovvexovtcoq s. § 72.
§ 70. e) Das Vorderglied ist ein alter Lokativ, ein -99i-Kasus oder eine präpositionale Wendung: jueoai-JzoXiog 'dazwischen (alter Lokativ) grau, halbgrau' (Hom.). Das hom. l-(pi 'mit Gewalt' ist enthalten in Icpi- yevyjXOQ 'mit Kraft erzeugt' (Eusebius aus einem Dichter) und manchen Namen mit ' Icpi- CI(pi-juedovoa, ähnlich noch 'I(pi-dvaooa). Eine präpositionale Wendung: sy-XELoi-'dExoQ 'eingehändigt' (Herodot).
§ 7L 2. Das Hinterglied ist ein in dieser Form nicht selbständig vorkommendes Wort. Solche Schlul.'glieder sind ursprünglich den Stammkomposita eigen und von diesen her auf die Kasuskomposita übertragen.
Mit Genitiv: ouöevdff-ojpog 'auf niemand oder nichts {ovÖEvoo) Rücksicht {üioa) nehmend: frech; unbekümmert, liederlich'! (Hom. II. vfll 178).
Mit Dativ: XEix£OL-nAi'jxrjQ''?,'ic\\. den Mauern nähernd, Mauerstürmer' (Hom.); lokativisch & e gEi-y Ein'] g 'im Sommer wachsend' (Nikander), öoEol-XQOcpoc, 'in den Bergen auf- gewachsen' (Hom.); instrumental: dovQi-/bLaxog 'mit dem Speer kämpfend' (Orakel in einem Iliasscholion).
! So Dö der] ein nach Ameis-Hentze Anhang zur Stelle; die gewöhnliche Auffassung 'keiner Rücksicht wert' setzt ovös/nia o)oa voraus.
36 A. Zusammensetzung. [§§ 72 — 74
§ 72. Mit Akkusativ^: öixao-Tiö/.oQ " Rechtsprecher' (Hom.); äxaM-(pQO)v 'kindlich denkend' (Hom.) Misch- bildung aus äralä (pQovEO)v (Hom.) und *äxa/.6-(pQcov (vgl. sv-(pQcov usw.); vovv-ExyQ 'Verstand habend' (hell.; vgl. § 102; vovv-sxovrojg Isokrates, vielleicht noch nicht Kom- positum, vgl. ixovrojg vovv Plato), dxa/.a-QQsirijg 'sanft fließend' (Hom.) mit adverbiellem Akk.-, 7i/.eov-exrrig 'Profitmacher' (klass.) zu nleov exeiv'im Vorteil sein' (§ 101).
§73. Mit Lokativ form: ödoL-nÖQog 'Wanderer' (§ 28), nvloi-}'EV7)c, 'in Pylos geboren' (Hom.).
Mit -<p<- Kasus: 'Ifpi-XQdrrjg, 'I(pi-yEV£ia usw.
Mit präpositionaler Wendung: eju-7iVQi-ß))T)ig [xQiJiovg) 'über dem Feuer stehend' (Hom.).
III. Das Vorderglied ist ein Nominalstamm.
(Typus IjTJzo-da^iog)
§ 74. Bei allen Kompositionstypen des Griechischen, die überhaupt ein Nomen als Anfangsglied enthalten können, erscheint dieses Nomen in der Regel nicht in einer bestimmten Kasusform, sondern mit dem bloßen Stamm — so erdrückend häufig, daß Beispiele sich erübrigen. Diese Bildungsweise (nicht die einzelnen Bildungen! vgl. § 41) muß in eine Zeit zurückreichen, in der die syntaktischen Bezie- hungen der Nomina noch nicht durch ein System von An- hängseln (Endungen) bezeichnet wurden. Die Vergleichung der idg. Sprachen zeigt jedoch, daß diese Zeit weit vor dem Aufhören der idg. Sprachgemeinschaft liegen muß und daß die Stammkomposita als solche einen beliebten, ja geradezu
1 KaQa-x6 f.ioi; 'kopfabschneidond', xaQd-To/.wc: 'entliauptet' (beides klass.), xagä-öonelv 'aufpassen' (klass.; von einem feh- lenden xaga-öönog 'den Kopf zum Beobachten ausstreckend', vgl. § 38), scheinen den Akk. xdpä (hom. xagi]) zu enthalten; xaQti-ßuQrjC, -ßagelv 'einen schweren Kopf haben' (hell.) dagegen ist wohl Stammkompositum.
- Vgl. d«aAd TiQOQEOiv Hesiod (?) fr. 2'i2 (218) Rzach.
§§74.75] Nach der Wortart und Wertform des Vorderglieds. 37
den charakeristischen Typus der idg. Komposition dar- stellen, eben weil gleichzeitig die syntaktischen Beziehungen außerhalb des Kompositums formal anders (durch Endungen) als im Kompositum ausgedrückt wurden; die oben unter II besprochene Bildungsweise, die der freien syntaktischen Be- ziehung viel näher steht, spielt der Stammkomposition gegenüber im Griechischen wie im Indogermanischen über- haupt eine ganz untergeordnete Rolle^; man sondert sie deshalb gern als ,, Zusammenrückungen" von den eigent- lichen Zusammensetzungen; vgl. §28 f.
Über die Behandlung des Stammauslauts, den Kom- {jositionsvokal und die Kompositionsdehnung wird § 118 ff., 126 ff. im Zusammenhang gehandelt werden.
Auch die Zahlwörter erscheinen im ersten Glied ge- wöhnlich in der Stammform {rerQd-xvxXoQ 'vierrädrig', Hom.), soweit sie nicht indeklinabel sind (evved-ßoiog 'neun Rinder wert' Hom.) und das Kompositum nicht kopulativ ist {d(v)cbdexa, s. § 81).
IV. Das Vorderglied ist verbal empfunden.
§75. l.DerTypus dp;(;£->ia;<Os 'unheilstiftend' geht auf vorgriechische Zeit zurück und ist im Griechischen recht verbreitet. Beispiele aus Homer: exe-cpQwv 'besonnen', ElHe-%ixaiv 'gewandschleppend', (jLevE-örjioQ 'dem Feind standhaltend', raXa-Jiev&^g 'Leiden ertragend', TXi]-7t6Xe- fxoQ. Zur Erklärung dieser Bildungen liegt es nahe, an imperativische Fügungen zu denken {eXke xixüval usw.) und deutsche Wörter wie Lebewohl^ Stelldichein, Wagehals^ Fürchtegott, und französische wie casse-noix, cache-pot,
^ Auch im Deutschen stellen die Stammkomposita wie Land-mann, Erd-beben, Herz-blut, die ältere Bildungsweise dar; doch wird jetzt die genitivische Form des Vorderglieds oft vor- gezogen: Lands-mann, Erden-sohn Herzenssache; das -s- greift sogar, analog dem -o- des Griechischen (§ 129) über sein Gebiet hinaus: Frauens-person, Zeitungs-papier, Hilfs-mittel.
38 A. Zusammensetzung. [§§ 75 — 78
porte-monnaie zu vergleichen. Das ist in der Tat eine Mög- lichkeit der Entstehung des aQxe-xaxo g-Typus; aber mehr läßt sich nicht sagen.
§ 76. Im Griechischen ist damit z. T. eine andere Bil- dung vermischt worden: Schon Homer kennt eine Anzahl Komposita mit (pi/.o- mit verbaler Rektionskraft des Anfangsglieds: (piÄo-fijueid/jg, -ieivog, -Tcaiy/ucov, -Ttrö'/.e- juog, -yjEvd^g u. a. Auszugehen ist jedenfalls von nominalem (pilo-, also etwa von (pü6-^E(i)voc, 'dem Gast gegenüber freundlich' (vgl. io6-§eog § 87), das dann im Anschluß an aQ'iE-Kay.oc, verbal umgedeutet wurde^; vielleicht gab es auch einmal ein verbales cpiLe- (zur Wurzel opü.- in hom. (ptkaro, cpllai), das von dem nominalen (pilo- verdrängt wurde (in fpiX-'^Qer/j.og usw. war der Stammauslaut nicht mehr ersichtlich).
§ 77. Zu (füo-TtröXe/Liog hat schon Homer das analogisch geschaffene Gegenstück qivyo-JtroXeiLiog; seit der klassischen Zeit tritt daneben /j,iao- auf und wird zusammen mit (pdo- außerordent- lich leicht zu Gegensatzpaaren verwendet: (fd-dvd^QOjjroc ■ — /xia- dv&QOJTtoi;, (ptX-e?.?.r]v — jjLia-eXXrjv, cpiXo-Tc6vr]Qoc — /niao-rcovyjQog usw. Eine weniger wuchernde Nachahmung von <pik>- ist i&s?.o- (eben- falls seit der klass. Zeit): e&eXö-tiovoc: (Xen.) etwa = (pdö-jiovog;: aber auch e&eX6-dovXoc 'freiwillig dienend' (Plato), i&eÄo-^igö^m'o: 'freiwilliger jTQÖ^evoc:'' (Thuk.), wo i&£/.o- — i&e/.ovrrjZ ist; vgl. cpdo- yeioQyog 'das Landleben liebend' oder 'gern Landmann' (Xen.i, danach cpdo-Öixaaxr']!; 'gern Richter' (Komödientitel), (fdo'&vTi]z 'gern opfernd' (Aristoph.).
§78. In (pvyo- hat man das ^"orbild des klass. /.f.-ro- (vgl. (pvyelv —hneiv; die Schreibung ).ei7xo- ist meist schlechter bezeugt) zu sehen: X[E]iTco-axQaxia 'Desertion', hjio-vavc: 'das Schiff ver- lassend'; auch im Sinn von 'fahren lassend, verlierend': A(£)tnro- ipvxelv 'ohnmächtig werden'. Vereinzelt wird nach fiiao- ein arvyo- geschaffen {\g\. fj-ioelv — mvyelv): axvy-aivtoQ 'den Mann hassend' (Aesch.), axvyö-ÖEfxvos 'die Ehe, den Gatten liassend' (Agathias in der Anthol.). Unklar und wohl nur Momentbildungen sind bei Hom. [ä(p-)änaQxo-E7iric; 'das richtige Wort verfehlend', und ?}P.tTd
* Zur verbalen Auffassung von (pdo- vgl. auch § 138.
§§ 78 — 80] Nach der syntakt. Beziehung der Glieder. 39
lir}vo(; 'den richtigen Monat verfehlend, zu früh geboren' [äXixelv); vgl. wieder die gleichartigen Aoriste cpvyelv — ä/uaQrtlv — ä?.irelv.
§79. 2. Auch der Typus rsgip i-jußQorog 'die Menschen erfreuend' (Hom.) ist aus vorhistorischer Zeit ererbt. Zugrunde liegen vielleicht ursprüngHch abstrakte Verbalsubstantiva auf -ti- (§370ff.)^; doch tritt im Grie- chischen die verbale Auffassung immer mehr in den Vorder- grund. Weil nämlich die Verbalabstrakta oft an den sig- matischen Aorist anklangen, ging der Typus rEQxpi-jußQorog eine engere Verbindung mit dem Aorist ein: xeQtpi- zu rsgyjig und zeqxpai^ KxriG-innoc, zu kttjolq und xrr]aaadai und daher auch <hXeöL-xaQ7to<; 'fruchtverlierend' (Hom.) zu öXeoai {öXeök; existiert nicht), (p'&Eioi-/bißQorog (f&eiG- TJvcoQ 'Menschen, Männer vertilgend' (Hom.) zu (f&eloai (aber (p&ioigl), ZxrjGi-xoQog zu oxfjaai {oxdGi(;\). Besonders die Bildung mit -egi- erfreute sich bei den Dichtern einer großen Beliebtheit; vgl. z. B. bei Hom. älcpEGi-ßoLog, eXhegl- TiETcloQ (neben e/.xe-xito)v), nrjyEGi-juaV.og, xajUEGi-XQOjg, cpaEGi-jjßQoxog. Über weitere analogische Vermischungen s. § 136ff., über die Elision § 119.
Die Komposita nach der syntaktischen Beziehung der Glieder zueinander.
§ 80. Entsprechend den zwei Möglichkeiten syntakti- scher Verbindung im Satz, der beiordnenden und der unter- ordnenden, gibt es auch beiordnende und unterordnende Komposita. Die erstem werden aber von den letztern in der idg. Grundsprache und im Griechischen an Zahl und Mannigfaltigkeit geradezu erdrückt, wie ja auch in der Syntax die Beiordnung gegenüber der Unterordnung eine viel bescheidenere Rolle spielt. Die rein syntaktische Wiederholung desselben Wortes in verstärkendem oder itera- tivem Sinn bildet nur einen unwichtigen besondern Fall
^ Dastist nur etwa noch in /Scort-di-etea 'menschenernährend' (Hom.) erhalten.
'40 A. Zusammensetzung. [§§ 80—82
der syntaktischen Beiordnung; desiialb sind auch die daraus entstandenen Verdoppelungskomposita sehr selten: tioojiqo-^ 7id/ii7Tav\ s. § 22. Zu beachten ist, daß die Komposition eine viel geringere Schärfe der Beziehung erfordert als die freie syntaktische Verbindung, daß daher die Auflösung der Kom- posita in bestimmte, genauere freie Verbindungen vielfach großen Schwierigkeiten begegnet; aber im allgemeinen sind die syntaktischen Verhältnisse der Komposita mit den freien Verbindungen bewußt oder unbewußt verbunden geblieben.
I. Beiordnende (kopulative) Komposita.
§ 81. Alt sind ev-dsHa, dfvjco-dexa {§ 66) un-decim, duo-decim, vgl. auch drei-zehn usw.; später wird auch ge- bildet dexa-rQEtg ÖExa-TiEvre usw., auch öexa-Övo. Bil- dungen mit Bindewort entstehen erst im historischen Grie- chisch: rgeioxaiÖExa enraxaiÖExau&w. (§66), xa/.o-'/iäyad^oQ i-'&ia] s. §36); sehr kühn vrj?i(7To-xai-ßÄE7TEÄaiog'bsLrfu{^) und nach Salböl ausschauend' in einem Epigramm der Antho- logie. Die spätgriechische Zeit (sowie das Neugriechische) verbindet gern zusammengehörige Substantiv- oder Adjek- tivbegriffe (Gegensätze) durch Komposition: av^o-f^iEiMOig 'Flut {av^r}) und Ebbe' (byzant.). Manche (und zwar gerade die ältesten) dieser Bildungen vermitteln den Übergang von den Determinativa (§94) zu den Kopulativa: ?.Evy.-Eov&go(; (Aristot.) war zunächst 'mit einem weißen Rot', dann erst 'weiß und rot zugleich'; entsprechend ylo)o6-j.ie/.ag 'bleich- schwarz' (Galen), w;fpo-Aei'>t;o? 'blaßgelb' (Dioskor.), yhvxv- jiiHQog 'bittersüß' (Sappho), auch Substantiva wie äorö- XQEag, largo- juavr ig, xXavoi-yEhog (§94).
§ 82. Besonders deutlich ist die Geschichte von ävögö- yvvog: zunächst (von Herodot an) bezeichnet es den 'Zwit- ter' oder den 'Feigling', also eine einzige Person, die Mann und Weib zugleich ist, und das mußte (>ben mit einem Wort ausgedrückt werden; die Reihenfolge ist mehr zufällig: Sophokles sagt yvv-avdgog, Epicharm yvraix-avdgEg. Die
§§ 82 — 85] Nach der synlakl. Beziehung der Glieder. 41
heutigen Griechen verstehen aber unter dviQo-yuvofv) (sprith dvÖQ-) ein 'Ehepaar', also 'einen Mann und ein Weib'. Daß auch hier das Bedürfnis der Ableitung und Weiter- komposition das Kompositum begünstigt (§ 361'.), zeigen Bei- spiele wie (payr/oi-Jtooia 'EB- und Trinkfest' (Athenäus) und TOQvevro-lvQ-aonido-7xt]y6(; 'gedrechselte Lyren und Schilde zusammenfügend' (Aristoph.).
§ 83. Sind die Kopulativa ohnehin sehr selten, so ist ihre Adjektivierung (§110) noch seltener: Unter ävÖQÖ-yvvu lovigd versteht ein namenloses Epigramm der Anthologie 'Bäder für Männer und Frauen gemeinsam'. vvx&tut^eQo^ (fem.) liest man in einem Papyrus des 4. Jahrhs. n. Chr.^ in der Bedeutung 'Zeitraum von 24 Stunden', dasselbe im N . Test.^ Ferner xQva-ehcpavT-rßexTQo^ 'mit Gold, Elfenbein und Elektron ausgelegt' (Plutarch aus einem l)ichter).
II. Unterordnende Komposita.
§8-^1. 1. Bestimmung des verbalen Hinterglieds durch ein Präverb im Vorderglied: die Verba com- posita nebst den mit Präverbien zusammengesetzten Verbal- nomina. Dieser Typus fällt zusammen mit den in §43 f. besprochenen Formkategorien.
2. Präpositionale Rektionskomposita: Eine Prä- position als Vorderglied regiert das Hinterglied. Auch diese Bildung ist schon behandelt: §48 — 53.
3. Determinative Nominalkomposita.
§85. a) Kasuelle Determination. Ein Substantiv als Vorderglied steht in Kasusbeziehung zu einem Substan- tiv oder Adjektiv^ im zweiten Glied. Selten ist die Reihen- folge umgekehrt.
^ Mitteis-Wilcken Grundzüge und (Chrestomathie der Papyruskunde 112 Nr. 78 Zeile 6.
- 2. Kor. 11, 25 vvx&ri[jLeQov . . . ETcoirjoa '24 Stunden habe ich zugebracht', also nicht Adverb!
^ Ein Verbum kommt höchstens in Kasuskomposita und nur im Partizip in Betracht: vgl. § 34; 69. A.\xc\i öoh)- q^govemv {Wom.) kommt nur im Partizip vor, scheint also eine Mischung aus ööAov
42 A. Zusammensetzung. [§§ 85 — 87
Das Vordcrglied kann genitivisch bestimmend sein: in Genitivform steht es in Aioo-xovqol usw. (§67), in Stammform z. B. in Ttargo-xaoiyvrjTo g 'Vatersbruder' ( Hom. ) , f/,7]rQO-7tdro)Q 'Vater der Mutter' (Hom.), lözo-neÖri 'Mast- fessel' (Hom.). Ablativisch ävejuo-OKETziji; 'vor dem Wind schützend' (Hom.); vgl. jedoch § 103. Dativisch mit Dativ- form äorit-fpiloc, usw. (§ 68), mit Stammform ^so-sixe/^o- 'göttergleich' (Hom.). Instrumental '&£o-ß?.aß7]g 'von Gott geschädigt' (Herodot); vgl. jedoch § 105. Akkusativisch vielleicht TQi^-ov/.og (= rdg rgi^ag ovXög) 'kraushaarig' (Archilochus). Über die Gruppe '&e6-djU)]rog s. § 104.
§ 86. Sind die Stammkomposita mutiert (§ HO), so ist oft die Kasusbeziehung etwas undeutlich: noö-chxyjg (Hom.) ist ursprünglich 'Schnelligkeit der Füße besitzend', dann aber im Gefühl des Dichters eher = jovg Tiödag ojxvg, und wohl danach als Synonym gebildet jzod-dgxrjg (zu ägHslv; Hom.). Aus fieh-r]dfjg eigentlich 'die Süßigkeit des Honigs besitzend', dann 'süß wie Honig', und ■deo-eiörig 'mit der Gestalt eines Gottes'- — 'aussehend wie ein Gott' und ähn- lichen Beispielen hat sich eine ,, komparative" Bedeutung der Stammkomposition herausentwickelt; vgl. jiod7]vejuog §89 und lUTQo-juavrig usw. §94. Das Vorderglied erhält so eine ans Adjektiv gemahnende Bedeutung; das Adjektiv kann ja ein Substantiv viel mannigfaltiger und verschwom- mener determinieren als ein Kasus: Qodo-ddxrv/.og 'mit Fingern wie die < Farbe der> Rose, mit rosigen Fingern' steht der Bildung Äevx-cü?.evog 'mit weißen Armen' (§90) sehr nahe.
§ 87. Beispiele für die Endstellung des bestimmenden Glieds: ä^i6-/.oyog 'der Rede wert' (klass.), ä^io-viy.og
cpQovEwv und 6oX6(pQU)v zu sein; freilich ist öokoq)QovElv als Ab- leitung Yon dol6q)Qüiv sehr wohl denkbar (vgl. § 195). ;f£gj'i^ai'To (Hom.) 'sie wuschen sich die Hände' ist Ableitung von x^Q^'-W 'Handwaschvvasser' (Hom.), nicht etwa Stammkompositum aus XEQ- und viyjavTo. äya&onoielv und xaxoTcoieli' sind nicht Kom- posita von jioielv, sondern Ableitungen von -orotdc-
§§ 87 — 90] Nach dersyntakt. Beziehung der Glieder. 43
'wert zu siegen' (klass.) u. a., äizeiQo-xa/.og 'geschmacklos' (klass.; vgl. den Gegensatz (pdö-xaXog nach §76), aTteigo- judxäg 'im Kampf unerfahren' (Pindar), ioo-'&eog 'götter- gleich' und viele spätere mit loo-, auch öjuoiö-nvQog und -KQi'&oQ 'dem Weizen, der Gerste ähnlich' (Theophrast), XEV-avÖQog 'menschenleer' (Aeschyl., Soph.), sind Hypo- stasierungen (§ 146) von ä^iog loyov, vixrjQ, äneigo; xa?iä)v, judxrig^ loog ■&£oig, öfxoiog jzvgolg, xgi'&atg, xevög ävögcov nach dem Vorbild der überaus zahlreichen Stamm - komposita mit bestimmendem Vorderglied.
§ 88. Für ä^io- sei eine merkwürdige Weiterentwicklung erwähnt: weil das Verbaladjektiv auch oft die Bedeutung 'einer Behandlung würdig' annahm {/nijbLrjrög 'nachahmenswert'), so bildet besonders Xenophon gern Komposita aus d^io- und dem Verbal- adjektiv; vgl. bei Xen. z. B. ä^io-iLiaxd.Qiaroi;, -anovöaGxog, -(pi- XrjTog. Bei ä^io-maxog 'glaubwürdig, zuverlässig' (klass.) kann man sich noch an ä^ioc Tiiaxeioc erinnert fühlen, im Vordergrund steht aber die Bedeutung von maxöc, so daß ä^io- nur als Zusatz erscheint.
§ 89. Nur scheinbar liegt eine ungehörige Reihenfolge der Glieder vor in jzoöd}>ci]g (Hom.), das mit dem späteren coxv-jtov^ gleichbedeutend geworden ist, s. aber §86; ebenso in XQix-ovkoc: (Archilochus) = ovXö-^qi^ (Herodot), s. §85.
jtod-rivsfioi: 'mit Füßen wie der Wind' (Hom.), also die Umkehrung von QoÖo-ödxxvloc ( § 86), ist wohl eine dichterische Schöpfung nach jioö-wxtj^ und jxod-dQxr]!; ( § 86). Auch noifx-mxoQ 'Völkerhirt' nebst der Ableitung jioi/mavÖQiov 'geweidete Völker- herde' (beide bei Aeschylus) ist sehr kühn; ob der Dichter an noi/j.aivsiv ävöga^ und den ägy^-^a^oc-Typus ( § 75) oder an Tzoiftr/v ävÖQcbv gedacht hat, läßt sich nicht ausmachen.
§ 90. b) Attributive Determination. Ein Adj. oder Subst. als Vorderglied bestimmt attributiv ein Subst. oder Adj. im Hinterghed; auch hier steht bisweilen das be- stimmende Glied an zweiter Stelle.
Wenig Worte erfordert der im Griechischen wie in der Grundsprache geläufigste Typus dieser Art, die mutierten (§ 110) Stammkomposita mit Subst. im Hinterglied, wobei
44 A. Zusammensetzung. [§§ 90. 91
das Vorderglied ein Adjektiv ist: A£r»;«-c6Aevog ""weiß- armig' (Hom.), (hxv-JirsQog 'mit schnellen Flügeln' (Hom.), roi-novQ 'mit drei Füßen, Dreifuß' (Hom.), di-wßo/.ov 'aus zwei Obolen bestehend, Zweiobolenstück' (klass.). Attribu- tiv kann auch das Subst. im Vorderglied des ebenfalls sehr alten Typus Qoöo-ddxrvÄog (§86) gefaßt werden, also etwa 'mit Fingern, die (wie) Rosen sind'.
§ 91 . Etwas eingehender müssen die Bildungenohne Mutierung betrachtet werden:
a) Adj. + Subst. dxQo-Tcohg = änga 7tö?dg 'Ober- stadt'. Dieser Typus stammt höchstens in seinen Anfängen aus der vorgriechischen Zeit; seine Hauptentwicklung liegt in historischer Zeit. Aus Homer kann ich nur anführen Uav-e/JajVEQ, IJav-axaioi 'Gesamt-Hellenen, -Achäer', die man nicht einfach in jidvrsg "E., 'A. auflösen kann; ferner Kaxo-üuo g '\]ng\ücks-l\ios\ das wie "A-igog undAvo-Tiagig (§62) als Wortspiel nicht zu streng in ein Schema gepreßt werden darf. äxQo-nohg braucht Homer nur zweimal (Od. VIII 494, 504); sonst sagt er immer jcöhg äxgt] oder äxQ7] jTohg. Dann folgt älvKro-nEÖrj 'unlösbare Fessel' (?) bei Hesiod. Aus klassischer Zeit sei erwähnt 7ca?iaio-judr(OQ 'Stammutter' (Eur.), das deuthch an noo-ndxcoQ (§47; Pindar, auch Eur.), und jiqo-jutJtojo (-judrcog) (Aeschyl., Eur.) anknüpft. Auf welchen Wegen die spätere Ausdehnung des Typus erfolgte, mögen folgende Beispiele zeigen: xaxd- fxavTig 'Böses weissagend' (Aeschyl.) ist entweder = xaxcöv /jdvrig (also wie § 85) oder = xaxä fiavrevdfxerog (also wie § 102 mit verbaler Kraft von fidvrig); es konnte aber auch mit xaxog fidvxig gleichgesetzt werden^ (vgl. oben Kaxo-thog; ebenso ist xalo-diddaxalog (N. Test.) = xaXü)%> Öiö. oder = xakä Öiddaxojv, dann = xaXög öiödaxaXog; nach derartigen Beispielen konnte dann auch gesagt werden ;>);a>io-<5o?'Aog 'schlechter Sklave' (Lukian; anders Kratinus!), xax-oixovö/uo g 'schlechter Verwalter' (Philo), xaxo-dai/nov '•'inen bösen Dämon habend, unglücklich' brauchen mehrere
' So auch dgiaro-fiavTi^ 'trefflicher Seher' (Soph.).
§§ 91 — 93] Nach der syntakt. Beziehung der Glieder. 45
Klassiker, auch Aristophanes ; einmal aber (Equ. Ulf.) macht dieser damit ein Wortspiel:
dtaQ xov öaijuovog deöoix' ojTOjg jut) xev^ojjiai xaxoöai/uovog, d. h. 'als bösen Dämon', Später (s. Passow-Crönert subvoce) tritt auch dya'&o-daiju(ov = dya'&ög daijucov auf. Vgl. auch ev-naiQ und xalli-naiq § 117. Als älteres Beispiel sei noch genannt Ievko-lov 'Levkoje' (Hippokr.). w/Qi-slaioc, (fem.) 'wilder Ölbaum' (von Theokrit und Theophrast an) und /ia?ih-e?Miog 'edler Ölbaum' (N. Test.) waren zuerst Adjek- tiva, dann = dygia, xaXi] slaia gefaßt und demnach zu ayQL-eXaia^ Kalh-elaia umgestaltet; danach haben die spä- teren Autoren, besonders die gelehrten, eine Unmenge von Pflanzennamen (auch einige Tiernamen) mit äygio- gebildet : dygio-jurj^ov, -oe/uvoVj -xoiqoq usw. Vgl. auch yXvxv- ix'äXov 'Süßapfel' bei Sapplio, die auch ylvxv-niy.QOC, (§ 81) hat.
§ 92. Über NEanoki; — NeoTcoUrrji;, Meyakö-Jiohg usw. s. § 146. nav-fjfiaQ ist weder Stammkompositum noch Substantiv, sondern adverbiell erstarrte Phrase, s. § 69. lao-TTohzEia 'gleiches Bürgerrecht, Rechtsgleichheit' (hell.) ist eine ungenaue^ Nach- ahmung von tao-ro/xta 'Gleichheit der bürgerlichen Rechte' (klass.), iao-fioiQia 'Gleichheit des Anteils' (klass.), vgl. iao-övva/j,ia, lao- xQaxia, la-t]yoQia, die alle von iaö-vojuoi; 'mit gleichen Gesetzen', iao-jxoiQog usw. abgeleitet waren; too-jro/tTr;C 'Bürger eines demo- kratischen Staates' (hellen.) und iao-7io}ärii: [tcöXk;) 'Stadt mit römischem Bürgerrecht' (Appian) sind Rückbildungen aus iao-
§ 93. Derselbe Typus kommt bisweilen in umgekehrter Reihenfolge vor; es handelt sich aber nur um Sonderentwick- lungen des Griechischen (fast nur des nachklassischen). Herodot und Aristoteles sagen noch 'innog nordjuiog^ Strabo schon injto-TTorajuog: die festgewordene Wortfolge Subst.- Adj. ist zu einem Kompositum verschmolzen worden, und
^ Nach la6vo/j,og: iaovofiia wäre zu erwarten *iao7ro}.iTeioi;: *-xEua; zur Vereinfachung und Angleichung an das Simplex ver- gleiche man axlrjQoy.aQÖia 'Hartnäckigkeit' (LXX) für xagöia — axkrjQo-ttaQÖioi; — *-xaQÖi-ia.
46 A. Zusammensetzung. [§§ 93. 94
zwar mit äußerlicher Nachbildung der Typen naxqo- xaoiyvTjTog, godo-däxtvloQ; daher wohl auch die Unter- drückung des L von jiordfziog (vgl. auch § 112 Fußn.); vgl. etwas ähnliches bei ä^iö-?.oyog § 87. Vielleicht ebenso zu erklären sind die Komposita mit -aygog: aly-ayqog 'wilde Ziege', injr-ayQog, ov-aygog usw., die in nachklassischer Zeit die früheren Wendungen al'| äygia, vg äygiog usw. zu er- setzen beginnen^. Auch Zajuo&grjyuog und Za/u6&Q)]xeg (beide bei Herodot) sind als Ableitungen von Zdjuog OgijyJrj (Hom.) mit Anschluß an das einfache Ogfjxiog und 0Qf]xsg so gebildet, dvögayadia 'virtus' (klass., ebenso -{^ii^eo&ai, später -§eIv) ist Parasyntheton von avrjQ äyw&ög mit dem durch den Akk. ävög' äyad^ov erleichterten Anschluß an die Stammkomposita mit ävögfo)- (§ 146).
§ 94. ß) Adj. 4- Adj. ylvxv-TiLKQog, /.Evy.-EQvdqog und dergl. s. § 81.
y) Subst. + Subst. largo-juarrig 'ein Seher, der zugleich Arzt ist' (Aeschyl.), ii(po-f^dxaiga 'Säbelmesser' (Aristoph.), yJ.avoi-y eXojg 'mit Weinen vermischtes Lachen' (Xen.), agto-ygeag 'Fleisch mit Brot' (Persius VI 50, Glossen), dvögö-yvvog (§ 82) und das Synonym eqijl- acpgodiTog] dann besonders tierische Mischwesen: ^rjv- almTiTj^ (Aristoph.) 'Fuchsgans' (eigentlich umgekehrt; Volksetymologie für jirivE/.o'ii) 'eine Entenart' ?), iJiTi-aAEy- jgvoiv 'Roßhahn' (Aristoph.), xgay-EAa(pog 'Bockhirsch' (Aristoph.), später OTgov{^o-ydjH7j?.og 'Strauß', lEo-Jiagdog und AEovrö-nagöog 'Löwenpanther, Leopard', ■&E6-ravgog (Moschos) 'Gottstier (Zeus als Stier)'; ferner Namen von Mischvölkern: KE?a-tßi]gEg, KeXxo-liyvEg, Aißv-cpoiviyEg,
1 VielleichL war auch avayqo^ = ovg dygiog nur eine L'm- deutung des klass. avayQoi; = 'Wildschweine jagend' und wurde dann das Vorbild für övayQoc usw. Wenn ßodyqia (Hom.) wirklich 'Schilde aus dem Fell wilder Ochsen' bedeutete, so wäre es eine Ableitung aus ßovc äyQioc und die \'orslufe von ßö-aygoi; wie xaXoxäya&la von xaloxäya&oc ( § 36). Besser ist aber die Erklä- rung 'Beutestücke von Rindern' wie ävöo-dygia 'B. von Männern' (Ilom.).
§§ 94—96] Nach der syntakt. Beziehung der Glieder. 47
^voo-(poivi>ieg usw.; endlich Namen von Windrichtungen: Evoö-voTog 'Süd-Südost' (Aristot.), euQ-axvXcov 'Nordost- wind' (N. Test.; mit dem lat. aquilo). Vgl. auch "isQGÖ-vi^aoc, 'Halbinsel' (klass.; rj yjQOoq 'Festland' Hom.)
§ 95. c) Adverbiale Determination. Ein Adverb als Vorderglied bestimmt ein nominales Hinterglied; als Ad- verbia sind hier auch die Präpositionen zu rechnen, wenn sie in der älteren adverbiellen Bedeutung gebraucht werden. Die hierher gehörigen Typen sind schon behandelt worden: äfji(pi-&dXaoGOQ § 45, Jigö-Tiag § 46, ovv-dov/iog § 47, d- pri- vativum und Verwandtes, sowie ovo-, eu-, äya-, nalai-^ i]/ui- u. dgl. § 54 — 65.
Ein Adjektivstamm, der als Vorderglied adverbiell gebraucht wird, ist reo-: bei Hom. veö-öaQTo^, -ttXvxo^, -jiqiotoc;, -a/bnjxrog, -revy.TO^, ve-omaro;, veo-revytjc, -arooqog. Die Entstehung ist klar: v^o-jiEvdiqg 'mit jungem Leid', ve-i'ixijc 'mit frischer Spitze', vetj- yEvrji; 'von junger Geburt' wurde umgedeutet zu 'frischtrauernd, frischgeschärft, neugeboren', und so wurde veo- in der Bedeutung 'frisch-' verwendbar. Vgl. d^o- §116.
4. Verbale Rektionskomposita.
§ 96. a) Das Vorderglied regiert das Hinterglied. Hierher die § 75 — 79 aufgeführten Typen äoxs-xaxog, (piXö-^eivog und Tegy)i-/ißQOTog. Der Kasus, in dem das regierte zweite Glied bei Auflösung in zwei Wörter stehen müßte, ist nicht immer derselbe. Allerdings überwiegt der Akkusativ stark: bei denen mit e/e-, e?.xe-, /uevs-, raXa-, rXrj-, (pilo-, (pvyo-, /moo-, 8'&e?.o-, }.ino-\ aber der Gen. ist nicht ausgeschlossen: (ä(p-) äf.mQXo-ETiYjgi^lS), ä/biagti-voog^ 'sinnverwirrt' (Hesiod), eQaoi-7T?.6xajuog'\ocken]iehend' (Pin- dar), ebensowenig der Dativ: jiieh]ai-/LißooTog 'den Sterb- lichen am Herzen liegend' (Pindar), ijußaai-xvxQog 'Topf- kriecher' (Name einer Maus in der Batrachomyomachie)-,
^ Zum i vgl. die Auslautvermischung § 137 f.
2 Unklar TeQni-KEQavvo!; (Hom.); entweder 'an Blitzen sich freuend' (xegawolc xeQTxöfxevog) oder unwahrscheinlicher 'Blitze schleudernd' (zu Toejteiv 'wenden').
48 A. Zusammensetzung. [§§96—98
ijtixaiQE-xaxog 'schadenfroh' (Komiker bei Athenäus; Aristot. usw.), jiaQaxAavoi-'&vQov 'Klagelied vor der Tür (der Geliebten)' (Plutarch; von naQayJ.aieiv rfj ^vgo).
§97. b) Das Hinterglied regiert als Nomen agentis das Vorderglied. Der eigentlich charakte- ristische Typus dieser Art, den das Griechische aus der Grundsprache erhalten und sehr fruchtbar gestaltet hat, ist der Typus ipi"/^o-7io[A.ji6q 'die Seelen geleitend', xovqo- XQOfpoQ 'junge Männer nährend' (zum Akzentwechsel s. § 152), d^vfxo-cp^ÖQOQ 'herzkränkend', Xoyo-yqdcpoq 'Prosa- schriftsteller', Xid^o-ßoloQ 'Steine werfend' usw. Vgl. lat. causi-dicns. Über den Ursprung ist wohl folgendes die wahr- scheinlichste Vermutung: Von einigen Verben gab es Nomina agentis vom Typus rQocpöq 'Pfleger, Ernährer'; damit wur- den Determinativa gebildet wie xovQO-rqocpoQ 'Ernährer junger Männer'; mehr und mehr aber assoziierten sich solche Komposita näher mit der verbalen Ausdrucksform, speziell dem Partizip xovqovq xqecpcov (daher auch die adjektivische Verwendung), und so wurden zahlreiche ähnliche Nomina agentis vom Verbalstamm aus nur zum Zwecke der Kom- position gebildet, auch wenn sie außerhalb der Zusammen- setzung nicht vorhanden waren. Auch im Griechischen ist es durchaus nicht erforderlich, daß das Hinterglied der- artiger Komposita als Simplex existiert; die altern Beispiele solcher Simplicia haben sich vielfach von der verbalen Be- deutung weiter entfernt: tootiöq heißt nicht mehr 'Dreher', sondern 'gedrehter Ruderriemen', jqoxoq nicht mehr 'Läu- fer', sondern 'Rad'; die Jüngern Fälle sind manchmal erst von den Komposita ausgegangen und deshalb gewöhnlich adjektivisch: 990^0? 'tragend = günstig (vom Wind), frucht- bar, einträglich' erst in hellenistischer Zeit; von ßooxeiv zunächst yrjQO-ßooxog 'im Alter ernährend' (klass.), Itttto- ßooxog 'Rosse weidend' (Aelian), vo-ßooxoQ 'Schweinehirt' (Aristot.), dann ßooxog (Aesop, Anthologie).
§ 98. Zu Verben auf -är werden nach Homer Komposita mit -äg (-r]g) gebildet: o())7^o-i??/{>ag 'Vogelsteller' (Aristoph.)
§§98 — 100] Nach der syntakt. Beziehung der Glieder. 49
zu 'drjQäv, ^efijv-andrrig 'Fremde betrügend' (Find.) zu dnaräv, IliJ^io-vixäg (-r)g) 'Sieger in den pythischen Spielen' (seit Pindar) zu vixäv, nvAo-ödfxvriQ 'Füllen bän- digend' (Xen.) zu da/u-vdvai oder dajuväv (aber Homer noch IjTTTo-da/biog 'rossebändigend'). Vorbildlich waren für diese Bildungen die zahlreichen Komposita mit Nomen agentis auf -rtjg (§ 100); daher sind die auf -rjg meist substantivisch. Die Bedeutungsverwandtschaft mit dem Typus -TTOfjJiog prägt sich aber noch deutlich darin aus, daß Ableitungen von -r]g mit -elv (nicht -äv) gebildet werden (vgl. jedoch auch -relv zu -Tf]g §195, 341): JiojXoöajuvelv (Soph.) wie '&7'jQorQOcpeh\ li-Boßolelv usw. (§ 189ff.).
§ 99. Denen auf -dg {-r]g) zu -äv sind solche auf -r)g zu -elv nachgebildet; diese beginnen im Ionisch- Attischen kurz vor dem Übergang in die Koine und setzen sich in der letztern fort: yeco-fxexQrig 'Feldmesser' (Plato) zu juergeiv, viele auf -Jioih]g {Ix'&vo-, ßißho- usw.) zu nmlelv und auf -dovijg (z. B. rel-a)V7]g 'Zollpächter') zu (hvelo^ai. Die Ableitungen gehen natürlich auf -elv aus: yeojjuezQelv, iX^voji(oXeh\ xeXojvelv^ die Femininbildung auf -ig {Xaxavo- ncolig 'Gemüsehändlerin') stammt von denen auf -Tig zu -rr]g (§ 341). Wucherungen von -r/g über die Verba auf -äv und -elv hinaus sind selten: cpaQfiaxo-XQißrig 'der die Heil- mittel anreibt' (Dem.), jcaido-rQißrjg 'Turnmoister' (klass.) zu XQißeiv (aber mit -l- im Anschluß an oIxö-tqi^', nedo- XQixp usw.), eidoAo-ldxQrjg 'Götzendiener' (N. Test.) zu laxQEveiv. An die Stelle der Determinativa mit -agxog (dgxdg 'Anführer' Hom.) wie XQirjQ-aQXog^ (pQOVQ-agxog, Xili-uQXog usw. treten im Ionischen (Herodot) und in der Koine verbale Piektionskomposita mit -dQX^]g {xcoju-, jiaxQi-, exaxovx- usw.), weil dgxdg aus der Umgangssprache ver- schwunden war und der Akzent von -agxog nicht zum Typus -Tzo/xTtdg stimmte.
§ 100. Eine merkwürdige Geschichte haben die Kompo- sita mit Nomen agentis Siui-xr]g(iem.-xig)im Hinterglied. Das Indogermanische verwendete für Nomina agentis in der Kom-
Debninner, Griech. Wortbildungslehre. 4
50 A.Zusammensetzung. [§§100 — 102
Position nicht das Suffix -ter- oder -tor-^ sondern bloß -/- (vgl. § 339). Für -t- erscheint im Griechischen in der Regel -xd.Q (-rr/g), aber der Unterschied zwischen Simplex und Kompositum ist in der älteren Literatur und in den Dia- lekten außer dem Ionisch- Attischen erhalten; so bei Hom. ßoriJQ, aber ov-ßd)r7]g, elaxrjQ, aber i7T7i-}j/.dT7jg. Ob dieses -rr/g als nominal oder als verbal empfunden wurde, als 'Hirte der Schweine' oder als 'Schweine hütend', läßt sich schwerlich entscheiden; für das Nomen spricht der Umstand, daß sie als Substantiva gelten, nicht wie ifv/o-Tio/üLnög usw. als Adjektiva; auf verbale Auffassung kann man schließen aus den Ableitungen auf -elr {injirjAaTElv^; vgl. §98) und aus der Abweichung von den mehr nominalen Simplicia auf -ter- -tor-. So war wohl beides darin vereinigt. Das Ionisch- Attische hat auch im Simplex -ti]q -tojq als Typus auf- gegeben und durch das -Djg der Komposita ersetzt (§ 345): xQiT^g di/iaor/jg usw. Damit war jedenfalls eine Verstär- kung des verbalen Elementes verbunden.
§ 101. Aber trotzdem so die Übereinstimmung von Simplex und Kompositum hergestellt war, war die Neu- bildung von Komposita mit -rrjg nicht etwa an das Vor- handensein von Simplicia gebunden: Tc/.Eov-ey.Tiig ist direkt von JiMov ey^eiv aus gebildet, *eHT)jg existiert nicht (§72); so noch JZQoocojio-?ajfA.7irtj g 'parteiisch' im N. Test, aus der semitisierenden Phrase tcqöoojttov lai^ißdvEiv 'die Person be- rücksichtigen' (h'jjTTijg nur bei dem späten Lexikographen Zonaras).
§ 102. Andere Bildungen von Nomina agentis, die im HiiiUr- glied verwendet werden, kommen gegenüber den genannten kaum m Betracht. Wurzehiomina (§21) nur noch in wenigen Bei- spielen: ßov-jrXr'ji 'Rinder schlagend, Ochsenstachel' (Hom.); xeg-viy) 'llandwaschwasser' (Hom.), ipsvai-arv^ 'Lügen hassend' (Anthol.); vgl. lat. fidi-cen; etwas häufiger mit Erweiterung durch -/-(§339): aiörjQo-ßQOK 'Eificu verzehrend' (l^oph.), äamö-ajroß^c 'Schildwcgwerfer' (Aristoph.). Bildungen niit -it-: jro?.v-r?.ai: '\\c\
^ -elv '. . . sein' mit dem Nomen agentis ergibt lin \ crbum mit dem Sinn der Tätigkeit.
§§102.103] Nach der syntakt. Beziehung d. Glieder. 51
duldend' (llom. ; nur im Nom.), xo^o-ödfiai; 'mit dem Bogen be- zwingend' (Aeschyl.), vgl. 77ouAt'-(5d/*as^ und 'InTw-däßachei Hom. Mit-/iwv(vgl. §312): jroAu-^e'y/^tov 'vielaufnehmend' (Hom. Hymn.); nolv-nQayfxoiv 'vielbeschäftigt' (Aristoph.) ist von nQäyfxa (§141) abgeleitet, konnte aber leicht als 'vieles tuend' aufgefaßt werden. Endlich auf -rj^, -ic,: in hom. äqi-nQem]C, 'hervorragend' und ähnlichen Wörtern schien -7iqt7ir\(^^ das zu einem verlorenen Subst. TÖ Txqiizoc, gehört (vgl. ev-yevfii;, § 140), 'geziemend' [nqEnov) zu bedeuten, und so wurde &£o-jTO£m]i; 'einem Gott angemessen' (Pindar) und itQo-jxQeTii]^ 'dem Heiligen geziemend' (klass.) ge- bildet. Aus einigen solchen Mustern ergab sich ein Nomen agentis auf -ri<; direkt von Verben aus: vovv-sxrii; von vovv E%eiv (§72; das ältere [-oxoz] -ovxog § 121 lag von exeiv weiter ab); &eo- axvyr}(; §105; s. auch §140. Das -et;?- von 7rai'(5o;(;£üC (klass.) ist nicht zugleich mit der Zusammensetzung entstanden, sondern Tiavdoxev^ bedeutet den berufsmäßigen 7iav-d6xo(; (Pindar) 'alles Aufnehmenden'; vgl. über -svg § 301.
§ 103. Alle in § 97 — 102 erwähnten Typen sind in der Regel Stammkomposita; die Beispiele mit Kasus im An- fangsglied müssen durchaus als Ausnahmen betrachtet wer- den; vgl. aus §71 f. TEL%EGi-nlrjrtiq^ öovQL-jua'/^og, dixaa- nöXoQ^ vovv-exfJQi äxala-QQELxriq, 7t?,eov-EKTr]g^.
Der regierte Kasus kann bei den Kasuskomposita ver- schieden sein, wie die eben angeführten Beispiele zeigen. Bei den Stammkomposita kommt kaum ein anderer Kasus als der Akk. in Betracht: äv^QMJi-dQEGKog (N.Test.) 'den Menschen zu gefallen suchend', d'EO-judxoQ (hellen.) = -&eü) /LiaxöjUEVog^ ■&eo- und lEQo-TtgEJzrjg (§ 102), 7zo?iEjuo-(p^6Qoi äxai (Aesch. Pers. 645) 'durch Krieg vernichtende Ver- blendung', ■&r]Xv-xzövog "AQ7]g 'durch Weiber mordender
^ Über naoi-fxeXovaa s. § 68; es ist zwar ein Rektions- kompositum, aber nicht eines mit Nomen agentis. iroda-vuixtiQ 'Fußwaschbecken' (klass.) ist wie Homers noöd-vimQov 'Fußwasch- wasser' eine Ableitung aus dem Ausdruck nööa virpaa&ai; später ist der Akk. durch den Stamm jiod-o- (mit Kompositionsvokal -o-, s. §129 ff.) ersetzt worden: nodo-vimriQ Stesichoros, 7to66- viTTXQov Jamblichus.
52 A. Zusammensetzung. [§§103 — 105
Kampf (Aesch. Prom. 862), xEXQa^i-ddjuag 'durch Schreien alles überwältigend' (Ar. Vesp. 596); dvejuo-Gxem]g §85.
§ 104. c) Ein passivisches (oder intransitives) Hinterglied wird durch ein nominales Vorderglied bestimmt: ein Mittelding zwischen nominaler und verbaler Abhängigkeit.
Am deutlichsten ist der Typus, wenn das Hinter gl ied ein Verbaladjektiv auf -to- ist: {^so-djurirog 'von Göttern gebaut' (Hom.), aijLW-q)ÖQvyaog 'blutbesudelt' (Hom.), xeiQO-JioirjTog 'von (Menschen-) Händen gemacht' (klass.) und zahllose andere. Für das Alter des Typus spricht der Vergleich mit verwandten Sprachen (lat. jnani-festus 'hand-greiflich'). Kasuskomposita sind nicht ganz selten, da das syntaktische Verhältnis der Glieder sehr klar war: dioo-öotog (§31; mit Gen. auf Grund alter substantivischer Konstruktion des Verbaladjektivs), aus § 68f. eagi-dgeTirog, xrjQEOOL-cpögrjTog, dovQi-y.Xeirog, ifpi-yevrjxog, iy^Eigi-^ezog.
Mit dem Verbaladjektiv ist das passive Partizip ver- wandt; daher das vereinzelte äQrfi-^ öai-xird^ei'og'im Kampf erschlagen' (Hom.; das Part. Aor. Med. in alter passivischer Bedeutung). Stammkomposita dieser Art gibt es nicht (§85 Fuün.).
§ 105. Auch die Wurzelnomina (mit und ohne -t-; § 21, 102) stehen den Verbaladjektiva nahe; sie werden als aktivische Nomina agentis (§ 102), aber auch als passive Verbaladjektiva verwendet; in letzterer Funktion vgl. oioxQO-nXrj^ 'von der Bremse gestochen' (Aeschyl.), äoxQo- ßXrjg 'vom Hundsstern getroffen' (Aristot.), Gid7]Q0-xjurjg 'vom Eisen getötet' (Soph.); intransitiv ?.ifu.o-'dv7]g 'Hungers sterbend' (Aesch.).
Auch die Bildungen auf -?/g -eg (§ 102, 140) sind hier vertreten: dio-XQecprig 'von Zeus genährt' (Hom.), ai/uo- ßa(pr)g 'in Blut getaucht' (Soph.), -deo-qyihjg 'gottgeliebt' (von Pind. an), vgl. das Gegenteil ^eo-oxvytjg 'von Gott gehaßt' (Eur.), 'Gott hassend' (N. Test.) zu xo oxvyog. Hier- her wohl auch ^eo-ß?.aß7]g § 85.
§§106 — 108] Nachdorsyntakt. Beziehung d. Glieder. 53
§ 106. Schließlich hat hier auch der Typus ifv^o- TiofjLTiÖQ (§ 97) seine Parallele; aber der Akzent ist in cha- rakteristischer Weise verschieden (s. §152): '&e6-::zo/ji7iog ""von Gott gesandt' (Pind.), §i]gö-rQO(pog 'von Wild ernährt' (Eur.) — 'ßrigo-Toö(pog 'Wild ernährend' (Eur.), hdo-ßoloQ ■"gesteinigt' (Eur.) — ylt^o-/5o7o^ 'Steine schleudernd' (Plato), Aoyo-yod(poc, 'Prosaschriftsteller' (klass.) ■ — '/^Eiq6-yQa(pov 'Handschrift' (hellen.), usw.
5. Adverbielle Komposita.
§ 107. Gemeint sind hier solche aus mehreren Wörtern bestehende Adverbia, die weder durch bloße Worttrennung in einen adverbialen Ausdruck zerlegt werden können (wie z. B. TcagaxQfJlua = Tiagä XQ'^f^^^ § ^^)^ J^och von einem zusammengesetzten Adjektiv abgeleitet sind (z. B. evcottlov von EVioTiLOQ, § 52), sondern gerade nur zum Zweck der Ad- verbialbildung zusammengesetzt zu sein scheinen. Die grie- chischen Beispiele sind spärlich und unter sich ziemlich ver- schieden geartet.
Bildungen auf -| wie ä-Jia^ 'einmal' (Hom.), dva-jui^ (klass.) und eJii-jLii^ 'durcheinander' (Hom.), Em-xdt: 'der Reihe nach hintereinander' (Arat), sind nicht auf Kom- posita beschränkt {öxlä^^ ä/xv^ usw.), aber doch bei ihnen vorgezogen; fürs Griechische waren sie von jeher Adverbia, obschon die Grundlage in erstarrten Nominativen (vgl. lat. prorsus u. dgl.) von Wurzelwörtern (§ 21) bestand.
Auch die Adverbia auf -ööv, -örjv und -da (vgl. § 378) lieben das Kompositum: äva-ora-ööv 'aufrecht stehend' (Hom.), äjTO-GTa-öd 'fernab stehend' (Hom.), dv-e-di]v (zu levai) 'losgelassen, ungehindert' (klass.), 6fAo-dvfj.-ad6v 'einmütig' (klass.), ETZi-XQOX-döyjV 'geläufig' (Hom.).
§ 108. Bei den AdviM'bia auf -e/ und -P überwiegen die Komposita mit d- privativum, und das zugehörige verneinte
* Die Schreibung der Endung {-ei oder -/) ist in der Über- lieferung starken Schwankungen unterworfen und noch jetzt für manche Wörter nicht sicher festgestellt; vgl. § 352 über -rt und -rei.
54 A. Zusammensetzung. [§§108 — 110
(Verbal)adjektiv ist meist vorhanden: ä-'&eei (Hom.) zu a&eoq, a-ö7zovÖEi {Hom..) zu a-GTcovöoQ, ä-öxay.x(e)i {\2b2), usw.; doch konnte das Adverb sicher auch ohne Vermitt- lung des Adj. gebildet werden. Unabhängiger sind Kom- posita mit rrar-: 7iav-o/Lii/.si 'in ganzen Scharen' (Aeschyl.), nav-oixEi 'mit dem ganzen Haus' (hellen.), aber Tiav-örijuei (klass.) offenbar zu Tcdv-drjjuog.
Mit avTO-: avro-vvyj' 'in derselben Nacht' (Hom.), avr- f]liiaQ^ (Hom.) und av&-rjfj,eQ6v (klass.) 'am selben Tag'.
§ 109. Hier sei noch angefügt die nur in der ältesten Zeit mögliche Zusammensetzung zweier Präpositionen in ihrem ursprünglichen adverbialen Sinn: vjt-ei 'unten her- vor', jiao-ei 'daran vorbei', öia-TiQo 'durch und hervor, ganz durch', alle drei bei Homer; vgl. § 162.
Mutierte und nicht mutierte Komposita.
§ 110. Ein Kompositum wie /.iriroo-TtdroQ läßt sich leicht auflösen in ju^jTQog JTart'jg, ohne daß etwas Wesent- liches dadurch verloren ginge. Wollte man nach diesem Vor- bild auch ojuo-JzdrojQ in seine Bestandteile trennen und als wesentlich gleichbedeutend mit ojiidg 7car7]Q auffassen, so würde das den sprachlichen Tatsachen nicht entsprechen; denn ö/Lio-TrdrcoQ bedeutet 'einer, der denselben Vater hat', also sozusagen ö/uöv Ttaxeqa e^mv. Es enthält nicht nur die Beziehung des ersten Gliedes zum zweiten, sondern als Ge- samtheit noch eine Eigenschaftsbeziehung zu einem außer- halb des Kompositums liegenden Substantivbegriff: sein syn- taktischer ,,Kern", sein Zentrum, liegt außerhalb, das Kom- positum ist ,,exozentrisch", während /uriTQO-ndTWQ seinen Kern in -TtdrojQ in sich enthält, ,,esozentrisrh" ist. Ein
1 Gebildet nach dem adverbiellen Trar-fj/naQ ( § 69), wonach wohl auch hom. e^-jJiu.aQ, ew-Zy/zag '6, 9 Tage lang'; nach avT-fifAxw weiter nQo-f]fxaQ 'den ganzen Tag' bei Semonides fr. 7 vs. 47 Miller-(a'uslus und danach wieder tiqo-vv^ im selben Vers.
§§110—112] Mutierte und nicht mutierte Komposita. 55
formaler Ausdruck für das Plus der exozentrischen Bedeutung findet sich im Kom.positum nicht außer in der Veränderung der Wortart: 6[ÄO-7idrcoQ ist statt Substantiv Adjektiv, es ist mutiert; /LDjrgo-TidrcüQ hat die Wortart des Hinterglieds beibehalten, es ist nicht mutiert. Von den früher be- handelten Typen sind die folgenden mutiert: djU(pt-&d?.aoGOQ (§45), ecp-YjfXEQOQ (§50), dvri-'&eog (§53), ä-'&v/uog, ovo- 'dvjuog, ev-&viuog (§ 62), egi'-ßcoloQ, dyd-vvi(pog, Cd-'&eog, dd-öKioQ (§60), manches aus § 63, nvXoi-yEvy)q, 'Icpi-KQdxTqg (§ 73), dvÖQo-ym'oq (§ 83), jrod-d)y.7]g (§ 86), d^i6-?:.oyo:; (§87), /.evy.-io?.evog (§90).
§ 111. Anders geartet sind die verbalen Rektionskomposita ( § 96ff.). Bei exe-(pQcov besteht zwar auch der Gegensatz: Hinter- glied Substantiv, Gesamtwort Adjektiv; aber weil das Vorderglied verbale (partizipiale^) Kraft hat, liegt das adjektivierende Element innerhalb des Kompositums. ^pvyo-7io^n:6z und lEQxpi-^ßQoroc: enthalten ein Nomen agentis am Schluß und können, da die Nomina agentis dem Partizip sehr nahe stehen, zwischen substantivischem und adjektivischem Gebrauch wechseln, aber ohne daß dadurch eine Veränderung des Inhalts bedingt wäre.
§ 112. Die Entstehung der Mutierung liegt im Dunkel; denn der Typus ist schon im Urindogermanischen voll aus- gebildet, und es müßte schon ein Zufall sein, wenn irgendein uns erhaltenes Einzelbeispiel zu den Urbildern gehörte, aus denen der Typus erwachsen ist. Deshalb müssen in den folgenden Vermutungen die Beispiele als zeitlose und kon- struierte Muster angesehen werden. Es mochte ursprüng- lich geheißen haben: 'es wurde sichtbar Aphrodite <und zwar> ihr schöner Kranz' oder auch 'es wurde sichtbar A., schön <war> ihr Kranz'^; in beiden Fällen wäre aus 'A(pQodirrj evg ozEcpavog infolge häufigerer Verwendung des beschreibenden Zusatzes und Gleichsetzung mit Adjektiven der adjektivische Ausdruck "AcpQodiry] ei'(7Te99arog geworden. Eine Zwischenstufe mag es sein, wenn wir von Richard
^ Ursprünglich Imperativische? (§75). ^ So jedenfalls beim Typus von § 45 : j'jjec ejiiJQsr/j.oi 'Schiffe, < es sind > Ruder darauf.
56 A. Zusammensetzung. [§§112.113
Löwenherz oder Kaiser Rotbart reden oder von einem kahlköpfigen Menschen als einem Kahlkopf: das Kom- positum ist fertig, aber nicht Adjektiv geworden; damit ist freilich nicht gesagt, daß der idg. Typus diese Zwischenstufe auch durchgemacht hat. Eher darf man wohl im Grie- chischen auf ehemalige substantivische Geltung aus dem Umstand schließen, daß die Unterscheidung des grammati- schen Geschlechts beim zusammengesetzten Adjektiv unvoll- kommen entwickelt ist: ^o(5o-öa?<TyAog ist auch Femininum, ebenso ä-§vfj,0Q usw.
Über die Beliandlung der verschiedenen Stämme im Hinterglied bei der Mutierung s. § 139 ff., über die Erweite- rung des zusammengesetzten Adjektivs mit -lo- s. § 147^.
Verschiebungen zwischen Formtypen und Bedeutungstypen.
§ 113. Schon die idg. Grundsprache kannte Formtypen und Bedeutungstypen. Die zahlreichen Beispiele mit d- priv., ovo-, £v- und i^/-ti- stellen sich als eine augenfällige, äußer- lich charakterisierte Gruppe dar, obschon sie nach der Be- deutung nicht einheitlich sind; finden sich doch darunter mutierte und nichtmutierte {ä&vfxog ■ — äßarog), solche mit Subst. (ädv/Liog), Adj. {äLÖQig) und Verbalnomen {äqoQOQ^ a'Cvl) im Hinterglied. Andrerseits bestand sicher auch für den ohne grammatische Reflexion Sprechenden eine Gemein- samkeit der syntaktischen Beziehung zwischen Jiarqoy.aoi- yvYjXOQ und lozoTreörj trotz der Verschiedenheit der Wörter. Da die beiden Kategorien sich kreuzen, haben sehr viele Einzelkomposita ein doppeltes Gesicht, und wenn nach
' Man ist versucht im Typus «.T.To-TroTa/toc ( § 93) eine Art Urnkehrung der MuUerung zu sehen: weil man gewohul war, mit -10- zu adjektivieren, verwandelte man das Adjektiv .-totü/luoc durcl» Entziehung von -lo- in das Subst. In.To-cncÖTa/uo:, äygiog in ov-aygoi; usw. zurück?
§§li3 — 115] Verschiebung zwisch. Form-ii.Bedeulungslyp. 57
ihnen neue Bildungen geschalten werden, so können sich diese (ebensowohl an die Form wie an die Bedeutung an- schlieBen. Im Griechischen lallt es auf, wie gern neue Form- typen gebildet werden auf Kosten der Gleichmäßigkeit der syntaktischen Beziehung der Glieder. Manche Fälle sind im Verlauf der Darstellung schon erledigt worden: . drrt- § 53, cpiXo- nebst <pvyo-^ /uioo-, e&e?.o-, /.{ejijro- §76 ff., jzav- § 64, veo- §95, -fj/uag § 108. Hier sollen noch einige besonders beachtenswerte angefügt werden.
§ 114. jpevdo-. Auszugehen ist von ipEvd-dyyeX.og 'Lügen meldend' (Hom.), yjEvdo-?.6yog ""Lügen i-edend' (Aristoph.) mit verbaler Rektion. Von da ist der Weg kurz bis zu yjEvöo-xfjQv^ 'Lügenherold' (Soph.), rpevdo-fxavTii; 'Lügenprophet' (klass.), yjevdo-fiaQXvg 'falscher Zeuge' (klass.), wo das Hintcrglied noch die Kraft eines transitiven Nomen agentis haben kann, jedoch die Auffassung 'in falscher Weise zeugend' oder 'kein lichtiger Seher' nahe lag. Daher dann auch die Determinativa ipEvöo-öeLTivov 'trüge- rische Mahlzeit' (Soph.), -naQ&evoc, 'vorgebliche Jungfrau' (Herodot), xf£vd-}igax?.rjg 'falscher Herakles' (M(>nander), ferner xftvd-dtTixoQ 'nicht richtig attisch' (Lukian) und mutiert y^evö-tniyQafpoc. 'mit falscher Aufschrift' (Polyb).
§115. ägxi-- Homer kennt nur Komposita mit d^;^£-: ägxe-xaxog^ 'Aqx^-^-oxoq, ''Aqxe-jitoIeijoq^ vgl. § 75. Bald nach ihm beginnt der Ersatz von aQX^- durch aqx'-' (§ 137), und dieses wird mit Vorliebe mit Personenbezeiclmungen zusammengesetzt: äQyj-rexrcov, aQX-tSQEcoQ, ursprünglich noch in verbaler Bedeutung 'die Zimmerleute, Priester leitend' (adjektivisch), dann aber immer mehr nominal 'Vorsteher der Z., oberster Priester'^ (substantivisch), so besonders in hellenistischer Zeit: aQxi-KvßEQvrjxrii;, -judyEigog^ -7ioijurp\ -JiQEoßEVTtjQ USW. So siud auch die Zusammen- setzungen mit nicht Personen bezeichnenden Wörtern gern
^ Deshalb ist auch für äQx-i£Qacoi; (§144) äq^-ieoevc ein- getreten, weil man es als nominales Kompositum von ieQev<; empfand.
58 A. Zusarnmenselzung. [§§115 — -117
substantivisch: äQXt-ovvdycoyog 'Vorsteher der Synagoge', äny^i-ÖLXoq "Gerichtspräsident'.
§ 116. ojuo-. Klar sind mutierte Bildungen mit ad- jektivischem 6/.W- wie bei Hom. o/xo-ydoroiog 'leiblicher Bruder', 6ju6-q)ocor 'gleichen Sinnes', djn-corv/uo:; 'gleich- namig' (auch 6iii-)jy£Q7]g 'mit gemeinsamer Versammlung' ?). Daneben scheint öfxo- auch in adverbialem Sinn (wie veo- §95) = öjuov gebraucht zu werden: bei Homer öi.i-i]yvQi:; 'Versammlung', öfx-fj/.i^ 'Altersgenosse', also synonym mit ovv- in avv-EQi'&OQ (§47); so in nachhomerischer Zeit 61.16- 9?ofrOs 'Begleiter' (Pind.), -öoiv.og 'Mitsklave' (klass.: danacli 6f.ioi6-dov/.og 'in ähnlicher Weise Sklave' bei Eumathius), -j^eocov' Genosse des Greisenalters' (Lukian) usw. Im allgemei- nen wird allerdings 6^10- zugunsten von ovv- zurückgedrängt.
§ 117. Umwertungen können auch in einem fertigen Kompositum stattfinden ohne Veränderung eines Glieds. Die Doppelbedeutung von ävdQ6-yvvog ist §82f. erwähnt, die von xay.o-dai/ncov § 91. a.-/.ii]rcoQ, das in der Regel 'ohne Mutter' bedeutet, braucht Sophokles (El. 1154) in fJtjtrjQ äju7]rcoQ für 'eine, die keine Mutter ist'. Auch die mutierten Komposita mit -Ttaig werden von den Dichtern so umgebogen: ä-rcaig 'kinderlos' (auch Aesch.), aber i\'vx- TOQ JialÖEQ aTtaideg Aesch. Eum. 1034; sv-Tiaig 'mit guten, schönen Kindern' (auch Eur.), aber ev-naiQ yovog 'der treff- liche Sohn' Eur. Iph. Taur. 1234, Herc. Für. 689; y.a'/J.i-Tiai ~ 'mit schönen Kindern' (auch Eur.), aber xa'/liTxaig &ed 'die Göttin, das schöne Kind' Eur. Or. 964 (dvoTraig jialg 'Un- glückskind' Schob Soph. Oed. Tyr. 1243). Vgl. ~Ioog "Aioog u. dgl. § 62. Natürlich ist es bei keinem dieser Beispiele absolut sicher, daü die neue Bedeutung nicht auf einer unab- hängigen Neuschöpfung des Kompositums beruht; aber dir Zahl und Vertfülung der l^elege für die eine und die andere Bedeutung spricht doch für eine Umwertung vorhandener Einzelkomposita.
Über Vermischungen im Ausgang des ersten Glieds, die jedenfalls z. T. einer Vermischung der syntaktischen Be- ziehung entsprechen, s. § 136ff.
§118] Lautliche Erscheinungen i. d. Kompositionsfuge. 59
Lautliche Erscheinungen im Zusammenhang mit der Komposition.
I. Zusammentreffen von Vokalen in der Kompositionsfuge.
§ 118. 1. Kompositionsdehnung. Die älteste, aus der idg. Zeit stammende Art, das Zusammentreffen von Vokalen in der Kompositionsfuge zu erleichtern, ist die Kontraktion. Die für das Griechische in Betracht kommen- den Fälle sind folgende:
o + a = a (ion.-att. //): GroaxäyoQ (orgarriyög) 'Heerführer'.
o + £ = r]] (pdiJQEZ/Liog 'ruderliebend'.
o -f o ^^ co: ögHü)juorog 'beschworen'.
e + a = ä(rj): väjuegri'jg (vrjjUEQri'jg) 'unfehlbar'.
e -f e = Tj: vrileriQ 'erbarmungslos'.
£ -j- o = a>: vcovv^(v)og 'ruhmlos'.
Daß diese Kontraktion alt ist, erhellt schon aus dem Gegensatz zur historischen Kontraktion: hier wird z. B. £ + e
zu El {(pUElTE), 0^0, O -t- £, £ + O ZU OV (fllO'&OV/LlEV,
juio&ovTE, cpiXov/jiEv). Da es nun so aussah, als ob -a-, -?/-, -CO- in solchen Formen einfach eine mit der Komposition zusammenhängende Dehnung eines anlautenden a-, £-, o- wären, so wurde die gedehnte Form vokalischen Anlauts in der Komposition mehr oder weniger konsequent durch- geführt, auch wo von Kontraktion keine Rede sein konnte. Besonders erwünscht war die Länge dann, wenn das Kom- positum sonst lauter kurze Silben hatte; man gewann so eine rhythmisch besser zusagende Silbenfolge^: äv-7jQorog 'ungepflügt' {aQovv), Tiolv-ijoarog 'viel geliebt' (sgao^ai),
^ Vgl. den Wechsel von -öteqoi; -oiaroi; und -dnego^ -wraroc bei der Steigerung je nach der Quantität der vorhergehenden Silbe; über die Beziehungen zwischen Kompositionsfuge und Suffixfuge vgl. §129.
60 A. Zusammensetzung. [§§118—120
iji-ojvvfzog 'benannt' {övo/bia) und zahllose andere. Manche dieser gedehnten Hinterglieder wurden geradezu herrschend; so ist z. B. -ijyoQog, -iJQtjQ, -}]/.axog^ -mjjloxoq^ -djvv/Liog, -coqv^ durchaus die Regel. Auch von äysiv heißt es immer -rjyög (aigarriyög. xog^iyög, ödrjyog), im Dorischen -ayog {?.oxayög, ^Evayög, ovgayog, die als militärische Ausdrücke von den Doriern zu den Athenern und loniern gewandert sind).
§ 119. 2. Elision. Schon bei Beginn der griechischen Sprachüberlieferung ist die Kompositionsdehnung keine laut- liche Kontraktion mehr, sondern ein Wortbildungsmittel; an die Stelle der Verschmelzung zusammenstoßender Vokale in der Kompositionsfuge ist als Regel schon die Weglassung des Auslautsvokals, die Elision, getreten, die sich zunächst im Zusammenhang der Wörter im Satz herausgebildet hatte. Es sind daher dieselben Vokale in der Komposition wie im Satzzusammenhang, die der Elision anheimfallen, nämlich (z, e, f, o; man vergleiche tEXQd-noöov — TEdg-i:n:Trov, eXe- jiTohg — el-avÖQog, äXeii-Kaxog — dAe^-dveiiog, (piXo- ^evog — (pu-dvvQOiTiog usw. mit naod — 7zao\ de — d\ ETIL — E7i\ drto — dn. Die Übertragung der Elision auf die Kompositionsfuge wurde dadurch erleichtert, daß in Fällen der Kompositionsdehnung wie cpildvcoo das -o- verschwTinden zu sein schien und die Abtrennung cpi/.-dvoo nahe lag; s. § 118.
§ 120. 3. Sekundärer Hiatus und sekundäre Kontraktion. Das urgriechische /ist bekanntlich erst im Verlauf der Einzelentwicklung der griechischen Dialekte ge- schwunden. Man wird sich deshalb nicht wundern, wenn auch in der Komposition seine Nachwirkungen sehr lebhafte sind. So hat in der altern Literatur das / am Anfang des zweiten Kompositionsglieds noch den Wert ein(>s Kon- sonanten, insofern als es die Elision ein(^s vorhergehenden Vokals noch verhindert: bei Homer heißt es dEo-Eidt'jg (Wurzel fiö-, vgl. lat. videre), ^eo-eikeIoq (feix- 'gleichen', vgl. eoixe = *fe-foiK-E), d-Egyug (fegy-, vgl. deutsch Werk), dfpa/uaQTo-enrjg [feTi-, vgl. lat. vöx). Das Attische hat in
§§ 120. 121] Lautliche Erscheinungen i. d. Kompositionsfuge. 61
solchen Fällen gewöhnlich Kontraktion eintreten lassen: ctgyog aus d-e^yo'g, äxcov aus ä-exojv, aixrjQ aus d-(e)t>fry?, nieioxMva^ aus /Zyletaro-dval, XQiaxovrovxrjq aus *-xo-errjQ, äyQolxog (später äygoixog) aus *äyQ6-foixog. Etwas größere Bedeutung haben die Komposita auf *-foQÖg (zu ögäv und deutsch wahren, ge-wahr) gewonnen; aus *-a-foQ- ist -coq-^, aus *-o-foQ- -ovQ- geworden: xifxcoQog (xi/urj; dor. xijudogog, ion. xiiu7]OQog), 'decogog {'&eä\ dor. ß^eagög aus *-äog-), aber xj]7tovQ6g (neben >c7]Jicogög, s. die Fußn.; xfjJtog), olxovgog {oixog). Ebenso -ovgyog aus -o-egyog: drifxiovgyog (örjjuio- egyög Hom.), xaxovgyog^ (xaxo-egyög Hom.) und danach nav-ovgyog (über jtäv- vgl. § 64), aber yscogyog (vgl. § 130) 'Landmann' (klass.) zu yfj.
§ 121. Spuren eines vorgriechischen s im Anlaut des Hinterglieds liegen nur noch in -ov^og aus *-6-o%og vor, das zu e^Ei-v (vgl. ox-£iv) gehört. Obschon Homer in -i^vi- o%og^ 'Wagenlenker' (von rjvia n. pl, 'Zügel') schon die Eli- sion anwendet, ist für -ov^og doch keine andere Erklärung denkbar. Beispiele: oxijTixovxog 'szeptertragend' (Hom.) zu *Gxrj7txo- = oyS]Jixgov, gaßdov^og 'stabtragend' (klass.) zu gdßöog, xaxovxta 'schlimme Lage' (klass.) zu xaxög; von solchenBeispielen aus ist -ov^og auch auf andere Stämme übertragen worden: dqd-ov%og 'Fackelträger' (klass.) zu dag, dad-6g, soxiovxog 'einen Herd enthaltend, den Herd schützend' (klass.) zu eoxia, XajUJtad-ovxog 'Fackel tragend'
^ Nach Ausweis des hom. ■&vQa.a)Q6i; und jtvXafOQÖi; (später ■d'VQcoQÖc; und jivXa>QÖ<;) 'Türhüter' spielte auch das Subst. wga 'Obacht' mit herein {\g\. dQy.v-ojQÖ(; 'Netzwächter' (Xen.), (pQvxr- ojQÖ^ 'Feuerwache' (Aeschyl.) zu (pQvxröi; 'Feuerbrand'); doch ist auch an die Kompositionsdehnung (§118) zu erinnern. Zum ä s. §126.
2 Der abweichende Akzent stammt vielleicht von dem vokativisch betonten *xa}iöeQYe y xaxovgye; vgl. to äde?.(pe zu äöeXcpog.
^ Ob aiyi-oxog und yait]-oxog auch zu exsiv gehören oder zu öxoi; 'Wagen' und \a.t.vehere, ist umstritten; vgl. §153. Sicher zu ex£iv gehört ri/id-oxoc 'geehrt' (Hymn. Hom.).
62 A. Zusammensetzung. [§§121.122
(klass.) zu ÄUjUTidg, 7co/.l-ov%oc, und 7ioha(o)-ovxo<; 'stadt- bewohnend, -schützend' (klass.) zu Jio/.ig, r i/uovxog 'geehrt' (hellen.; in den hom. Hymnen Tifj,u-oxoQ) zu Tif.ii].
Die Kontraktion von Tioovoyov (§ 48), (pQoi/uiov (§ 52) und (poovöoQ (§ 50) erklärt sich daraus, daß nqo überhaupt sein o nie elidiert; y gl. Jigovipaive aus JiQo-ecpaivE usw.
§ 122. Die Fälle, wo das Attische oder die spätere Sprache einen Hiatus in der Kompositionsi'uge weder durch Elision noch durch Kontraktion tilgt, sind nicht gleichartig. Unelidiert bleibt allgemein das i der nominalen^ Anfangs- glieder: noli-aQXOQ, 'KvÖL-dvEiqa. Der Ausgang -o-eidij^ [Woxn. dEO-eiöriQ) ist auch im Attischen geblieben, wohl weil der Hiatus -oei- nicht so empfindlich war: äv&gojjio- etdfjQ, fj,7jVO-8id'r'j(;. Statt des attischen rQiay.ovrovrr]g (§ 135) Öex-evrjQ usw. braucht das Ionische und die Koine rgia- y.ovTa-Ertjg, dexa-eri'jg; hier wirken jedenfalls drei Ursachen zusammen: erstens lag es nahe, nach dem Muster von di- jTovg, TQi-Jiovg, TETQd-TTOVQ ZU öi-Ex/jg, Toi-Exrjg auch TEXQa-EtrjQ zu sagen; zweitens werden Einflüsse solcher Dia- lekte mitgewirkt haben, die in der Kontraktion nicht so weit gingen wie das Attische. Drittens aber kommt in Be- tracht, daß die spätere Sprache (je gebildeter sie ist, umso mehr) eine starke Tendenz hat, die Voränderungen der Wörter nicht nur im Satzzusammenhang, sondern auch im Kompositum zu unterdrücken im Interesse der Deutlich- keit des einzelnen Wortes. Diese Absicht hat im Kampf mit der Scheu vor dem Hiatus vielfach den Sieg davon- getragen. So finden sich in der Koine Komposita wie [xaxQO- rjjjLEQEVEiv, älloxQLO-ETiiGKOTioQ U.dgl.; bcsonders ist man bestrebt, geläufige Anfangsglieder unversehrt zu erhalten, so z. B. OLQXi- in äQXi-iEQEvg^ aQXL-iaxQog, aQxi^-e^iOxonog^ äoxi-oivoxdog, oder xExga- in xEXQa-dgxfjg- Wie weit da die gesprochene Sprache mitging, ist freilich schwer festzu- st(;llen.
Über Hiatus bei d- privativum s. § 54.
' Aber nicht der verbalen: Knja-iJirioc: §79.
§§ 123. 124] Lautliche Erscheinungen i. <1. Kompositionsfuge. 63
II. Zusammentreffen von Konsonanten in der Kompositionsfuge.
§ 123. Einige vorgriechische Konsonantenverbindungen sind im Griechischen verschieden behandelt worden, je nach- dem sie im Innern des Wortes oder am Anfang standen. Wenn nun ein ursprünghch mit einer solchen Gi'uppe anlautendes Wort Hinterglied eines Kompositums ist, so sind zwei Mög- lichkeiten denkbar: entweder das Hinterglied behält den Anlaut, den es als einfaches Wort durch die Lautwandlungen erhielt, oder aber der Anlaut des HintergUeds geht seine eigenen Wege. Im Griechischen kommt beides vor. Das ältere ist die Verschiedenheit, wie sie im alten Epos fast ausnahmslos herrscht; es heißt bei Homer:
ä-ßßgorog 'unsterblich', aber ßgorög 'sterblich'; An- laut *mr- (vgl. lat. mori);
(pEQE-ooaxriQ (Scut. Herc.) 'schildtragend', aber odxoQ 'Schild'; Anlaut *tu-\
(pdo-ju^sid7]g 'hold lächelnd', aber jUEid(i)äv 'lächeln'; Anlaut *sm-]
ä'yd-vvi(pog 'schneebedeckt', aber vicpaöeg 'Schnee- massen' ; Anlaut *s}i- (vgl. Schnee) ;
ßad^v-QQOOQ 'mit tiefer Strömung', aber q6oq 'Strö- mung'; Anlaut *5/'- (vgl. Strom, mit eingeschobenem „euphonischem" -t-)\
ä-QQrjxrog 'unzerbrechlich', aber qriyvvvai 'brechen'; Anlaut *ur- (vgl. Wrack)\
ä-Xkr/xrog 'nicht nachlassend', aber h]yeiv 'aufhören'; Anlaut *sl-.
§ 124. Diese Lautvertretungen stimmen noch zu der altern Behandlung im eigenthchen Inlaut; z. B. zu *ö£?,ao-va (zu oeXag 'Glanz') ist im Lesbischen noch die erste Stufe aeldvva erhalten, während die andern Dialekte und in diesem ball auch Homer zu oelava oder OEXrjVfj weiter geschritten sind. Es zeigt sich also, daß die Kompositionsfuge bei
k
64 A.Zusammensetzung. [§§124.125
Homer eine Sonderstellung einnimmt. Weil sieh aber die Beziehung zum Anlaut fast immer aus der durchsichtigen etymologischen Zusammengehörigkeit des Hinterglieds mit dem selbständigen Wort ergab, tritt auch seit Homer immer deutlicher und stärker das Bestreben hervor, den Anlaut der Hinterglieder ganz mit dem wirklichen Anlaut in Über- einstimmung zu bringen {ä-lrixxoq kennt schon Homer), am meisten natürlich in den Verba composita, da sich diese am leichtesten in ihre Bestandteile zerlegten: ijii-fXEiöiär usw. Am längston hielt sich -qq-; aber die Koine drängt auch da nach -g- hin: ä-gaqjog 'ungenäht', eni-Qdnxeiv ^darauf nähen'^.
§ 125. Wenn in der Kompositionsfuge ein konsonan- tischer Anlaut des Anfangsglieds mit einem konsonantischen Anlaut des Schlußglieds zusammentraf, so konnten sich ungewöhnliche Konsonantengruppen ergeben, die der Ver- änderung ausgesetzt waren. Einige Beispiele: Tcvy-judxog 'Faustkämpfer' (Hom.) zu nv^ fxdx£G&ai; ainoXoc, 'Ziegen- hirt' (Hom.) aus *aiy-Ji6XoQ\ e}.ski-x^(ov 'erderschütternd' (Hom.) jedenfalls aus *s?.e?.iK- zu E?.£?uCeiv e/AXi^ev; e?u- Tpo;(;oc 'radumwälzend' (Aesch.) aus e/.ix- zu e?.i^, eXlooeiv; jTaoovdif)]) 'mit allem Eifer' und TidoaocpoQ "ganz weise' neben Jiav-ovdiff]) und 7tdv-oo(poc;\ yvvai-jiiavijg 'wciber- toir (Hom.) vielleicht aus yvvaix-, vgl. aber yvvaioQ 'weib- lich' (Hom.). Das -o- von ovo- ruft keinen Lautwandel hervor: dvo-/LiOQO(; dvo-vovg u. dgl. bleiben unverändert; auch ist in dvo-a)vv/iiog usw. das Lautgesetz vom Schwund eines intervokalischen ö ausgeschaltet. Eine Unmenge von Konsonantenkollisionen sind durch den Kompositionsvokal verhindert worden; s. § 129.
^ Die Assimilation des v von iv- und aw- u. dgl. an den Anlaut des Mintorf^lieds ist .so bekannt, daß diese Erwähnung genügt. Die Koine stellt auch hier, wenn auch vielleicht nur in der Schrift, den ursprünglichen Laut gern wieder her: ev-^eineiv, aw- yQaqpeiv usw. statt eXk- avyy-, auch nakiv-yeveaia statt nahyy u. dgl.
§§126.127] Der Stammauslaut des Vorderglieds. 65
Der Stammauslaut des Vorderglieds. I. In Nominalstammkomposita.
§ 126. Musterbeispiele für die vom historischeu Staudpunkt aus korrekte Bildungsweise:
o-Stämme (Subst. der 2. Deklin. und Adj. der 2./1. Deklin.): dEo-eiör'jg (Hom.) 'göttergleich' (^eo'c), ro^o-cpögog (Honi.) 'den Bogen führend' {rö^ov), Ioo-'&eoi; (Hom.) 'göttergleich' (tooc).
ä-Stämme (1. Dekl.): al&Qrj-yevrj^ (Hom.) 'im heitern Himmel geboren' (al&Qr]), /xoiQtj-yevrj); (Hom.) 'Glückskind' [juolQa). Reste einer älteren Bildung mit -ä sind TzvXa-cjQÖc und &vQa-ioQ6(;; s. § 120 Fußn.
i-Stämme: titoU-jioq&oc; (Hom.) 'Städtezerstörer' (jr/r/dAtg), TQi-:n:ov^ (Hom.) 'Dreifuß' {tqsIc). Als f-Stämme erscheinen in der Grundsprache im Kompositum auch die Adjektiva auf -ro-; so noch bei Homer xvöi-dvsiQa 'mit herrlichen Männern' zu xvöqöc 'herrlich'; auch statt xaXö^ tritt im Kompositum in älterer Zeit KaD.i- ein (vgl. xdXloc: — xdlXioxoc wie xvdoc — xvöiaroc): Hom. xaXh-~r?.6xajuo(; 'mit schönen Haarflechten' u. a.
i^-Stämme (Subst. und Adj.): 'AaTv-dva$ (Hom.) (äaiv), ■&oaav-xdQÖiot; (Hom.) 'beherzt' [■dgaa-v:;). Auch av-ßcaxt^i; und v-cpoQß6(; (Hom.) 'Schweinehirt' (oüc, vc) mit v statt v wegen orw'c usw.
§127. n-Stämme: Sicher nur ^elay-xQoiy]!; (Hom.) 'von dunkler Hautfarbe' (fxeXag) ; von Stämmen auf -a(r) nur ovofia- xkvröc; (Hom.) 'berühmten Namens' [ovofxa] mit -a- aus vokali- schem -n-, aber vielleicht bloß Zusammenrückung aus dvofMu (Akk. der Beziehung) und xhnöc. Auch xvv- in xvv-wjric (Hom.) 'hundsäugige, freche' und xw-rjyerrjg (Hom.) „Jäger" braucht nicht der alte Stamm zu sein, sondern kann aus xvvo- (vgl, §131) elidiert sein, vgl. xvvo-QmajrjC (Hom.) 'Hundelaus'.
r-Stämme: nvQ-xa'u] (Hom.) 'Brandstätte' {jivq)\ yeQ-vixp (Hom.) 'Handwaschwasser' [yßiQ-, x£(i)q6(;)\ xexQa-rpaloi; (Hom.) 'mit vier Bügeln' [qjdXoi;) mit -ga- aus vokalischem -/•-.
n«-Stämme: Vor Konsonant steht immer -vro- (mit Kompo- sitionsvokal -o-, s. §131) zur Vermeidung von Konsonanten- häufung; daher ist auch -vx- vor Vokal als elidiert für -vxo- zu betrachten.
Debrunner, Griech. Wortbildungslehre. 5
66 A.Zusammensetzung. [§§127 — 129
s-Stämme: tyxea-JiaXoc (Hom.) 'speerschwingend' [eyyoi^)^, ijiEo-ßöXoi; (Hom.) 'Worte werfend > keck' (enog), yeqaa-cpÖQo^ (Pindar) 'Ehre davontragend' [yegaq), Tega-axÖTroi; (Aeschyl.) 'VVundererscheinungen deutend' aus *TEQao-ax6jio(; {Tegac, teogoc).
§128. Diphthongische Stämme: vav-/Liayog (Hom.) 'zum Seekampf bestimmt' (rai'c), vav-äyö^ (vav-i-jyog) (klass.) 'schiff- brüchig' ((f)äyvvvm), und deshalb auch vor ^'okal vav-aQyo^ (klass.) 'Admiral'. ßov-yAXog (Hom.) 'Rinderhirt' (ßovc), vor \'okal ßo-r]Xaaii] (Hom.) 'Rinderraub' aus *ßof-.
Stämme auf andere Konsonanten haben vor Konsonant den Kompositionsvokal (einige von den seltenen Ausnahmen s. § 125); daher können jioö-, vvxt-, öqvi&- u. dgl. vor Vokal die eli- dierten Formen von jioöo-, vvxro- oder vvxri-, oqvi&o- usw. sein.
§ 129. Die Verhältnisse, die sich aus den obigen Musterbeispielen ergeben, sind im Griechischen sehr stark gestört worden, vor allem durch den ,,Kompositions- V o k a 1" -o- : sämtliche Stämme können als Vorderglieder ihren Ausgang durch ein -o- erweitern oder verändern, manche Stämme tun es sogar immer. Das -o- stammt natürlich von den o- Stämmen her. Die Gründe, warum es so beliebt ge- worden ist, sind verschiedene. Zunächst ist jedenfalls aus- zugehen von dem Wechsel von Stämmen mit und ohne -o- am Ende von Komposita (§ 143); diese Freiheit wurde auf den Schluß des Vorderglieds übertragen. Sodann wurden bei den konsonantischen Stämmen vor konsonantischem Anlaut des zweiten Glieds durch den eingeschobenen Vokal allerlei ungewöhnliche Konsonantenhäufungen vermieden, und durch die häufige Anwendung in solchen Fällen konnte der Vokal zum ,, Kompositionsvokal" werden, d. h. zu einem Ausdrucksmittel für die Komposition überhaupt, so daß er auch bei vokalischen Stämmen Platz griff. Ein wenig mögen auch alte Doppelheiten wie fpvXaxog (Nom.) neben (p-öXai, fieXavoq (Nom.) neben //e'Aag beigetragen
^ Auch (paea-g)üQo^ (Aeschyl., Eur.) 'Licht bringend, leuch- tend' {(pdog = (pöji;); (pcoa-tpögo^ (klass.) ist nicht Kontraktion aus <paea-, sondern Ersatz des verschollenen Stammes durch die All- tagsform (pöj;, dit» nach einem Stamm aussehen moclife.
§§129—131] Der Stammauslaut des Vorderglieds. 67
haben. Endlich ist noch ein Umstand als begünstigend hervorzuheben: wenn einmal inn-rilaxoQ (nach § 118) und iji7i6-iJ.axoQ nebeneinander standen, so konnte man auch y.vv-öjJxiQ als elidiert verstehen und dazu ein xvvo-Qaiorijg schaffen. Man vergleiche übrigens die entsprechenden Dienste, die das -o- bei der suffixalen Ableitung tut: ococpg-o- avvTj (§323), ix'&v-ö-EiQ (§361), ev-ö-rr]Q (§364f.) u.dgl., ferner zur Ähnlichkeit in der Behandlung der Suffix- und Kompositionsfuge § 118 mit Fußnote. Vgl. auch § 74Fußn. über das Kompositions-s des Deutschen.
§ 130. Beispiele für den Kompositionsvokal -o- bei den ver- schiedenen Stämmen:
ä-Stämme: vXo-röfjioi; (Hom.) 'Holz fällend' {vXri)\ mit Elision Niy.-ijzjioi; (vixt]); äeUö-jio^ (Hom.) 'sturmfüßig' (äeUa). Diese Bildung ist bei den ä-Stämmen die übliche. Zum Kontraktum yfj wird yea>-/iieTQrji; (klass.) 'Feldmesser', yeco-ixÖQoq (klass.; dor. ya-ixÖQoi;) 'Grundbesitzer' gebildet {yevi- aus *yrio-, vgl. hjiröyeojg § 144; yä- aus *ya.o-); s. auch yeojgyöi; § 120.
i-Stämme (vereinzelt): <pvaio-Xöyo^ (Aristot.) 'Naturforscher' {(pvaii;), araaio-Tioiöi; (Josephus) 'Aufwiegler' (oxdaig).
M-Stämme: vö-jioioqoi; (Herodot) 'mit schweinsrüsselartigem Bug' (vg), Ix&vo-jrdjXrjS (Komiker bei Athenäus) 'Fischhändler' (ix&vg), 6(pQvö-omo^ (Aristot.) 'von den Augenbrauen überschattet' (6<f>QV(;) ; öovQo-ööy.r] (Hom.) 'Speerbehälter' (ööqv; später öogaro- 7iaxt]C (Xen.) 'speerdick', sonst auch öoqv-^evoi; (Tragiker) 'Speer- freund, Freund im Krieg').
§131. «-Stämme: a) xvvo-QaiaTt]/; (Hom.) 'Hundelaus' {xmop), yiovö-tavTioi; (Soph.) 'vom Schnee gepeitscht' [xidiv], Xeif^covo-rvjio^ (Aeschyl.) 'mit Sturmwind peitschend' {xei/iicov), do/xaTo-7ti]yö; (Hom.) 'Wagner' (ägfia, ursprünglich n-Stamm), aifiaxo-axayrii; (klass.) 'bluttriefend' (alfia) ; b) aifio-cpöqvitTo^ (Hom.) 'blutbesudelt' (alixa), äy^ö-&eTov (Hom.) 'Amboßstock' [äxfxow], xeifJ'd-ojtoQog (Theophrast) 'im Winter gesät' (xsijuwv oder Xelßa), XQsiaaö-rsyvog §109; vgl. äv-ai/bio^ u.dgl. §141, evcpQo- avv)j §323.
/•-Stämme: Tivgo-eid-^i; (Plato) 'feuerähnlich' {tzvq), x^'-Qo- TExvrjg (klass.) 'Handwerker, Künstler' (x^iq), ■&rjoo-(p6voi; (Theognis) 'Wild tötend' (^//o), jiazQo-xaoiyvrjro^ (Hom.) 'Vatersbruder' {jiaT7]Q), ävÖQo-q)dyo(; (Hom.) 'menschenfressend' (äviJQ), vöqo-
68 A. Zusammensetzung. [§§ 131—133
7tözr]g (klass.) 'Wasser Irinker' und vöuxo-iQecfr'jC (Hom.) 'am Wasser wachsend' [vÖoiq).
nf-Stämme: TzaiTo-ixior/i; (Aeschyl.) 'allverhaßt' [ttüc], ävögi- ai>ro-7ioi6i (Pindar) 'Bildhauer' (dvÖgidi;), ysQovro-diSdaxa/.o^ (Plato) 'Lehrer der Alten' (yegojv).
s-Stämme: axvTo-TÖ/xo:; (Honi.) 'Lederarbeiter' {ay.vro^j, KXeo-jidxQrj (Hom.) [y.Mo^], /j,evo-£ix7]^ (Hom.) 'herzerfreuend' {fievo^), yjevö-dyyek»:; (Hom.) 'Lügenbote' (ipevöoi;). Das deutlicli stammhafte Wortstück umfaßte eben bei den Neutra auf -o^ den Ausgang -o;, -ovg usw. nicht mehr; daher werden sie wie /.oyog behandelt, xegao-^öoc (Hom.) 'Hörn schnitzend', yr]Qo-rQ6q)oc (Pindar) 'im Alter ernährend' [yf}Qai;), xoeo-fpdyoc (Herodot; später y.QEOi-cpdyo^, etwa nach yeo)-? s. §130).
§132. Diphthongische Stämme: vr/o- erst spät: rrjo-oaooc: (Apoll. Rhod.) 'Schiffe schützend' (vavg)'^; ßoo-: ßoö-aXeip (oder ßov- xUxp) (Soph.fr. 932 N."^) 'Rinder stehlend', ßoo-y.Taaia (Apoll. Rhod.) 'Ochsentöten' ißovg). Zu Subst. auf -ev;: ÖQeoi-xönoc (att.) 'Maultiere besorgend' [ÖQevg] aus* d^7/-o- (vgl. hom. jSaat/?]- oc, att. ßaaikeco^; ferner doy-iigeoK § 144 und legecoavvrj § 323).
Sonstige konsonantische Stämme: jiodo-arQdßrj (Xen.) 'Fuß- schlinge' {jiov!;), daTziöö-ÖovTioi; (Pind.) 'schildtosend' (äajzig), vvyTo-/biaxia (klass.) 'Nachtkampf' (vv^), ÖQvi&o-&r'iQa^ (Aristoph.) 'Vogeljäger' {ögvic:).
Sogar bei Zahlwörtern (s. TgiayovTovT7]^ § 135 Fußnote) und Adverbia {6jnoßo(pi!/.ay.ec: § 136) dringt das -o- ein.
§ 133. Wie das -o- bei den andern Stämmen, so ge- stattet sich ein -a- (-?/-) Übergriffe bei den o-Stämmcn: s?.a(p7]ß62.og (Hom.) '(Hirsch-) Jäger' [eXafpoQ), nvQrjcpoQOi; (Hom. neben :ncvQo-(p6Qog) 'Weizen tragend' (rtvQoi). Für die Entstehung solcher Bildungen kommt folgendes in Be- tracht: 1. &a/.ajuri-7T6/.og (Hom.) 'Rammerfrau' konnte nicht nur auf *?a2a/f*/, sondern aucli auf i^d/.atiog bezogen werden; ein eventueller Konkuiicnt ^j^a/.a/^o-.To'/.og war seiner vielen Kürzen wegen rhythmisch unbequem, besonders für die daktylische Poesie. So konnten sich Hinterglieder wie -rißo?.og, -TjCpoQog, -riyev^jg (Hom. verjyev/jg nach /ioiq)/-
^ vecoQÖi; 'Aufseiier über die Schiffe' (Hcsych), vecöqiov 'Werft' (klass. ^ aus *v)]fo-foQ- > *v7ifon-?
§§ 133 — 135] Der Stammauslaut des Vorderglieds. 69
ysv7]i; [§ 126] usw.) herausbilden. 2. Ursprünglich mochten nebeneinander existiert haben *XQld'7]-(pÖQ0i;' Gerste tragend' und TtvQO-rpoQOQ 'Weizen tragend'. Durch Ausgleichung konnte daraus entweder xgld^o-cpoQOQ (so Theophrast und Strabo) nach jcvQO-fpöqoq oder jivqri-cpÖQOc. (Hom.) nach '^xgl'&rj-cpoQog werden. 3. Hier und da dürften in dem -a- oder -Tj- auch verschollene Kasusformen stecken.
§ 134. Zu der gelegentlichen Ausbreitung solcher Hin- terglieder auf konsonantische Vorderglieder vgl. äojziöi]- fpoQOQ (Aeschyl.) 'schildtragend' (dajr/g), äoTzidrjOZQocpoQ (Aeschyl.) 'schildschwingend', ^iq)7]q)6Qog (Aeschyl.) 'schwert- tragend' {^iq)og); auch 7roAtdo;foc (Pindar) 'stadtschützend' i7i6?uQ). Vereinzelt kommt auch eine Präposition als erstes Glied solcher Komposita vor: en-rjßoXoQ (Hom.) 'teilhaftig' {EJcißdXXeiv).
§ 135. Ein -a- dient als „Kompositionsvokal" bei ge- wissen Zahlwörtern. Von sTtta-, evvea-, dexa- {xexQa- § 127) aus WTirde auch TiEvxa-, e^a- und öxxa- gebildet. Diese Formen sind allgemein mit -xooioi zur Bildung der Hunder- ter, während sonst das Attische noch jievxE-xdlavxoQ u. dgl. kennt gegenüber dem ionischen jievxd-exEi; (Hom.), nEvxd- oxo/uog usw., auch £x-Jt?.E'&Qog (Eur.) neben dem ionischen e^d-EXEQ (Hom.),£|d-^£Tgog, ebenso öxxoj-novg u.dgl. neben dxxd-xvrj/j,og (Hom.), öxra-noörjQ (Hesiod) usw. Nach den Zehnern auf -xovxa-^ bildet Homer EEixood-ßoiog neben dvojxaiEixooi-fXEXQog und -nrixvg; vgl. auch EixoGa-ex7]g (Herodot), -(pvlXog (Theophr.) usw. Sogar Exaxovxa-xdgavog (Pindar), Exaxövx-agxog (Xen.) usw. treten auf (älter Exaxoy-XEiQog, Exaxoix-nvXog usw. bei Hom.); vgl. sxaxov- xdxig ExaxooTog nach xgiaxovxdxig xqiuxoöxog usw. End- lich juvQiovx-aQxog (Aeschyl.) nach Exaxovx-agxog wie IxvQiovxdxig (Hesych) statt [xvQidxig nach exaxovxdxig. Die
^ Att. TQiaxovTovrrjg, 7ievxi]xovrovxt]Z '30-, oO-jährig' usw. ist natürlich nicht Kontraktion aus -ra-err]^ (vgl. § 122), sondern aus *xo-(f)ezr]i; mit dem -o- von §130 ff.
70 A. Zusammensetzung. [§§ 135 — 137
Formen auf -a- werden auch auf unbestimmte Zahlwörter übertragen: 7io?Ja-7i/.doioQ (klass.), Trood-novg (Plato) und scherzhaiit y>aju/Lia-y.ooio-ydQyaQa (Ar. Ach. 3)'sand-hundert- Gewimmel'.
II. In andern Komposita.
§ 136. Zu den analogischen Übertragungen des Vorder- ghedausgangs von Kasuskomposita vgl. § 4 über ^soG-doxog, Avxöo-ovQa und ävdgei-(pövrrig, § 5 über 7tVQi-7]y.rjg, nvgi- jzaig^ und ägei-^voavog.
Auch adverbielle Vorderglieder sind vor analogischer Veränderung des Ausgangs nicht sicher:
dnio§o-(pv/Mxeg (klass.) 'Nachhut' (ÖTiio&e), vgl.
7tQo-(pvlaxEg (klass.) 'Vorposten' {ttqo)-, ayxe-fxaxog (Hom., der aber manche Komposita mit ay^i- kennt) 'Nahkämpfer' {äyxi) offenbar nach dem Gegensatz Trj/.E-juaxog:, äy/i-juaxriT/jg {Hom.) konn- te sein -i- behalten, weil es nicht so stark an Ttj/J- luaxog erinnerte. § 137. Für die Vermischung des -e- des Typus äoyj- xaxog (§ 75) und des -i- oder -oi- des Typus rsQy^i-ßßQorog (§ 79) unter sich mögen folgende Beispiele dienen: Bei Homer herrscht ägys- (vgl. § 115); dann taucht konkurrierend und schließlich siegend ägxi- auf; der Grund der Änderung ist unbekannt. äjußo?u-Egy6g 'die Arbeit aufschiebend, saum- selig' (Hesiod) von äjiißoÄ/j 'Aufschub' (Pindar) mag sein i einem Gegensatz wie dvvoi-Egyog' da.s Werk fördernd' (Theo- krit), vielleicht auch der Erinnerung an djußoAUj (= dfißo/.7y, Apoll. Rhod. und Anthol. Palat.) verdanken. Die Komposita mit dle^eiv als Vorderglied haben nicht das zu erwartende *ale^E- nach dem dgxE-xaxo g-Ty^\x^, sondern d/.e|t- {d/x^i- ;>tfa;<og 'Unglück abwehrend' schon bei Hom.) mit Anlehnung an den rsQyji-fÄßgorog-TyTpus, obschon das -o- von dle^eiv
1 nvQ- s. §127, :zvQo- §131; Ttvoo- scheint sich weniger leicht Eingang verschafft zu haben, weil es an tivqo- 'Weizen' anklang.
§§ 137—1 39] Zur Gestaltung des Hinterglieds. 71
zum Verbalstamm gehört. Für 'gesangbeginnend' sagt Ste- sichorus äQxeGi-iJiolnoQ; das Nebeneinander von xavv- nxEQvh. (Hom.), xavv-nxEQOc, (Hesiod) 'mit ausgebreiteten Flügeln' und xavvoi-nxEqoc, (Hom.) 'flügelbreitend' und ähnliche Fälle mögen den Anschein erweckt haben, als sei die Hinzufügung von -oi- bedeutungslos. Mit -ge- statt -oi- d-xegoe->c6fj,rjg (Hom.) 'das Haar nicht scherend' und tieqge- 7i{x)oAiQ (Aristoph., Aeschyl.) 'Städte zerstörend'.
§ 138. Da cpilo- und Verwandtes (§ 76 ff.) als verbal empfunden wurde, konnte sogar -o- in verbale Komposita mit -Ol- eindringen: lEirpo-d^gi^ (Aehan) 'der die Haare ver- loren hat' {\^\. X(E)i7to- in X(E)in6-y!vxo(;\ §78), lEixpo- öeA^^i'or (Dioskorides)' Neumondzeit' und av^o-osXrjvov (An- thol. Pal.) 'Zunehmen des Mondes' ; GXQExpo-öiKElv (Aristoph.) 'das Recht verdrehen', 6QOo-XQiaiv7]g (Pindar) 'Dreizack- schwinger'. Die Eigennamen erlauben sich noch viel mehr derart (vgl. § 163); da wechselt ganz willkürlich 0aivi-, 0aiv£-^ 0aivo-, TtjXe-, Tr]?ii-, Tr]Ao- usw.; es gibt sogar Uqcjxeoi- neben IIqcoxo-.
Zur Gestaltung des Hinterglieds.
I. Die Stammgestaltimg des Hinterglieds bei der Mutierimg.
§ 139. Bei der Mutierung (§ 110) erhält das Komposi- tum diejenige Adjektivform, die dem Substantiv des Hinter- glieds formal am nächsten steht. Die geringste Veränderung ist erforderlich, wenn das Substantiv ein o- Stamm war: qoöo- ddxxvloq unterscheidet sich von ddxxvXoc, nur dadurch, daß es auch als Femininum gebraucht wird (§ 112) und die Fähig- keit hat, besondere neutrale Formen zu bilden. Entsprechen- des gilt für Ev-dai/uwv, ä-xagiQ, >ca?Jii-7taig gegenüber öatjuojv, XaQiQ^ jtalQ. Leicht ist auch die Änderung in xvdv-ocpQVQ (Theokrit) 'mit dunkeln Brauen' von dfpqvq. ä-stämmige Substantiva bleiben bisweilen in der 1. Dekl., indem sie für das Maskulinum ein -g anfügen und so ins Flexionsparadigma
72 A. Ziisamniensetzung. [§§139—141
veaviag, TioAitrjQ übergehen (im Femininum sind solche Adjektiva nicht übhch): ev-jujUE/.i}]g (Hom.) 'speerkundig' ijue/u)]), ßa^v-divijg (Hom.) 'tiefwirbelnd' (divrj), xvavo- ^aixrjQ (Hom.) 'dunkelhaarig' ('/airy), usw. Aber nach Par- tikeln und Präpositionen ist von jeher der ä-Stamm durch den o-Stamm ersetzt worden: ä-rijuog {rijw)]), iv-^ojvog {Cmv7]), EJi-OLQOVQOQ [aQovQa^ Vgl. § 50) USW., Und diese Be- handlung ist dann im Griechischen fast allgemein durch- gedrungen; die Bildungen auf -r/g verdanken ihre Erhaltung wohl überhaupt nur dem Anklang an die Nomina agentis auf -ri;g (§ 100). Über -^i/oa^, -vi'x)]g usw. s. § 98.
§ 140. Die 5- Stämme vom Typus yevog bilden als Schlußglieder -yevijg: di^o-^ievijg (jlievoq), {}eo-eidrjg {eidog) usw. Auch nod-ibxYjg enthält ein Subst. '^wxog^ nur ist dieses verloren gegangen, und so scheint noö-dr/iiig von v)y.vg abgeleitet zu sein. Ein Athener mußte auch ä-iidt'jg als Negativbildung von tjövg empfinden, weil *?](5oc aus seiner Sprache verschwunden war (Hom. fiöog). Die 5-Stämme vom Typus yrjgag bilden -yTJgaog, s. unten § 144; alöoig bildet äv-aidy'ig. Für die verbale Umdeutung von -rjg (s. § 102, 105) folgen hier noch einige Beispiele: ev-jieidi]g'gf'\\ov^asa und d-7re(^);g 'ungehorsam' (beide klass.) gehören nicht mehr zu dem verschwundenen ^TreWog, sondern zu nei&eo&ai, ebenso ä-/Lie/j,q)rjg (klass.) 'ohne Tadel' zu juejuqeo&ai, efji-[XEvrjg (Hom.) 'beharrlich' zu [aeveiv (nicht zu /nEvogl).
§ 141. Ziemlich mannigfaltig ist die Behandlung der /i-Stämme. Zu (pgyjv cpgevEg gehört -(pgcov (ä-cpgcov, ev-, Goi- usw.; mit Ablaut -en-: -on-). Entsprechend können die Komposita mit Neutra auf -/^a auf -ixcov ausgehen (Ablaut -n-: -on-): äv-ai[xcov (Hom.) zu alfxa, noXv-ycrrj^ov (Hom.) zu KTfjju.a, d-, xaxo-, noXv-TTgayficrv (klass.) zu r[näyf.ia, l£QO-f.ivi]/biOJV (klass.) zu juvfjjiiu (iibei- \('ibales -jnov vgl. §102, 312); dazu auch ä-nEiQO)v (Hom.) 'unendlich' zu TtEioan TiEigara (§ 17). Alt ist abei- auch -f^iog: rojrvjnog (und VMVViiivog) (Hom.) zu dvojua, äv-aijuog (klass., aucii dv-ai'[i(iTog\ über das -o- vgl. § 131 und nntiMi i^ 143, 148), E7iL-nriiiog (klass.) zu aTj/ia.
§§1 42—1 44] Zur Gestaltung des Hinterglieds. 73
§ 142. Ein -t>- Ablaut wie in -(pQcov tritt auch boi naT}]o und Verwandten im Hinterglied auf: a-7idxo)Q, d-jU7]rcoQ, ö/bto-JidrcoQ, 6/LW-jU')]TMg (alles klass.), ev-i)vcoQ (Hom.); ä-ydoTcoQ (Lykophron) und o^w-ydorcoo (Pollux) = d-de?v- fpoQ. In diesem Fall haben sich die Nominaldeterminativa an die Mutierten angeschlossen: [xrjToo-ndTWQ (Hom.) 'Mutters Vater'. Vgl. noch (pvoi-Coog 'Getreide spendend' (Hom.) zu C«d 'Spelt'.
Adjektivierung mit -o-. § 143. Daß ein ä-Stamm bei der Mutierung durch den o-Stamm ersetzt würd, ist oben erwähnt worden (§ 139). Aber auch die konsonantischen Stämme benützen bei der Mutierung mit großer Vorliebe das -o- zur Herstellung einer bequemen Adjektivflexion: vcövvjufvjog, ävaijuog, dvai- yUaroi;(s.§ 141) ; TToA-u-ai'ö^Os'nienschenreich' (Aeschyl., neben 7io?.v-ävcoQ), /ueMv-vÖQOQ (Hom.) 'mit dunklem Wasser' und später dv-vöarog (Manetho) 'wasserlos' (zu vdcog; vgl. vÖqo- und vdaro- § 131); exaTÖfi-Tzedog (Hom.; v. 1. -Jiodog) 'hundert Fuß lang' (zum Stamm nod-, vgl. lat. ped-). Bei der Hypostase (§ 148) ist dieses Verfahren die RegeP: in- dgovQog zu ägovga, dy^i-aXog zu d'Ag, usw.
§ 144. Einige Fälle sind lautlicher Erscheinungen wegen beachtenswert: 'Ex£-vr]og (Hom.), negi-veag (att.) 'auf dem Schiff überflüssig, Nichtruderer' (zu vavi;], d-y^gaog (Hom.; später d-y^gojc) 'nicht alternd' (zu yfJQai;), ev-xegu»; (Soph.; Eu-xeQaog späte Dichter) 'mit schönen Hörnern' (xiga^). Auch dQx-ieQeo)^ (Herodot) 'Oberpriester' ist so zu erklären (aus *'ijf-oc, vgl. oQeoj-xöfioi; § 132 ; aQx-tegevg {klass.) ist Anlehnung an IsQsvg (§115 Fußnote). Von yi] existieren drei Hintergliedformen, alle mit -o-: attisch ist -yecog (aus *-yi]o^, vgl. yea>- §130): ?.e7ir6-yeü)i; 'mit magerem Boden', in präpositionalen Rektionskomposita auch -yeioc (aus *-yr]-io/; > *-yr)oi;): ijii-yeioi;, vjiö-yeioi; ; ionisch und hellenistisch ist -yaioi; (von yaia?): vTzö-yaiog, fisMy-yaiog; doch sind die Verhältnisse durch die Überlieferung stark verdunkelt, die sehr oft zwischen -yeoj^, -yeo^, -yaio;, -yeiog schwankt, weil spätgriechisch m und f, o und lo gleich ausgesprochen wurden.
^ Neben der Bildung mit -lo- §147.
74 A. Zusammensetzung. [§145
II. Verbalnomina als Hinterglieder.
§ 145. Nomina agentis als Hinterglieder sind uns bei präpositionalen (§ 44) und adverbialen Determinativa (§ 62) und bei verbalen Rektionskomposita (§97 ff., 105 f.) begegnet. Hier ist noch ein Wort über Verbalabstrakt a als Hinter- glieder am Platz.
Die Nomina actionis werden nur mit Präverbien zu- sammengesetzt (Typus ävd-oraoig, § 43), weil sie ein Verbum voraussetzen und das Verbum nur mit Präverbien zusammen- gesetzt wird.
Sonst tritt als Abstraktum eine Ableitung vom kom- ponierten Adj. oder Nomen agentis ein: ßo7]?.aoiy] " Rinder- raub' (Hom.), abgeleitet von ßo-rj/Arrig 'Ochsen treibend' (klass.), gegenüber s?.aoig, e^-elaoig usw.; ^ovofiayj'a''Ein- zelkampf (klass.) von juovo-f^dxog 'einzeln kämpfend' (klass.), gegenüber /ndx^', övo-^eoia 'schlimmer Zustand' (Hippokrates) von övo-'&erog 'schwer einzurichten' (Hipp.), gegenüber -d^eöiQ vjid-d^eoiQ^ usw. ; ä-ßovAia 'Unüberlegtheit' (klass.) von ä-ßovAog 'ohne Überlegung' (klass.), gegenüber ßovXif], ejti-ßovh)^ usw. Ausnahmen sind nur scheinbar: juio&o-cpoQa (klass.) ist nicht gleich dem normalen Abstrak- tum juia&o(poQia (klass.) 'besoldeter Dienst', sondern heißt 'der erhaltene Sold' und klingt deshalb an (pood an; auch oivo-xori (Hesiod) ist konkret = 'Weinkanne' {xoi] 'Guß'), ebenso erv-rjQVOig (Aristoph.) 'Breikelle', ^svo-oraoig (Soph.) 'Ort zur Aufnahme der Fremden', oixo-öo^u/j (hell.), das 'Bau' im konkreten und abstrakten Sinn bedeutet, also was früher oixodofj,ia, -jurjjua, -fxrjaig hieß, wurde wohl nicht mehr als Kompositum empfunden, da öef^teip kein lebendiges Wort mehr war {öo/lh'j kommt auch erst bei hellenistischen Dichtern vor).
^ Von vTio-ri&eaß^ai im-ßovkeveiv, während ein *öva-Ti&ea&ai *ä-ßovXevEiv unmöglich ist. Natürhch kann neben av/ißovXeveiv — ov/jßovh'i auch ovjußovXo:; — avfißovXia gebiklet werden; vgl. änoaTaaln — äjrömaoi' § 43.
§§146 — 147] Komposition zum Zweck der Ableitung. 75
Komposition zum Zweck der Ableitung (Kompositionssuffix, Hypostase).
§ 146. Sehr oft ist ein syntaktischer Wortkomplex erst dadurch zum festen Kompositum geworden, daß der Wunsch nach Ableitungen davon (§ 36, 38)^ die volle Ver- einheitlichung verursachte. Als Musterbeispiel diene Ned- TtoXiQ und MeyalÖTColiQ. Ursprünglich hießen die Städte Nea UoIlq (vgl. Anhang III.) und Meydh] Uohg; wollte man den Einwohner durch eine Ableitung bezeichnen, so griff man zur Stammkomposition, weil diese die not- wendige Einheitlichkeit der Wortverbindung am deut- lichsten zum Ausdruck brachte; also NeonoXariQ Meya- lonoUrriQ. Neben diesen Vollkomposita lebten die alten doppelt flektierten Stadtnamen lange fort; schließlich aber in nachklassischer Zeit schlössen sich auch diese enger zusammen: NednoliQ flektierte als ein einziges Wort nur noch am Schluß: NeanoXecag usw., Msyalo- TioliQ übernahm sogar die Stammkomposition von Meyalo- noXirriQ her. Vgl. auch yialoc, xäya'&og — xalo-xäya&ia — xaloxäya'&OQ § 36, ävdgaya'&ia -'diCso'&ai -'&eIv § 93, TQEiöxaidexarog (§ 66), ferner jileov- {/uslov-, sv-, xa^-) exxTjQ (§ 101) -ekxeIv^ -E^ia von jzMov, /heIov, e'v, xaKüg exsiv aus. Man kann auch die verbalen Rektionskomposita so verstehen: xpvxrjv jxejujzei wird nie Kompositum (vgl. § 85 Fußn.), dagegen ifv^o-Tzo/unog; dasselbe gilt natürlich für Komposita mit Nomen agentis auf -ag, -?;?, -r^/g im Hinterglied (§ 98ff.).
§ 147. Unter den Suffixen, die aus syntaktischen Kom- plexen Ableitungen bilden, nimmt im Griechischen das ad- jektivische -Lo- (§283 ff.) unbestreitbar die erste Stelle ein; es ist das eigenthche Kompositionssuffix des Griechischen-.
^ Oder nach weiterer Komposition (§37).
2 Es entspricht demnach unserm -ig: weit-herz-ig, hohl- äug-ig usw.
76 A. Zusammensetzung. [§§14" — 149
Die Ausdrücke, an die es antritt, indem es sie erstarren läßt und mit Einzel Wörtern auf eine Stufe stellt (Hypo- stase), sind syntaktisch von verschiedener Art. Selten ist es ein durch ,,und" zu verbindendes Substantivpaar: cpayriOL-Tioaia (§82); überaus häufig eine Präposition mit abhängigem Substantiv: 7taQ-d?uog (§51). Ein determinie- rendes Nomen erscheint im Vorderglied einer to- Hypostase in Stammform: o/no-Ttdrgiog (klass.) "vom gleichen Vater', vgl. lat. bi-ped-ius] Ausnahmen sind sehr selten: iy.rri^iÖQiog ( § 66). Ein Dativ All ZcorfJQi liegt vor in A itoojxrjgia 'Opfer- fest für Zeus Zmx/jo' (Inschr.), ein Genitiv in AiooooTjjQiao- rai 'Verehrer des Zeus Zcoxrjq (Inschr.). Über -tdtog in Hypostasen s. § 383.
§ 148. Als Kompositionssuffix kann man auch das adjektivierende -o- (§50f., 143) betrachten. Es stehen ja nebeneinander in gleicher Bedeutung ev-vnviog (Hom.) und ev-vnvoQ (Dichter bei Plutarch), iq)-rj/uEoio:; (Hom.) und ecp-ri[j,eQO(; (klass.), naQ-dhoq (Aeschyl.) und rrd^-a/og (klass.), exrri-fjiOQiOQ und sxrrj-juoQog (§ 66). Es wäre jedoch ein Irrtum zu glauben, Tidga/.OQ sei mit -lo- zu rraod/fog erweitert worden; dem Griechen standen beide Bildungs- weisen direkt zur Verfügung, so gut \\'ie 6jno-7idroiog (§ 147) nicht von ojiio-ndTOJQ (klass.) abgeleitet ist.
Über eine sonderbare Art von Kompositionsableitung in iJiTioTCÖTafiog, aiyaygog, Sa/uo'&Q'rjxiog s. § 93.
§ 149. In weit geringerem Maße werden auf die in § 146 beschriebene Art Verba gebildet (vgl. üher-nachten von über Nacht aus): ey-XEigelv 'in die Hand nehmen, unternehmen' (klass.), Ey-xeiQiL,ELV 'einhändigen' (klass.) von ev x^t^/; Ey-yvallt,Eiv 'in die hohle Hand geben' (Hom.) \o\\ ev yvd/M] Ev-coTi'i^EO'&at 'zu Ohren nehmen' (Septuaginta und N. Test.) von ev (hrl, E7i-af.i(fOTEQiL,Eiv 'nach beiden Seiten neigen' (klass.) von eti äficpotEga, Tigoo-ordiCEiv 'zu Boden (jigog oddag) werfen' (Herodot, Eur.); dvdoaya&i'^EO&ai -&EIV gehen zusammen mit dem Subst. -&/a (§ 93) wie rrno-
XEVEiV TZOCOTEia USW. (§ \6).
§§150 — 152] Zum Akzent der Komposita. 77
Zum Akzent der Komposita.
§ 150. Komposita mit einsilbigem Wurzelnomen im Hinterglied sind Oxytona: ßov-Tclrj^^ Gidijgo-ßQchg^ äomö- anoßli^Q, Gtdr}QO-KfA,iJ!;, Xifio-'&vi^Q^ ejii-ß?.^g, djio-QQco^^ ä-yvd)g, sv-Hgäg; wenn aber der Vokal des Wurzelnomens ein kurzes i oder i? ist, so herrscht Barytonese: '/^sQ-vitp^ xpevoi-OTvi, TtQoo-qjv^^ a-C^'l, ev-C^'l, vfj-ig, weil diese Vo- kale ursprünghch die Ablautsstufe der unbetonten Silben darstellen.
§ 151. Mutierte Komposita aller Art waren auf dem Vorderglied betont; im Griechischen sind sie es noch, soweit es das Dreisilbengesetz gestattet: eV-r^eog, ndq-aloQ^ a-, dvo-, Ev-'&vjuog, eQi-ßoiloQ^ äyd-vvicpog^ Cd.-'&sog, ä^io-loyog, chxv-JzreQog, zgi-novg; aber ä^qii-d^dXaooog, goÖo-ddxzv/.og usw. Auch die verbalen Rektionskomposita vom Typus ägxs- Kaxog und regipi-fißgorog haben zurückgezogenen Akzent, ebenso die koordinierenden und- iterativen Komposita: öoi-ÖeyM (§ 81), Tzd/Li-Jzav (§ 22); ferner die Kasuskomposita: Aida-y.ovQOi (§67).
§ 152. Die verbalen Rektionskomposita vom Typus -TzojUTiog sondern sich nach dem Akzent scharf in zwei Gruppen: xpvxo-7io/j,Jtdg (§97), aber ^EÖ-Tzo/uTcog (§106). Bei rfvy^o-nofinög stammt die Oxytonese aus der Grund- sprache, in der überhaupt die Tendenz bestand, Verbal- nomina als Hinterglieder zu oxytonieren (§ 150); ^ed-no/uTcog dagegen ist jedenfalls mutiert (§ 151), ob man nun erklärt 'einen Gott als Begleiter {Ttofxnog) habend' oder 'von einem Gott Geleit {nofjLTcrj) habend'; in beiden Fällen ergab sich passivische Bedeutung 'von einem Gott geleitet', wenn in- folge der Assoziation mit -no/uTiög der verbale Inhalt von '-Tiojunog in den Vordergrund trat. Diese Umwertung war erleichtert durch den Typus '&e6-d/birizog '&eö-7tsjuJiTog, der auch in der Akzentuierung gleich war (§ 156).
Die abweichende Betonung xovQo-ZQocpog, ■d'Vfjio-fpd^oQog, loyoyQd(pog usw. statt *-XQ0(p6g usw. ist die Folge eines
78 A. Zusammensetzung. [§§ 152—156
griechischen Akzentgesetzes, nach dem ein Oxytonon zum Paroxytonon wird, wenn die letzten drei Silben des Wortes daktylischen Rhythmus haben (7täxv?.6g^ aber äyxv?.og). Daß man dann den Akzentunterschied zwischen ßovhj-cpoQOi; releG-rpÖQOQ usw. und *vdQo-(pog6:; usw., dem kein Bedeu- tungsunterschied entsprach, nicht beibehielt, ist nicht ver- wunderlich; der Ausgleich geschah zugunsten von ßoiiXr]- (poooQ usw. (also danach auch vöqo-cpoQOQ usw.), weil die Abneigung gegen eine unmittelbare Aufeinanderfolge dreier Kürzen die Bildungen wie ^vögo-cpogög stark in der Minder- heit erhielt.
§ 153. Die Ausnahmen sind z. T. Äolismen Homers, so iTcnööaixoi; \ bei alyi-oyo^, rivi-oy_o<;, yairj-oxog (§121 mit Fußn.) mag auch ev-oyoc. xäx-oyoc, e^-oyoz mitgewirkt haben (hinter nominalem Vorderglied war -ovyog übhch; s. §121). Zwischen '-fiaxot; von fiayr] und -ixäyoc, von ndysadm unterscheidet schon Athenäus IV154EF ganz richtig.
§ 154. Die Determinativa haben Barytonese: Aioo- xovQOi, dgrjt-<piXog, aKgo-nohg^ iJZTco-Tzöra/xog, yXvxv- JiLKQog, lazQO-juavrig, avv-dovAog.
§ 155. Von diesen Akzentgesetzen machen die 6-Stämme als Hinterglieder eine Ausnahme, indem sie den Ton auf sich ziehen: ä-O'&evrig, ev-yev)jg, dvo-f^evi'jg, iju-jiievyjg, 7io?.v-eT7]g, 'd'£o-eid7]g, ai&g}]-yevi]g, xala-nev&i^g usw. (aber in Eigennamen zlfo-7£V>/g, Zoj-xgdx)]gn^v^'.; vgl. §26). Istdie vorletzte Silbe lang, so geht der Akzent gewöhnlich um eine Silbe zurück: Ev-cüdi]g, £|-(6Ar/g, av'&-dd7]g, 7toÖ-My.rig,Tcod- dgM]g, Jiegi-/bi7]X7jg, Haxo-/j^7]g usw.; doch sind unerklärte Ausnahmen nicht selten: d-y^>£vd7]g, a-hj^rjg, v}]/j,£gr)'jg usw.
§ 156. Verbaladjektiva als Hinterglieder sind unbetont, resp. barytoniert: ^eö-dfirjrog, aif^io-cpögvxrog^ ä-yrojorog, ev-yvajLtnrog usw. Nur wenn sie mit einem Präverb zu- sammengesetzt sind, schwanken sie in der Betonung: rraga- öorog 'zu überliefern, zu lehren', aber ex-Öorog 'verraten'. Diejenigen Verbalabstrakta, die nur mit Präverbien zusam- mengesetzt werden, belialten im Kompositum ihren Ak-
§§156 — 159] Der literarische Charakter der Komposita. 79
zent: dvd-araoi(; mit Barytonese wie atda«^, aio&rjoig; vjio- ßo?.tj wie ßoXt]. S. auch § 145.
§ 157. d- privativum und copulativum bewirken Bary- tonese, abgesehen von den schon erwähnten Fällen ä-yvcog (§ 150) und ä-o&sv}]g (§ 155), auch -von ä-ds?L(p6(;(^ 58), und zwar nicht nur in mutierten Komposita (ä-^v/uog)^ sondern auch in nichtmutierten: ä-d/bD/rog, ä-iögig, "A-iQog.
Von mehreren Präverbien (das Augment eingeschlossen) ist das letzte betont: vnei^ diango (§ 109), naq-i-a^ov^ VTt-fiyov.
Ob man rtqo xov oder ngorov, ig de/ oder ecraet schreiben will, ist lediglich eine orthographische Frage; vgl. § 48f.
Der literarische Charakter der Komposita.
§ 158. Nicht alle Arten von Komposita stehen nach ihrer Verteilung auf die verschiedenen Bevölkerungsschichten und Literaturgattungen gleich. Einige Typen, wie ä-'&vjuog, ev-oeßijg, äv-iOT7j/ui, ävd-oraoig, auch Zusammenwach- sungen wie Aioa-xovgoi, gehörten sicher immer der Alltags- sprache an. Im allgemeinen aber darf man von den Kom- posita, besonders den Stammkomposita, sagen, daß sie ein Stilmittel sind; nicht daß sie eine hohe Bildungsstufe er- forderten, aber sie haben doch meist etwas Gewähltes. Aus diesem Grunde waren sie hervorragend geeignet für die Poesie, für wissenschafthche Ausdrücke, für Scherze und für Eigennamen.
1. Kühne Bildungen der Dichter.
§ 159. Die Dichter erlauben sich oft kühne Bil- dungen, die sich in die Einteilungsschemata schlecht fügen wollen. Hier einige Muster davon (andere sind im Verlauf der frühern Darlegungen erwähnt worden):
xala-xagÖLog Muldenden Herzens' (Scut. Herc, Soph., spätere Dichter), xlrj-d^v [äo g 'duldenden Herzens' (Anthol. Pal.), ■&E?.yeoi-juv'&og 'durch Worte bezaubernd' (Apollo- hymnus in der Anthol.); alle drei haben die Form von verba-
80 A. Zusammensetzung. [§§159—161
len Rektionskomposita, behandeln aber dem Sinn nach das Anfangsghed als Adjektiv.
XQELOOo-XEKva öf^juaza 'Augen höher geachtet als die Kinder' (Aesch. Sept. 784). Anzuknüpfen ist etwa an a^Lo-XoyoQ = ä^iog ?.öyov, also xgeiooö-rexva == xgei'aoova rexvcDv; die „Stammform" kqelgoo- zu xoeiöocov nach dem Vorbild von aHjuo-'&eTov zu äxjLUov u. dgl. (§ 131).
2. Vertauschung der Kompositionsglieder.
§ 160. Bisweilen sind die Kompositionsglieder einfach vertauscht worden, beosnders in Eigennamen (§ 163). Dazu verleiteten die Fälle, in denen zwei Komposita, die aus denselben zwei Begriffen nach verschiedenen Kom- positionstypen gebildet waren, in der Bedeutung tatsäch- lich zusammentrafen: (psg-aoTCLg und äoniötj-cpoQoq, cpsge- KaQTioQ und Tiagno-cpoQOQ, öaxs-'&vjuog und ■&vjuo-daxr]g, aQxe-noliQ und noXi-aQxog^ tqix-ovXoq und ovÄo-'&Qi^, äyQiö-xoiQog und ov-aygog. Nach solchen Mustern konnte ein reflektierender kühner Sprachkünstler glauben, man dürfe ohne weiteres die Glieder vertauschen: ßooßooo- rdga^ig braucht Aristophanes (Equ. 309) im Sinn von " Schlammauf rührer', was nach dem gebräuchlichen Typus *TaQa^i-ßögßo()og heißen mül.Ue, wie Aristophanes selber Taga^L-'/idodiog für "das Herz beunruhigend' sagt (Ach. 315). Auch TQan-efXJTaAiv ""zurückgewendet' (Pherekrates bei Pho- tius) scheint lediglich eine Umkehrung von 7ia)Jv-rQ07iog (klass.) zu sein, ebenso äKovoi-&eog 'von Gott erhört' (Anthol. Pal.) für *^s-dxovorog oder dgl. Gleichbedeutend sind auch lEiQO-ydöXMQ (Hekatäus) und yaorfEjQo-XEiQ (Strabo) 'von der Hand in den Mund lebend, von seiner Hände Arbeit lebend'; beide sind in der syntaktischen Be- ziehung der Glieder zueinander sehr unklar.
3. Komposita mit meiir als zwei Gliedern. § 161. Zu den seltenen freiem, künstlichen Bil- dungen gehören auch die Komposita inil mehr als zwei Gliedern. Wir haben deshalb bisher uns sozusagen nur
§§161 — 163 Die Personennamen. 81
mit zweigliedrigen Komposita beschäftigt und immer nur von Vorder- und Hinterglied gesprochen und stellen erst jetzt einige mehrgliedrige zusammen. Nicht mehrgliedrig sind streng genommen solche Komposita, die aus zwei Teilen bestehen, von denen einer oder jeder selber Kompositum ist, also z. B. äGnid-anoßXtjQ, XQaTC-ifiJcaliv^ xaqa^-innoöXQatoQ 'die Ritterschar verwirrend' (Aristoph.), emxaiQE-xaKOQ^ i/jcßaoi-xvrgog, TtaQaxlavoi-d^VQOV, ipajUjuaxoGio-ydQyaQa, vr]XiJro-xai-ß2.E7teXaiog, axQeipodixo-navovQyia 'Rechtsver- dreher-schlauheit' (Aristoph.). Dagegen sind wirklich mehr- gliedrig xogvevxo-XvQ-aüTiido-Jzrjyög^ xQVO-£XE(pavx-rj}.e>iXQog, juaxQo-xajUTtvX-avx'Tjv 'mit langem, krummem Hals' (Epi- charm), ßaxgaxo-juvo-juaxia'Kam])l der Frösche und Mäuse', aaQxaOjbto-Jiixvo-xdfXJtxijg 'unter Hohnlachen Fichten beu- gend' (Aristoph.), '&r]goCvyo-xaiuxpi-juexa>7Tog 'dem (oder: mit dem) Tierjoch die Stirn beugend' (Anthol. Pal., nur Buch- stabenspielerei). S. auch Anhang II.
§ 162. Auf einem ganz andern Blatt stehen die Kom- posita mit mehreren Präverbien; diese sind besonders in der Koine beliebt geworden und haben sogar oft das ein- fache Kompositum verdrängt. Aber auch hier handelt es sich gewöhnlich nicht um Zusammensetzung mehrerer Prä- verbien mit einem einfachen Verbum, sondern um Zusam- mensetzung eines schon komponierten Verbums mit einem neuen Präverb: ngoo-EJiixifxäv 'noch dazu schelten', ngo- ejußißdCßiv 'vorher hineinbringen', vjt-aJtiEvai 'allmählich, heimlich weggehen', ovju-nagsiGegxßO'&ai 'sich mit ein- schleichen'. Anders sind die meisten der altern Beispiele: vn-e^-ava-dvvat (Hom.) 'unten heraus emportauchen', 6i- BK-Ttegäv (Herodot) 'hindurch und hinausgehen', usw. Das hängt damit zusammen, daß Homer noch einige Verbindungen von Präverbien in mehr oder weniger adverbiellem und in präpositionalem Sinn kennt: vji-e^, nag-e^, dia-ngo (§ 109).
Die Personennamen.
§ 163. Die meisten griechischen Personennamen sind Komposita. Das hohe Alter dieser Gewohnheit ergibt sich aus
Debrunner, Griech. Wortbildungslehre. 6
82 A. Zusammensetzung. [§§163 — 164
dem Vergleich mit verwandten Sprachen : deutsch Sieg-fried, Diet-rich usw., gaUisch Dumno-rix, Crito-gnätiis, slavisch Wladi-mir, Stanislaw, iranisch 'Ivxa-cpEQvriq, 'Axai-/Äevr]g. Im Griechischen sind fast alle denkbaren Sorten von Kom- posita bei den Personennamen vertreten: 'Ejit-oroorpog, 'YjxEQ-juevrjg, Ugö-ievog, 'Agiit-doog, "lo-avdgog, 'Aorv- ai'al, JJo?,v-VEix}]g, 'A7io?26-d(OQog, Avxo-qpQCov, 'Aq^e- XoxoQ (und \Agxi-^-oxog)., Zitjoi-xogog, 'IjXTrö-da^iog, Evqv- ßdrijQ, 0eö-dorog, "A-Ö^irjTog, Ev-juo?.jiog, ndv-i)oog. Da man mit den Namen etwas Angenehmes sagen wollte, konnte die Zahl der verwendbaren Wörter nicht übermäßig groß sein, und man mußte die gewünschte Variation in der Neugrup- pierung der einmal herkömmlichen Wörter suchen. Dabei ging es oft nicht ohne logische Härten, ja Sinnlosigkeiten ab; vgl. z. B. Avoi->c/S]g,'l7i7c6-lvrog/Hg6-OToaTog. Manchmal half man sich auch mit der Umkehrung der Glieder; weil "Ag^-iTutog und "IjiJt-agxog tatsächlich beide einem ge- läufigen Typus entsprachen, kehrte man auch z. B. 0s6- dwgog zu Aojgö-'&so g um; vgl. auch §160. Auch das Be- streben, dem Sohn etwas vom Namen des Vaters zu geben {'Avdgo-vLKog Sohn des Nixo->c?ifjg; vgl. Hüde-hrand Sohn des Heri-brand und Vater des Hadii-brand), war für den Sinn des neuen Namens oft verhängnisvoll, weil es die Kom- binationsmöglichkeiten verminderte^. Der Ausgang des Vorderglieds wird sehr frei behandelt; s. § 138.
§ 164. Ebenfalls urindogermanisch sind neben diesen zweistämmigen sogenannten Vollnamen die Kurznamen (§23, 327), in denen entweder ein Glied gänzlich wegfiel (AvGig für Avoi-j Ai/hmv für -aificov; vgl. Fritz für Fried- rich, Rike für Friederike) oder nur noch in einem Rest vor- handen war (KdÄ/urog für KaVu'-rif(og). In beiden Fällen treten gern Suffixe an: Niyjov (§ 313) unil JXixuig Tür Xixo-, EvQV-G'&evgiüTEvgv-od'evijg, in hellenistischer Zeit fast nur -äg'.Zijväg für Zrjvo-,\ivTi7zäg iüv'AvTi-::iaTgog. Der Kurz-
' Vgl. Aristoph, nub. 62ff. : Die Mutter wiinschl im Namen des Sohnes innog zu haben, der Vater will ihm den Namen des Großvaters (Z>f{öoji'/(5>yc geben; sie einigen sich dui ffieiöirrjTiöi]^.
§§ 164—166] B. Verbale Ableitung. — Allgemeines. 83
name wird wohl meist zuerst Kosename gewesen sein und dann allmählich den Vollnamen verdrängt haben. Vgl. auch -loxog § 399.
Aus Kurznamen wie Adfiaoog (für Aa/naoi-xkrjg Aafxdo- ijijiog u. dgl.) wurde infolge sekundärer Beziehung auf da/iidCsiv ein Suffix -oog mit namenartiger Bedeutung ab- getrennt: '^ Pacpavo-xÖQxaooQ ,,Rettigfresser" (Parasitenname bei Alkiphron) zu xoQxdt,Eiv „sättigen", yelaoog „Wiede- hopf" (Hesych) zu ysMoaij fj.sd'vooQ „Trunkenbold" (Ari- stoph.) zu jJued'veLv „betrunken sein".
§ 165. Eine dritte Art der Namengebung reicht ebenso- weit zurück: die Spitznamen. Sie sind entweder gewöhnliche Wörter wie z.B. Targo;, IJvQQog {rrvgQÖg 'feuerrot'; §26), oder mit Suffixen, besonders mit -oji- (§313), erweitert, z.B. EijjKov {aifiög 'stumpfnasig').
B. Verbale Ableitung.
Allgemeines.
§ 166. Vom einzelsprachlichen Standpunkt aus gesehen stehen diejenigen abgeleiteten Verba, die das Suffix durch alle Tempora hindurch festhalten, durchaus im Vordergrund. Typen mit auf ein einzelnes Tempus beschränktem Suffix treten dagegen völlig zurück. Und zw'ar kommt von den Tempora eigentlich nur das Präsens in Betracht. Das Perfektum ist seit Urzeiten nicht durch Suffixe gekenn- zeichnet (das K von ßeßovlsvxa ist ein Element der Formenbildung, nicht der Wortbildung, weil es gegen- über den ^-losen Perfekta wie Ttejzojucpa nichts inhalt- lich Neues beifügt); das Futurum ist nur eine zum Tempus, also zu einer Funktion des Präsens, gewordene modale Bildung, sei es nun ursprünglich der Konjunktiv des s-Aorists oder eine Präsensbildung mit -si- oder beides. Auch der Aorist hat zwar formale Merkmale, aber keine
84 B. Verbale Ableitung. [§§166—168
Suffixe (über -d- im Aorist s. unten § 174); der sigmatische Aorist mit seinem <7-Formans ist so gut wie der thematische oder der Wurzelaorist nur ein Teil eines festen Konjugations- systems.
§ 167. So bleibt nur das Präsens übrig. Schon in indo- germanischer Zeit war dieses besonders reich ausgestattet mit Suffixen. Im Griechischen besteht dieser Zustand weiter, nur sind in den Bildungen starke Verschiebungen eingetreten. Die meisten alten sind zu spärlichen Resten zusammenge- schrumpft; die wichtigern sind unten § 168 ff. angeführt. Da- für hat sich ein seit alters charakteristisch ausgeprägtes Suffix, nämlich -lo-, das vornehmlich der Ableitung von Präsentia aus Nomina diente, in eine ganze Reihe von z. T. äußerst lebenskräftigen Bildungen gespalten. Zugleich sind diese neuen denominativen Suffixkonglomerate im Anschluß an nichtdenominative Verba desselben Ausgangs vom Präsens aus auf die übrigen Tempora übertragen worden
{-dco iqoco usw., -aivco ■ — -avöj usw.); nur das -i- blieb
auf das Präsens beschränkt und konnte das um so eher tun, weil es durch lautliche Vorgänge beseitigt oder verdunkelt war und so seine ursprüngliche Ausdrucksfähigkeit verloren hatte. Als eigentliche Suffixe zur Bildung von Verbalstämmen haben also nur diese Nachkommen des alten -io- zu gelten; trotzdem rechtfertigt es die oben erwähnte besondere Stel- lung des Präsens, daß wir hier auch die Präsenssuffixe in die Betrachtung einbeziehen.
Freilich nur die Präsenssuffixe; wurzelhafte Typen wie Eö-ri, ri-^rj-iui, oder mit Themavokal /.v-o-fiev u. dgl., die auch Aoriststämme bilden können (e-ori'i-v, i-yev-e-To)^ sind keiner Weiterentwicklung fähig.
Die kleinern Präsenssuffixtypen.
I. /i- Suffixe. § 168. 1 . -V eiv meist mit Tiefstufe der Wurzel : ddx-veiv 'beißen' (d/j^o/uai, e-däx-ov), y.d/u.-vEiv 'müde werden' (e-xa/u-ov, XB-Xjurj-xa)^ Tct-veiv 'trinken' (Alkäus rtco-rrjv)
§§168 — 170 Die kleinem Präsenssuffixtypen. 85
(e-TZL-ov, Ticb-^a ^Trank'; Ablaut -öi- Z-) und wenige
andere. Über Erweiterungen mit -io- wie hoivco aus *kqiv-uo vgl. § 178.
§ 169. 2. -dveiv nach langer Stammsilbe: äjuaor- dveLv{fifxaQX-ov) 'fehlen', /^AaaT-ai'e«)^ 'sprossen' {e-ßXaox-ov), alad'-dvEO'&ai 'wahrnehmen' i'^Gd'-6jj,7]v) und eine Anzahl anderer. In bescheidenem Maß ist -dveiv als „Verstärkung" des Präsens produktiv geworden: av^-dvetv = av^siv 'ver- mehren, wachsen', il^-dvsiv = i^eiv 'sich setzen, sitzen, setzen' usw.
Besonders dient -dveiv zur Erweiterung des Typus von \at. iungo: iug-uni., riimpo: rüp-i (vgl. §6); so z.B. Aa/uß- dveiv, XavO^-dveiv, 7tvv&-dveo'&ai. Die Analogie ist nie stark wirksam gewesen, aber zu allen Zeiten: Homer kennt noch h)d^eiv und JiEv&ea'&ai neben lav&dveiv und nvv&dve- ö§ai; andere Beispiele wie hfiTidveiv = /.eiJieiv und day- y.dvEiv = ddxveiv treten erst in klassischer oder nach- klassischer Zeit auf. Gemeinsam ist allen das Verhältnis ?.afißdveiv: elaßov^ öayxdvsiv: edaxov, ?.i/u7tdveiv: ehnov, also liegt darin jedenfalls der Ausgangspunkt für die Aus- breitung; das oder die Urmuster lassen sich jedoch nicht mehr bestimmen.
Erweiterungen mit -io- (vgl. § 178) kommen auch hier vor: klass. 6Xia&dvELv\xndi d^aö^a/'i'etv 'ausgleiten' {mhoi^ov)^ klass. yAayydveiv und yJ.ayyaivEiv 'schreien' (vgl. y)AL,Eiv aus *yj.ayy-i-).
§ 170. 3. -va- {-vij-):-vä- (nur bei zweisilbigen Wur- zeln) ist mit der ganzen //{- Konjugation im Verfall be- griffen: episch-poetisch sind z. B. öa/Lc-vd-vai 'bändigen' {de-d/Ltr]-juai, öa^^d-Cco), {.idq-vaod^aL 'kämpfen'. Nicht recht klar, auch im Wurzelvokalismus, ist die Gruppe KiQ-vd-vai = y.Eoavvvvai 'mischen', Koi/j,-vd-vai = xge/Li- avvvvai 'aufhängen', 7ti?i-vd-vai = neXACeiv '(sich) nähern' (vgl. § 244), nix-vd-vai = neravvvvai 'ausbreiten' und = TT /i/TTeti' 'fallen', axid-vd-vai = oyedavvvvai 'zerstreuen :
86 B. \'erbale Ableitung. [§§170—172
die meisten davon scheinen mehr künstliche Parallel- schöpfungen nachahmender Dichter zu sein.
§171. ^. -VV-: -VV-. Diese Gruppe ist bei Beginn der Überlieferung noch in einer hübschen Anzahl von Exem- plaren vertreten, schwindet aber zusehends; schon bei Homer tritt allerlei Ersatz ein: rtvsiv (aus nvf-; att. rlveir) "bezahlen' neben xeivvrai; cpMvv-'&eiv 'vernichten' und (p'&tveiv (aus (p'&ivf-). Die meisten gingen später, beson- ders in hellenistischer Zeit, unter: für xogevvvvai 'sättigen' sagt man '/^oQxdl^Eiv (eigentlich 'mästen'), für ävoiyvvvui 'öffnen' dvoiyeiv, für Qrjyvvvai 'brechen' qtjooeiv.
Weitere Beispiele: deixvvvat (Fut. ösi^co), ollvvai (aus *d/i-r-) (djAeffa), ofjLogyvvvaL 'abwischen' (zu d^egyeir 'pflücken'), JtrdQvvo&ai'niesen (e-TiraQ-ov), Tterarvurat 'aus- breiten' (ijzeraoay, Ccovvvvai 'gürten' {eCcooa; danach wurde nach Homer zu eozQcooa sggcooa auch orgcovvvvai Qcovvvvai geschaffen).
II. -oy.o-.
§ 172. (pd-oxeiv 'sagen' zu rpd-vai, ßd-Gy.eiv 'gehen' zu ßaivEiv e-ßrj-v, ndoyeiv 'leiden' aus *7xaß-Gy.- zu e-7ca'&-ov, ß/.ojaKELv 'laufen' aus *jii/j')-oy.- zu E-fw/.-ov.
Mit Reduplikation: yi-yvco-OHSiv 'erkennen zu E-yvio-r, ßi-ßgco-ox£iv 'essen' zu ße-ßgoj-ya, iioxsiv 'gleichen' aus *f£-fiy-c!x- zu izEAog 'ähnlich', dg-agi-oxEiv 'fügen' zu dgi-'&ibidg 'Zahl'.
Von Präsentien wie Evgi-oyEiv 'ünden und d/.i'-ayEG&M 'gefangen werden' (i oder i?), deren i im Ablaut zu -e- und -5- zu stehen scheint (Evg/j-Go, aXco-oo/uai), ging ein neues Suffix -ioK-Eiv aus; dieses wurde auch an langvokalischen Ausgang angehängt: -AÜ.&vyoy.-Eiv ^(i^uv)]oyEiv an?>-)jtöy-Eir.
''■ -avvvi'ui zu -dacii statt des altern -vdvai (§ 170) nach dem .Mustei' d/xq)iei'vvvai-6Lfz(pieaai ist eine Besonderheit des Attischen seit dem Ausjrano: des "». .Uis. v. (!hr.
§§ 1 73. 174 Die kleinern Präsenssuffixtypen. 87
§ 173. Die vom lateinischen -sco {inveterasco^ exardesco usw.) bekannte inkohative Bedeutung ist höchstwahr- scheinlich einzelsprachliche Entwicklung. In den wenigen griechischen inkohativen Beispielen liegt dieses Moment in der Wurzel: y}]Qdoxsiv 'alt werden' {e-yrjQä-oa) wie dia- lektisch alten = alt werden^ rjßdoxeiv 'mannbar werden' (neben 7]ßäv), danach yevei-doxeiv 'bärtig werden' zu yevEiov 'Bart'. Nur /ns'&voy.EO^aL 'betrunken werden' fällt aus diesem Rahmen.
Die sogenannten ionischen Iterativformen des Im- perfekts und Aorists wie (psvyEOxov, öooxov, eJAoaüKov scheiden hier aus, da nicht einmal die Identität ihres -ok- mit dem präsentischen -ax- sicher ist.
III. -§o-.
§ 174. In mannigfaltigster Weise werden Wurzeln und Verbalstämme mit -§o- erweitert: ßqt-'&eiv 'belastet sein' [ße-ßqW-a mit Ausdehnung des -i^^- über das Präsens hinaus) zu ßgi-agög 'gewaltig', (pd^ivv-d^siv (§ 171), nXrj-d^eiv 'voll sein' {-d- auch in 7r/i^??og 'Menge') zu Jciju-TiXd-vai, alrj-deiv 'mahlen' ion. -hellen, für äXeiv.
Während man hier noch von Wurzeldeterminativ (§ 7) reden könnte, haben sich -wßo- und -e^o- mehr suffixartig entwickelt:
neld-'&eiv 'sich nähern' zu 7te}A-L,Eiv^ besonders im Nebentempus jusr-E-xi-a^ov, seQy-w&ov usw.. Formen, die seit alters von den einen Gelehrten fürs Imperfekt, von andern für den Aorist in Anspruch genommen werden.
'&aAs^eiv 'blühen' i'&d^J^eiv, '&dloQ), cpas'&eiv 'leuchten' {(pdog), cpleye'&Eiv 'brennen' {(pleyeiv 'verbrennen'). Sicher aoristisch oxe^£iv = o%eIv.
Ob oder in welchem Umfang das Suffix -do- mit der Wurzel d^Tj- 'setzen, stellen, legen, machen' zusammenhängt, ist vollkommen dunkel.
88 B. Verbale Ableitung. [§§175.176
Die io-Präsentia.
Allgemeines.
§ 175. In dieser Gruppe ist im Griechischen sehr Ver- schiedenes vereinigt worden, das früher (z. T. durch den Akzent) deutlich geschieden war: Den größten Anteil haben am griechischen Bestand die Denominativa; die Deverba- tiva nehmen sich daneben sehr bescheiden aus; auch die primären Bildungen sind von ihnen überwuchert worden. So sind auch die Unterschiede in der Konjugation dieser Bedeutungsgruppen so gering geworden, andererseits die Spaltungen in neue erweiterte Suffixe so hervorstechend, daß sich als oberstes Einteilungsprinzip nicht der indo- germanische Bestand, sondern der griechische empfiehlt.
Übrigens sind die primären Verba möglicherweise nur eine ältere Schicht von Denominativa, wenn nicht ihre Urbilder überhaupt aus einer Zeit stammen, in der der Unterschied von Nominal- und Verbalstamm noch nicht bestand; die De- verbativa wiederum scheinen Ableger der Denominativa zu sein (§ 186, 250); deshalb ist die Abgrenzung zwischen den drei Ab- leitungsarten im Einzelfall oft unmöglich. Auch die indoger- manische Passivbildung auf *-iüai (3. sg. praes. act.) hat jeden- falls dem Griechischen Verba auf -io- geliefert, indem aus dem Passiv ein Aktiv zurückgebildet wurde.
§ 176. Die Vermischung der verschiedenen Bildungen ist etwa in folgender Weise vor sich gegangen: Das Verschwin- den des Akzentunterschieds ist eine Folge der Neuordnung der Betonung, die das Griechische auf Grund des bekannten „Dreisilbengesetzes" vorgenommen hat, nach dem eine Be- tonung vor der drittletzten Silbe überhaupt ausgeschlossen war; außerdem rückte im Verbum finitum d(M' Ton so weit, wie es das Dreisilbengesetz gestattete, nach dem Wort- anfang zu, weil die finiten Verbalformen früher sehr oft enklitisch waren, und beim Verbum infinitum wurde der Akzentunterschied nach dem Gegensatz lem-eiv (b(?tonte Normalstufe): Jun-elv (unbetonte Tiefstufe) zu einem Merk-
§§176 — 179] Die lo-Präsentia: Verba auf -öv. 89
mal für präsentische und aoristisclie Aktionsart umgedeutet, sodaß nun auch die Präsentia auf -io- ohne Unterschied der alten Ableitungstypen in allen Modi Zurückziehung des Akzents aufweisen. Vgl. noch besonders über die Verba auf -eiv § 187.
§ 177. Ein weiterer Grund der Vermischung war der, daß sich bei den Denominativa und Deverbativa, die wohl ursprünglich ganz auf das Präsens beschränkt waren, das Bedürfnis einstellte, außerpräsentische Tempora zu bilden, und dafür waren solche primäre Verba, die gleichen Stamm- auslaut vor dem -io- hatten, die gegebenen Vorbilder: aus (pQaoöo) : cpQd^co (aus -k-j- : -k-s-) ergab sich zu <pv?Aoo(o (von (pvla^) ein (pvXd^co usw.
§ 178. Eine Sonderstellung nehmen die Erweiterungen andrer Präsenssuffixe (in Betracht kommt sozusagen nur -n- ; s. auch § 169) durch -io- ein. Den alten Zustand stellt xqtvco (aus *KQl-V'i-o)): xe-xQi-fiat dar; aber wie bei diesem Verbum in xgivco eXQiva doch der Nasal des Präsens durch- gedrungen ist, so ist bei all den andern die Beibehaltung der alten n-losen Tempusbildung höchstens Ausnahme.
Über das Grundwort der Denominativa ist zu be- merken, daß o-Stämme vor dem -io- ihr -o- verlieren können: Tca'&aQOQ — xa&aigeiv, yoyyvXog — yoyyvXXeiv^ q^dgjuaxov — (pag/LidaGEiv, ßdoxavoQ — ßaoxaiveiv usw. Die Regel ist allerdings (püiog — cpiXslv.
I. Die vokalischen lo- Präsentia, d. h. die Verba auf -äv {-tjv), -elv, -ovv, -leiv, -veiv, -sveiv.
1. Die Verba auf -äv {-fjv).
§ 179. Primäre Verba auf -äv (aus *-ä-i'o-^) sind sehr selten: z. B. ögäv "tun', ^Aäi' 'bellen', maj^at 'heilen'. Auch
^ Über die Quantität des -a- in -da) s. § 209. Über die ursprüngHche Bildung der Präsentia wie anäv (andaat, ajtao&fjvai) läßt sich nichts feststellen; auch das einzige derartige Denomina- tivum yeMv kann ebensogut auf *yeXaa-i- (zu ye^cog] wie auf eine Umgestaltung von *y£M-vai zurückgeführt werden.
90 B. Verbale Ableitung. [§§179—181
die Verba auf -^i-, die alle primär sind, zählen hier nicht mit, und die Sprache geht darauf aus, sie ganz auszumerzen: z. T. sind sie überhaupt nur noch in einzelnen Dialekten vorhanden, wie z, B. im Dor. ^57^ ""wollen' ; z.T. gehen sie in die Flexion der Verba auf -äj'über; so heißt das gebräuch- lichste von ihnen, '/^Qi]G'^aL, in ion. -hellen. Sprache ygäo&ai. § 180. Die Denominativa auf -äv bilden einen der geläufigsten Verbaltypen des Griechischen.
Für die Ableitungen auf *-ä-iö > -dco aus ä-Stämmen, die bei Homer noch weitaus in der Überzahl sind, genügen wenige geläufige Beispiele: ßoäv ""rufen' von ßo7] 'Ruf; '&eäo^ai 'schauen' von ^ea 'Anblick'; jjLTjxaväo'&ai 'kunstvoll bauen, listig aussinnen' von
jurixoivr] 'Kunst, List'; vixäv 'siegen, besiegen' von vi'xi] 'Sieg'; oiyäv und auojiäv 'schweigen' von or/7] und guotii] 'Stillschweigen'. Weil das Suffix -io- ein rein formales Mittel zur Bildung von Verba aus Nomina war, so konnten die Bedeutungs- beziehungen der Denominativa auf -io- zu ihren Grundwör- tern alle möglichen Schattierungen annehmen; so ist es auch bei den Ableitungen auf -äv aus ä-Stämmen, da dies nur eine lautgesetzliche Untergruppe von -io- ist.
§ 181. Andere Verhältnisse sind zu erwarten, sobald ein neues Suffix abgetrennt und auf andere Stämme über- tragen wird. Wenn z. B. zu einem o-Stamm statt dem laut- gesetzlichen -eIv (§ 187) ein -äv gebildet wird, so muB eine Bedeutungsverwandtschaft zwischen diesem neuen Verbum auf -äv und einem oder mehrern von den ursprünglichen Verben auf -äv bestehen, die stärker war als die formale Beziehung des o-Stammes zu -elv. Man mul.» also für die analogischen Bildungen auf -äv Bedeutungsmuster bei den Ableitungen aus ä-Stämmen suchen, und man kann es mit guter Aussicht auf Erfolg, weil die analogische Ausbreitung ihren Höhepunkt in der klassischen Zeit erreicht hat und
§§ 181—183] Die lo-Präsentia : Verba auf -äv. 91
auch nicht imstande gewesen ist, die alte Schicht an Zahl zu überwuchern — ein Zeichen dafür, daß sie keine Ver- flachung zu einer allgemeinen Bedeutungsbeziehung ver- ursacht hat wie bei -ovv (§ 204) und -i^eiv (§ 255), sondern an enger umgrenzten Begriffsgruppen kleben geblieben ist.
§ 182. Der Fall, daß der formalen Analogie ein nennens- werter Anteil an einer Neubildung zukommt, ist natürlich nicht ausgeschlossen, aber es sind nur ganz wenige solche Beispiele nachgewiesen. Von bekannten Wörtern scheint {an-, vjt-) ävxäv 'begegnen' hierher zu gehören ; offenbar wurde es zu dem Adverb arra 'gegenüber' geschaffen nach Paaren wie nslQa: nsiQäv, /uolga: /xoioäa&ai.
§ 183. Unter den Bedeutungsgruppen, die für die ana- logischen Übergriffe von -äv maßgebend waren, tritt in der klassischen Zeit besonders eine hervor, die mit allerlei Nuancen eine Krankheit, ein (krankhaftes) Begehren, eine Gemütserregung bezeichnet. Z. B. ist xogv^äv }.£7toäv rcoöaygär' mit Schnupfen (xogv^a), Aussatz {lenga), Fußgicht {TioödyQo) behaftet sein' vorbildlich geworden für XoTiäv 'rindenkrank sein' [Xotzoq 'Rinde'), coöiväv {djdlvEg 'Wehen'); [xeXayxoAäv 'an schwarzer Galle leiden' statt *ljiE/.ayxolELv^ wie es zu jue?Ayxo?Mg nach § 187 heißen sollte (vgl. ^eXayxolia)^ ist von dem gleichbedeutenden Xoläv (aus xoXri) veranlaßt.
Ein krankhaftes, abnormes Gelüste bezeichnen u. a. yuooäv 'unnatürlichen Appetit (xiooa) haben', rofxäv 'einer Operation (tojbiij) dringend bedürfen', q)oväv 'nach Mord ((pov)]) begehren'; an solche haben sich angeschlossen jLia'/- /.är 'geil {judxXog) sein', ^ararär 'den Tod {^dvarog) herbei- sehnen'u. dgl. Von /vffdäv 'toll sein' (/vaaa 'Tollheit') kam man zu den Synonyma o/0Toäj^(otaT^o? 'Bremse <nstachel>, Wutanfall'), y.axodai/Liovär {^axodai/ucov 'einen bösen Dämon habend') usw. Verwandtschaft mit xiooäv iJLa%läv hat auch 'strotzen, schwellen': ögyär {ögy}] 'Naturtrieb'); danach z. B. ocpgiyäv {ocpglyog^ n. 'strotzende Fülle, Wol- lust'), oiöäv {oidog, n. 'Geschwür') (alt oiddvEiv, oldafvEiv, oIöeIv).
92 B. Verbale Ableitung. [§§184—186
§ 184. Viele Krankheitsnamen gingen auf -ia aus, also die Denominativa dazu auf -läv: aljucadia ""Zahnschmerz' — alficoöiäv, vavTia ^Seekrankheit' ■ — vavriäv, öcp&a).[xia 'Augenkrankheit' — 6(p'&a?.juiäv, auch äyonna 'Furcht' — dycoviäv, usw.; da man nun 6(pd^a?.juiäv und äyojviär auch direkt mit dcp&a?>.fj,6g und äyojv verbinden konnte, so lag es nahe, auch zu andern Substantiven Krankheitsverba mit -läv zu bilden: U.iyyiäv (üuyyog 'Schwindel'), cpd^ioiäv {(f&ioii; 'Schwindsucht'), xpcoqiäv (ipchga 'Krätze'), usw. Auch für ein abnormes Bestreben ist -läv produktiv geworden: ikXe- ßoQiäv 'Nieswurz {el/Jßooog) nötig haben, verrückt sein', KovQiäv 'die Schur {xovqö.) nötig haben', fÄW&ririäi' 'Schüler (/j,a'&r)rrjg) sein wollen'. Die Muster lagen bereit in orrovö- aQxiäv 'von onoi^öaQXia (Streben nach Staatsämtern) er- füllt sein', OTQaiiiyiäv 'nach einer Feldherrnstelle (oroar)jyia) trachten', u. ä., die auch auf *07iovdaoxog und orgaTrjyög bezogen werden konnten.
§ 185. Beispiele für kleinere Gruppen und Einzel- analogien:
nelEx(x)äv 'mit der Axt {jie?.E>cvg) behauen' nach andern Handwerkswörtern, vorab nach leyräi' 'mit Kunst {TEXvrj) bearbeiten'; /Lioj/uäo§ai 'tadeln' {/mojuog 'Tadel') nach Äoßäoßai 'beschimpfen, mißhandeln' {hoßii 'Beschimpfung, Schmach'); rjrräo'ßai 'unterliegen' ist Umgestaltung von *))t- T.ovo{^ai (ion. eooovod^ai, § 20G) (zu fjrrcov) nach vixäo&ai von vik)] (vgl. § 15 Fußn.); yrra ist Rück- bildung aus rjrräo&ai (vgl. § 25). Über die instrumentative Bedeutung mancher Verba auf -äv s. § 202; typische, werbende Kraft wie bei -oi~r hat diese Variation bei -m> nicht gewonnen.
§ 186. Die nichtprimären Verba auf -äi> sind mit den Denominativa nicht ganz erschöpft; es gibt noch zwei kleine Grupptm von Dr>verbativa, aber sie sind beide wenig zahlreich und vom Anfang der Überlieferung an im Ab- sterben.
§§ 186. 187] Die lo-Präsentia : Verba auf -elv. 93
Die eine Bildung, -räv oder -eräv, steht schwerlich mit den Nomina agentis auf -rr/g -eti]<; in näherer Beziehung, da zu -xr](; in der Regel -teIv gebildet wird (§341). So ist Homer vaiexäv = vaisiv 'wohnen' sehr geläufig; aber vafijhrjg 'Bewohner' scheint später und Kunstschöpfung zu sein. Zu £vx£t:äo{}ai = evxeo^oli 'flehen, beten' gibt es evxetrji; überhaupt nur bei antiken Etymologen. Zu -räv vergleiche man etwa oxigräv = oxaigeiv 'hüpfen'. Ob die lateinischen Frequentativa auf -täre {dictäre zu dlcere) und -itäre (agitäre zu agere) sprachgeschichtlich identisch oder bloße Parallelen zur griechischen Bildung sind, mag hier unentschieden bleiben; jedenfalls tritt im Griechischen die f requentative Bedeutung keineswegs hervor. Vgl. -rdCeiv § 250.
Auch die zweite Bildung (Typus orgoxpäv 'hin und her wenden', zu orgecpELv) ist jedenfalls von ursprünglich ä-stämmigen Substantiven ausgegangen, aber früh zum de- verbativen Frequentativum geworden.
2. Die Verba auf -elv.
§ 187. Was in § 175 f. über die Vermischung mehrerer ursprachlicher Bildungstypen im Griechischen ausgeführt ist, gilt in erster Linie von der Klasse der Verba auf -elv. Sie enthält nämlich 1. Denominativa auf *-e-iö- zu o- Stäm- men, wobei das -e- wohl im Ablautsverhältnis zum Stammauslaut -o- steht; Musterbeispiel cpdelv von (piXo-q. 2. Deverbativa auf *-e-io- mit (ursprünglich) iterativer oder kausativer Bedeutung; Musterbeispiele rgojuelv = rge/ueiv 'zittern', ooßelv 'verjagen' zu oeßeiv oeßeod^ai '(zurück- treten>) verehren', vgl. lat. monere 'erinnern' zum Stamm men- 'sich erinnern' (me-min-isse). Von diesem Typus be- stehen im Griechischen nur noch Überreste, die sich durch ,, unregelmäßige" Stammbildung verraten: doxelv — edo^a, Qiyelv ■ — eQQiya usw. Die Hauptmasse ist ins Lager der Denominativa abgeschwenkt, weil sie eine engere Verbin- dung mit o-stämmigen Substantiven derselben Ablautsstufe einging: XQOfxelv zu xqo^xoq statt zu xgefieiv, (pogelv zu
94 B. Verbale Ableitung. [§§187—189
(fÖQOQ statt zu cpeQEiv usw. Die Unterscheidung von 1. und 2. ist demnach, von der griechischen Suffixgeschichte aus gesehen, überflüssig^.
3. Nur der Vollständigkeit halber sei auf die spärlichen primären Verba auf -e'iv hingewiesen: tiveIv, tc/.eIv usw.; sie müssen hier auch deswegen fernbleiben, v/eil bei den meisten die Annahme der Bildung ohne -io- wahrschein- licher ist: *7TÄsr-eiv {>:T/.eu'): *rr/'.o/-o^ (>n:/.ov-) = cpeo- -eiv: cpöo-OQ.
§ 188. 4. Zu den Verben auf -elv gehören im Griechischen auch die Denominativa auf *'-es-io- von 5- Stämmen: re/^elv, Te?.e(o)-aat, TelEa-^fp'ai zu XE/.og. Diese haben sich nämlich mit den ursprünglichen Bildungen auf *-e-io- (mit den Tempora -fj-oai, -')]-dfjvai) in weitgehendem Maß vermischt. Allerdings sind sie nie völlig darin aufgegangen: Homer braucht noch häufig Formen auf -eieiv^ {xEAEiExai usw.) aus *-ea-i- neben den Jüngern auf -eelv (teäeei usw.), und auch nach dem völligen Zusammenfallen der Präsensformen (reAcD teIeIq usw. wie (pilöj (piÄEig usw.) ist die alte Tempus- bildung mancher alten *-e5-|o-Präsentia erhalten geblieben: TE).EOai (Hom. re?.EOoai) gilt für alle Perioden der griechi- schen Sprachgeschichte. Doch war natürlich die Vermengung in der Bildung der außerpräsentischen Tempora die Regel: schon Homer hat z. B. /uiafjoai von rö fiiaog nach dem Gegensatz q)i?a]oai zu cpiXoQ. Über äjUE/ajg- — ä/nE/.Eiv usw. s. § 196.
§ 189. Wenn man sich daran macht, das Material für -Eiv aus der ganzen griechischen Überlieferung nach der
1 Gelegenthcho Übergriffe außerpräsentischer e-Stämme auf das Präsens gehören ins Gebiet der Tenipusbildung: em- fxeXela^ai für imjueXea&ai nach imfieX^aEad^ai usw.
- Ganz andern Ursprungs, aber niclit sicher erklärt sind die Desiderativa auf -aeieiv, die zuerst inu' im Partizip gebrauclit wurden (orpeUov 'zu sehen wünschend' Honi., mehrere bei Thuky- dides).
§§ 189. 190 Die io-Präsentia: Verba auf -elv. 95
Häufigkeit und Bedeutung zu gruppieren, so sondern sich zunächst ohne weiteres die Ableitungen aus Komposita ab (Typus oIvoxoeIv 'Weinschenk, oivoxoo^ sein'); diese über- fluten das andere förmlich. Eine Prüfung nach Sprach- perioden verändert allerdings das Bild vollkommen: Es finden sich zuerst belegt (nach Sütt erlin S. 63)
neue Ableitungen neue Ableitungen
aus Komposita aus Simplicia
bei Homer 20 50
in klassischer Zeit 450 30
in nachklassischer Zeit 600 10
Übrigens ist die Bereicherung bei den Ableitungen aus Komposita nur äußerlich; je zahlreicher sie werden, um so eintöniger klingen sie, bis schließlich unter -(pogelv, -Jtoislv, -koyelv, -EQyelv und wenigen andern fast alles erstickt.
Der homerische Tatbestand läßt nur folgende Deutung zu: Ursprünglich konnte aus jedem o-Stamm, gleichviel ob komponiert oder nicht, ein Verbum auf -elv abgeleitet werden genau wie in idg. Zeit. Es muß also die Frage auf- geworfen werden: Warum wird als Grundwort das Kom- positum immer mehr bevorzugt ?
§ 190. Eine glatte, sichere und erschöpfende Antwort läßt sich zur Zeit nicht geben. Der tiefste Grund liegt wohl im Zusammentreffen zweier allgemeiner Tendenzen sprach- licher Entwicklung: 1. Man ist bestrebt, die unbequeme Reichhaltigkeit der Konjugationsklassen zu vereinfachen^; infolge der mannigfaltigen Bedeutung der Komposita auf -og eignete sich das davon abgeleitete -elv sowohl für Intran- sitiva {äelTiiEiv 'hoffnungslos, aElnroQ sein') wie für Aktiva {äv&QOJTiocpayElv = ävdQOinocpdyoQ sein = ävd^Qoj- TiovQ (payeiv) mit ihrem Passiv {^oonoielod^ai = l,(joÖv noLElö'&ai). 2. Mit allen Kultursprachen teilt das Grie-
^ Vgl. das englische „Hilfsverbum" to do 'tun' und das ,,er tat sich zu ihm setzen'' der deutschen Dichtung; klassische Sanskritschriftsteller haben es bis zur völligen Vermeidung finiter Verbalformen gebracht.
96 B. Verbale Ableitung. [§§190—192
chische das Zurücktreten des einfachen verbalen Aus- drucks, der die Wahrnehmung schlicht wiedergibt, gegen die abstraktere, psychologisch klassifizierende Umschrei- bung durch Substantiva mit hilfsverbartigen Allerwelts- verba; vgl. jioQeiav noielöd^ai = jzogeveo&ai usw., ferner aus unserm Zeitungsdeutsch „gelangte zur Verlesung" = „wurde verlesen" u. dgl. 3. Der Gegensatz -evelv beim Simplex — -elv beim Parasyntheton ; s. §212.
§ 191. Eine weitere Frage knüpft sich an die Be- deutung von -elv. Die Ableitungen von einfachen Nomina zeigen der ererbten Gewohnheit gemäß (§ 180) keine näher bestimmte Beziehung zu ihren Grundwörtern; nur die Aus- drücke für Schalläußerungen wie arvTieiv, goiCelr, \pocpeh' haben sich im Griechischen zu einer ausgesprochenen Gruppe entwickelt, aber bei Homer ihren Höhepunkt schon er- reicht. Dagegen die Ableitungen von Komposita bedeuten fast immer ,,das sein, was das Grundwort bezeichnet". Wo- her kommt diese Beschränkung? Die Komposita auf -oq sind in der überwiegenden Mehrheit Nomina agentis oder sonstige Eigenschaftsbezeichnungen, und dazu ist doch wohl die nächstliegende verbale Beziehung die des Besitzes der Eigenschaft, des Täterseins. So verband sich der Begriff ,,so und so sein" mit dem Kompositum; im Simplex existierten natürlich analoge Fälle (cpiXeiv 'cpiloc. sein', zvQavvelv "rvQavvog sein' usw.), aber sie verschwanden in der Fülle der möglichen anderen Beziehungen und erlagen außerdem der Konkurrenz von -eveiv (§ 212).
§ 192. Die verbale Beziehung ,, einen andern mit der Eigenschaft versehen, zum Täter machen", die a priori auch denkbar, aber praktisch nicht so notwendig ist, wird von dem neugeschaffenen -ovv übernommen (§ 202). So ist faktitive Bedeutung von Parasyntheta auf -sTv fast durch- weg bloßer Schein; sie beruht auf aktiver 13edeutung des Grundwortes: dixorojUEh' bedeutet allerdings ^in zwei Teile teilen', aber es ist nicht von dixoro/uog 'halbiert' abzuleiten, sondern von dixoröjuog 'halbierend'. Freilich darf die Mög-
§§ 192—195] Die io-Präsentia: Verba auf -elv. 97
lichkeit nicht geleugnet werden, daß gelegentlich in nach- klassischer Zeit das aktive Grundwort übersprungen und zur passiven Parallelbildung direkt ein faktitives Verbum auf -elv geschaffen wurde.
§ 193. Das scheint der Fall zu sein z. B. bei ä^erelv 'un- gültig machen', ev&erelv 'gut ordnen' (auch 'gut geordnet sein'), deren Grundwörter ä&erog, ev&erog nur in passivem Sinn = 'nicht als Gesetz aufgestellt, ungültig', 'gut geordnet, geschickt' belegt sind; aber wenn man an die vielen Bildungen auf -■ßeielv (von -&ETi]g; vgl. §195) denkt (z.B. äycovo-^exelv, vojuo-&erelv, d^eafjLo- ■&ex£lv) und an die Leichtigkeit, mit der das Griechische oft mit der Doppelbedeutung der Verbaladjektiva auf -xo<; umspringt, so wird man die aktiven ä&eroi; ev&etoi; leicht ergänzen und gerade deswegen nicht für unumgänglich notwendige Zwischen- glieder halten.
§ 194. Die analogische Ausbreitung von -eIv ist scharf in zwei Teile zu scheiden, je nachdem sie Ableitungen von einfachen Wörtern oder solche von Komposita betrifft. Bei den erstem handelt es sich durchweg um ganz vereinzelte Fälle; so weit sie durchsichtig sind, sind es Spezialanalogien wie Xvnelv [Xvntfj nach älyelv {aXyoQ), T^ye/uorelv (rjyEjUMv) nach oxQarrjyEiv {oxQaxrjyÖQ); auch die Schalläußerungen (§191) haben nur eine spärliche Nachkommenschaft: vgl. z. B. cpcovelv 'sprechen' ((pcov^), ävtsTv ""rufen' {ävri]).
§ 195. Ganz anders stehen die Komposita da; man hatte sich so sehr daran gewöhnt, von Komposita auf -og Verba auf -elv in der Bedeutung 'das und das sein' zu bilden, daß man auch bei andersstämmigen Komposita die- selbe Ableitung anwandte, ohne daß ein weiteres verbin- dendes Moment erforderlich war^. In erster Linie, aber erst nach Homer, schlössen sich an die Komposita auf -og die Nomina agentis auf -ag -r/g (§ 98f.) und -rrjg (§ 100^) an:
^ Deshalb wird -elv gelegentlich zur Hypostasierung ver- wendet; s. § 149.
2 Ob sich -Tsiv an den altern r-Stamm oder erst an das jüngere -zrjg angeschlossen hat, ist gleichgiltig; in beiden Fällen liegt analogische Übertragung von -elv vor.
Debrunner, Griech. Wortbildungslehre. 7
98 B. Verbale Ableitung. [§§195—197
17171 rßare IV 'Rosselenker {i7i7cri?Ldrrjg) sein', juvQ07toj}.elv ■" Salbenverkäufer {juvQ07tü)?^)]g) sein' und zahlreiche andere. Erleichternd konnten Doppelbildungen wie -agxog und -üiQxriQ {exarovraQxoQ und exaTovrdgx^]?', §99) wirken, auf die -aqxelv gleich gut bezogen werden konnte; man darf auch an -r\kaxoQ, neben -?y2dTryg erinnern, ein Verhältnis, das mit der Doppelbedeutung des Verbaladjektivs {ä'&iy.zoQ 'un- berührt' und 'nicht berührend') vergleichbar ist; s. auch § 341.
Bei den Ableitungen auf -eIv aus Komposita mit konsonantischem Schlußglied dominieren -(pidaxelv, -yvco/j,oveIv, -q)Qoveiv und einige andere Ausgänge. Homer kennt aus konsonantischen Stämmen nur -(poovelv {ä/iko-, d-, öjuo-, x^Xi-)^ das sich jedenfalls besonders eng an das alte Simplex 99^orfrv angeschlossen hat; zu *-eio- in (pgoveJv vgl. cpQovL-Q 'Einsicht', (pgövi-juog, 0göviO(;.
§ 196. Ein besondres Wort verdienen die Ableitungen auf -elv aus komponierten 5- Stämmen: Typus äjue?.eiv aus ä^eXrjQ. Man wäre wohl geneigt, sie lautlich auf *-es-io- zu- rückzuführen (nach § 188); der Mangel jeden Überrestes der s-Konjugation bei dieser Kategorie weist aber deutlich dar- auf hin, daß diese schon bei Homer völlig mit dem Typus oivoxoog — olvoxosiv verschmolzen ist (im Gegensatz zu den Ableitungen von unkomponierten 5-Stämmen, § 188). Übrigens gilt hier von der faktitiven Bedeutung das, was in § 192 f. ausgeführt worden ist; z. B. für övajua'&ijg sind beide Bedeutungen 'schwer lernend' und 'schwer zu lernen' belegt, also sind für ovo jua-^ elv auch beide denkbar; belegt ist aber zufällig nur 'schwer lernen'.
§ 197. Zum Genus verbi der Verba auf -elv. Manche Verba auf -elv scheinen in klassischer und beson- ders in nachklassischer Zeit überflüssigerweiso (medio-) passive Formen angenommen zu haben. In der Regel ist daran ein zufällig gleich auslautendes Simplex schuld: 7ivev/j,aro-(pogelo§ai 'vom Geist getrieben werden' statt *7tvev/j,aro-rpogelv 'vom Geist getrieben (Tzrei'juaröcpogog)
§§197 — 199] Die io-Präsentia: Verba auf -ow. 99
sein', weil es mit nrev/Ltari cpoqeiodai identisch war. Ebenso heißt es wegen KQaxelö&ai auch d7]fxo}iQarslod^ai 'demo- kratisch regiert werden' und danach weiter avrovofj,eiO'&ai 'autonom sein > autonom regiert werden'. Anders q:)do- Tijuslo&ai'^cpi^.ÖTijuog sein', das mediales oder medio-passives Deponens ist und sein Genus verbi wohl dem Einfluß von ßovAeo^ai ÖQsyeo'&ai und andern Synonyma verdankt. Vgl. § 215, 222.
3. Die Verba auf -ovv.
§ 198. Die Bedeutung der Verba auf -ovv ist ,,fakti- tiv" oder ,,instrumentativ", d. h. sie heißen 'zu etwas machen' oder 'mit etwas versehen': ÖQ'ßovv 'aufrecht ma- chen > aufrichten' von ög^og 'aufrecht', otecpavovv 'mit Kranz versehen > bekränzen' von oxecpavog 'Kranz'. Ein Absenker der faktitiven Bedeutung ist 'halten für ■ — ': dixaiovv 'für recht halten' von dixaiog 'gerecht', oder 'behandeln als - — ': di]iovv (drjovv) 'als Feind behandeln > erschlagen, zerstören' zu d7]iog 'feindlich'. Das Faktitive und das Jnstrumentative berühren sich oft; es gibt Verba, die beide Bedeutungen haben: '&7]Qiovo&ai 'zum Tier werden > verrohen' und 'mit Würmern versehen werden > wurmstichig werden' je nach dem Zusammenhang des Satzes; zuweilen laufen beide auf dasselbe hinaus: xoXnovv '(das Segel) zum Bausch machen' oder 'mit einem Bausch versehen'.
§ 199. Die instrumentative Bedeutung ist auch in mehrern Spezifizierungen beliebt geworden:
'in Affekte oder körperliche Zustände ver- setzen (Med. — geraten)': xolovv 'mit Zorn versehen > erzürnen', oivovv 'berauschen', &v/Liovodai 'zornig werden'.
'benachteiligen, bestrafen' oder 'beschenken, belohnen mit — ': ^avarovv 'mit dem Tod versehen > mit dem Tod bestrafen', ore(pavovv 'mit einem Kranz be- lohnen'.
100 B. Verbale Ableitung. [§§ 199—202
■"Gutes, Böses antun; gut, schlecht behan- deln': xaxovv 'mit Bösem {xaxöv) antun > mißhandeln', i^rflovv 'mit nacheifernder Be\%ainderung behandeln > nach- eifern, preisen, beneiden'.
§ 200. Das Gegenteil zum ,,instrumentativen" Ge- brauch ist der ,,separative", der auch andern Verbal- typen und den verwandten Sprachen nicht fremd ist (vgl. köpfen, schälen, lat. trunciis 'Stamm' — ■ truncare 'stutzen' und -il^Eiv §268): yviovv 'die Glieder lähmen' (Hom.) von yvla 'Glieder' (über yviog 'gelähmt' s. § 24), ÄenvQiMOai' i^axvQicöoai'' schälen' (Hesych) von Xstt'Öqiov "kleine Hülse'. Häufiger freilich steht eine privative Präposition davor (vgl. ent-haiipten, ent-hülsen): äjio-yviovv (Hom.), ex-/.envQovv (Zitat in Bekkers Anecdota).
§ 201. In manchen Fällen besteht zwischen Aktiv und Medium ein bestimmtes Wechselverhältnis, indem das Aktiv das Geben, Veranlassen, das Medium das Sichgeben- lassen, Annehmen bezeichnet: xo/xiCsiv 'hinschaffen' — xofziCso'&ai 'sich etwas bringen lassen, in Empfang nehmen' ; so auch bei Verben auf -ovv:
7ZIOTOVV 'zuverlässig machen > verpflichten' — tziö- rovö&ai 'für sich zuverlässig machen > sich Garantien geben lassen'.
öTjfxeiovv 'mit einem Zeichen versehen > bezeichnen' — orjjUEiovo^ai 'als Anzeichen auffassen'.
juiodovv 'zur Miete geben > vermieten' — /.iiodovadai 'zur Miete nehmen > mieten'.
§ 202. Die Entstehung der Verba auf -ovv ist in ihren Grundzügen klar, aber nicht in allen Einzelheiten. Nach § 187 gehen die alten Denominativa von o-Stämmen auf -elv aus; folglich muß -ovv eine Neuerung des Grie- chischen sein. Der Ausgangspunkt ist zweifellos in den Verben auf -äv zu suchen. Die Bedeutungsbeziehungen zwischen Nomen und Denominativum sind ja bei denen auf -äv sehr mannigfaltig, und besonders die instrumentative
§§202—204] Die to-Präsentia: Verba auf -oür. 101
Verwendung samt ihren oben § 199, 201 aufgeführten Ab- zweigungen kommt bei ihnen häufiger vor; z.B.:
"bestrafen, beschenken': xif-iäv 'ehren' [rifii]), koßäo&ai 'beschimpfen' [loißrj).
'Gutes, Böses antun': aviäv "kränken' {ävia), änaxäv "betrügen' {ändr^]).
"Geben, sich geben lassen': eyyväv 'Bürgschaft leisten' — iyyväo&ai 'sich B. leisten lassen' {eyyvrj).
§ 203. Nach solchen Vorbildern, bei denen -äoai usw. neben Substantiven auf -ä stand, wurde zum Stamm- charakter -o-j-o)- ein -ojoai usw. geschaffen. Nebenher ging ein zweites: seit alters konnten Denominativa auf -äv auch zu o-stämmigen Adjektiva gebildet werden, weil deren Femi- ninum auf -ä oft als Abstraktum verwendet wurde; da aber die Beziehung zu den o-Adjektiven im Bewußtsein lebendig blieb, konnte sich leicht eine Angleichung an das Grundwort einstellen, so daß -äoai usw. zu -cboai umgestaltet wurde. Das -0)- scheint sich noch speziell der Unterstützung alter Bildungen auf -5-tiis zu o-Adjektiven {aegr-5-tus zu aeger; vgl. § 368) erfreut zu haben; darauf weisen weniger die nicht sehr zahlreichen Belege für -onög als die Bevor- zugung der mit dem Verbaladjektiv besonders eng asso- ziierten Formen des Aor. Pass. (und des Mediopassivs über- haupt). Daß die außerpräsentischen Tempora bei der Bil- dung der neuen Kategorie vorangegangen sind, bezeugt un- zweifelhaft die Statistik der Formen der Verba auf -ovv bei Homer: erstens sind die Präsensformen im Verhältnis zu den außerpräsentischen weit spärlicher als bei denen auf -äv und -slv, zweitens sind sie zum größten Teil kontrahiert, gehören also dem Jüngern Bestand der homerischen Sprache an.
§ 204. Bei der ungeheuren analogischen Ausbrei- tung des Typus -ovv in nachhomerischer Zeit (bei Homer ist sie in den ersten Anfängen^) braucht man nicht bei jedem
^ Von ä-Stämmen yscpvoovv, xogvcpovv, nayvovv, qi^ovv, von konson. Stämmen änvQOixoi; und acprjxovv, dazu yovvova&ai von yövv — yovvög.
102 B. Verbale Ableitung. [§§ 204. 205
Verbum vorauszusetzen, daß es irgendwelche besondere formale oder semantische Anknüpfungspunkte habe. Die Allgemeinheit des Begriffs 'machen zu — , versehen mit — ', der von Anfang an mit -ovv verknüpft war, genügte in sehr vielen Fällen vollkommen zur Neuschöpfung; freilich mußte eine nähere Bedeutungsverwandtschaft erleichternd wirken. Gewiß hat auch die Geläufigkeit, mit der der Grieche das stammauslautende -o- auch bei andern Stämmen handhabt (§ 10), die Verwendbarkeit von -ovv wesentlich erhöht. End- lich könnten gelegentlich Doppelheiten in der Stammbildung der Grundwörter geholfen haben; weil man z. B. oxorovv, das Denominativum von o oxörog, auch auf das spätere rö oxörog (vgl. § 317) beziehen konnte, lag es nahe, auch zu andern Neutra auf -og Verba auf -ovv zu bilden.
§205. Beispiele für Ableitungen aus allerlei Stämmen:
Zahlreich sind besonders die aus ä-Stämmen, vielleicht ein Beweis dafür, daß viele aus Verben auf -äv umgestaltet worden sind: yeq)VQovv 'überbrücken' von ye<pvQa 'Brücke', '&vQovv'mit Türen versehen' von &vQa 'Türe', (^rjixiovv 'bestrafen' von I^riixia 'Strafe'.
Von s-Stämmen (vgl. über axoxovv §204): vipovv 'erhöhen' von vyjo^ n. 'Höhe' nach xaneivovv 'erniedrigen' von raTieivög 'niedrig'.
e'Axoy»' 'Geschwüre verursachen', Med. 'eitern' von e^xoi; n. 'Wunde' nach nvova&ai 'eitern' von tivov (auch jrvog n.!) 'Eiter'.
äa&evovv 'schwächen' zu äo&evTji; 'schwach' wohl als Pen- dant zu äa&evelv 'schwach, krank sein' (dieses gebildet nach § 196) nach dem Muster von Paaren wie xagregelv 'stark sein, aushalten' — xagregovr 'stark machen' (vgl. §16), vielleicht auch nach la/vQovv 'stärken' (zu layvQÖi; 'stark'), obwohl dieses später als aa&evovv belegt ist.
Von konsonantischen Stämmen:
axoiiovv 'mit Mündung oder Spitze versehen', auch 'den Mund verstopfen' (separativ) von arößa 'Mund, Spitze'; sonst -[xaxovv von Neutra auf -[xa: OTeju/jaroin' 'bekränzen' von aTsfi/ua 'Kranz' (vgl. mecpavovv), usw.
i$-a£Qovv 'durchlüften, verflüchtigen' von äeQ- 'Luft' nach (e^-)ävE/j,ovv 'durchlüften, aufblähen; zu Wind machen > ver- eiteln' von ävsfxoi; 'Wind'.
§§205 — 208] Die lo-Präsentia : -ieiv und -ijeiv. 103
iXe(pavxovv 'mit Elfenbein verarbeiten' von eh(pavz-' Elefant, Elfenbein' nach ägyvgovv, xQ'voovv, aiörjQovv.
juaanyovv 'peitschen' von fA.aany- 'Peitsche' nach ■&avarovv (§ 199), Cn/u.iovv (s.o.).
§ 206. Eine eigentümliche Gruppe bilden die Ableitungen aus Komparativen wie sXaaaovv eXaxxovv 'beeinträchtigen, verringern' von eXdaaoiv iXdrrcov; iaaova&ai (ion.; att. rjrräa&ai s. §185) 'unterliegen' von eaaoiv (fjrrcjv). Wahrscheinlich ist das Neutrum eXaaaov usw., das ja beim Komparativ besonders häufig war (auch als Adverb, vgl. auch sXaaaovv n = eXaaaov noielv ri) mit dem Neutrum der o-Adjektiva auf eine Stufe gestellt worden^
§ 207. Einzelanalogien sind oben schon manche er- wähnt worden; hier seien noch zwei Proben von Analogie- gruppen angefügt:
Eine Anzahl von Ableitungen auf -ovv aus o-Stämmen bedeutete 'bestreichen, beschmieren mit — ', z.B. ßgoTovo^ai (jS^drog 'Blut'), yvxpovv (/'UT/^og'Kreide'), eXaiovv (eXaiov 'Öl'), [jllXxovv {/j,ihog 'Mennig') u. a. m. Daran schlössen sich auch Ableitungen aus ä- Stämmen und aus konsonantischen an: Ttf ff (70 w (jt/ffffa'Pech'), qtjtivovv {Qrjxivi] 'Harz'), aljuarovv (al/ua 'Blut'), xrjhdovv {M]Ug, -löog 'Flecken'), [xehxovv {fieh, -trog 'Honig'), öiaoxarovo'&ai {oxtüQ, oxarog 'Kot').
Unter den Körperzuständen (§ 199) spielen bei den Ärzten die Krankheiten eine besondere Rolle: IxreQovö'&ai 'Gelbsucht {ixrsQog) bekommen', xaQxivovod^at {xagxivog 'Krebs'), vdegovG'&ai {vdeQog 'Wassersucht'). Danach auch yayygaivovo&ai, {ydyyQaiva 'krebsartiges Geschwür'), q)Xvx- raivovod^ai [cplvxraiva 'Brandblase'), vöarovoß^ai {vöar-) = vöegovo'&ai. Besserung eines krankhaften Zustandes: ejtovXovo^ai 'vernarben' (ovXf] 'Narbe').
4. Die Verba auf -leiv und -veiv. § 208. Die Denominativa auf -leiv von t-Stämmen sind äußerst spärlich und fast ganz auf die homerischen Gedichte
^ Vgl. die umgekehrte Umdeutung von Neutra auf -ov in äfieivov, x£Qeiov, ;f£tgoj' (ursprünglich o-Adjektiva) und von -Trldaiov (Mask. älter -jiMaioi;, jünger -jzlaaicDv).
104 B. Verbale Ableitung, [§§ 208—210
beschränkt. Beispiele: fArivieiv 'grollen' aus "^jiiivi-i- von jufjvt-g ""Groir, fir/rieo'&aL 'ersinnen' von jufjxig 'Klugheit', [xaGTiEiv 'peitschen' von judorig 'Peitsche'. Vgl. lat. flnio zu flni-s. Wenig zahlreicher sind die auf -vsiv aus i»- Stäm- men: daxQveiv 'weinen' von ddxQv 'Träne', i&veiv 'gerade drauflos stürmen' von Wvg 'geradeaus' oder von rj Wvg 'Gang, Weg', jue^veiv 'betrunken sein' von /bie-dv 'Rausch- trank', cpiTveiv 'pflanzen, erzeugen' von cplxv 'Sproß'.
Anhang.
§209. Zur Quantität des Stammauslauts der Verba vocalia. Die verwickelten Quantitätsverhältnisse sind wohl am ehesten so zu erklären: Der Quantitätsgegensatz -Ieiv: -iaeiv, -Seiv: vaeiv, wie er noch bei Homer vorliegt, ist alt und vergleicht sich mit flni-s : flni-tus, cani-s : canl-nus, statü-s : statü- tus, lacü-s : lacü-na, ferner jroAi-g : -toXi-xrit;, rcQeoßv-:; : -igsaßv-rijs. Auch der Gegensatz -e-co (aus *-e-i-ö): -■^-aco scheint alt zu sein (Ablaut -ei-:-e-'?); \ gl. claudus: claude-re wie cpiXoi; : cpiXri-ooi. Im Anschluß an dieses -ea>, -ico, -voi : -^oco, -locy, -vaoi wurde schon in urgriechischer Zeit auch *-doi (aus *-ä-iö von ä-Stämmen oder Wurzeln auf -ä-): -dato zu -dco: -daco umgestaltet; -öco: -t6aa> ist seinerseits wieder eine Nachahmung von -do: -daco. In histo- rischer Zeit fand z. T. eine rückläufige Bewegung im Sinn einer Durchführung der Länge auch im Präsens statt; so finden sich auf dorischem, äolischem und nordwestgriechischem Dialekt- gebiet Formen wie oTscpavojeroj und döixi^ei; im Ion. -Attischen ist {-toj) -voi die Regel {-dco -ko -öco entgingen hier diesem Schick- sal, weil sie schon kontrahiert waren).
5. Die Verba Ani -Eveiv.
§ 210. Der Zusammenhang der Verba auf -eveiv mit den Substantiven auf -evg ist ohne weiteres klar: -ev<; bezeichnet den regelmäßigen, berufsmäßigen Täter (§ 301), -eveiv als Denominativum davon die Ausübung dieser Tätigkeit. Als lautgesetzliches Präsens hat -eieiv zu gelten, das nur noch durch elische Formen wie cpvyaÖEioi (= evoi)^ xariagakov (= xai%iEQEV(ov) neben (pvyaÖEvavri {= -aavxi), xariagav- oeiE (=^ xa^-iEOEvoEiE) belegt ist: aus *rjf-i- oder *-f/-t-
§§210—212] Die lo-Präsentia : Verba auf -eveiv. 105
wurde -ei(f)- wie aus ^äfieröq ai(f Jerög. Vgl. xaieiv (aus *xafL-): exavoa. Die Angleichung von -eieiv: -evoai zu -Eveiv: -Evoai hat nichts Befremdhches, um so weniger, als sie an der immer lebhaft empfundenen Beziehung zu -Evg einen starken Helfer hatte.
§ 211. Die analogische Ausbreitung, die schon bei Homer weit vorgeschritten ist, hat im Großen eine ge- wisse Ähnlichkeit mit derjenigen von -ovv (§ 204). Die bequeme Handhabung und das reichlich allgemeine und doch bestimmte Bedeutungsverhältnis zum Grundwort begünstig- ten die Entwicklung zum Typus in hervorragendem Maß. Eine eigenartige Stellung innerhalb der Denominativtypen begründet jedoch der Umstand, daß auch das zugrunde liegende -evg ein äußerst geschmeidiges Suffix ist: Da -evg und -eveiv vom Beginn unsrer Überlieferung an ebenso leicht angefügt werden, wäre es eine gewagte Behauptung, wollte man jedes -evg als historische Grundlage für das zu- gehörige -eveiv in Anspruch nehmen; geradesogut kann -evg einmal aus -eveiv zurückgebildet oder mögen beide unabhängig voneinander ins Leben getreten sein. Aus dem- selben Grunde tritt jedoch beim Weiterwuchern von -eveiv ein Unterstützungsmoment, das bei andern Typen nur neben- hergeht, besonders stark hervor: Die Möglichkeit einer be- grifflichen Verknüpfung mit zwei oder mehr Grundwörtern. Weil in innevg der Begriff Innog noch ganz deutlich bewußt blieb, so konnte sich dieser auch bei Inneveiv zu Ungunsten des bildungsgeschichtlichen Vermittlers innevg hervor- drängen und so neue Verba auf -eveiv zu o-Stämmen hervor- rufen.
§ 212. Dieselbe Leichtigkeit der Ehmination hat auch zur Folge, daß die zwei auf den ersten Blick erkennbaren Bedeutungsgruppen von -eveiv auf dem entsprechenden Ver- halten der Nomina owi-evg beruhen: äyxioxevg und aQiarevg bezeichnen einen als äyxiOTog bezw. äqiaxog Charakteri- sierten, demnach äy^iox eveiv und ägioteveiv das Ver- sehensein mit der charakteristischen Eigenschaft eines äy-
106 B. Verbale Ableitung. [§§212.213
yjaxog hezw. ägiöTog (Qualitätsverhältnis); OHVXEvg dagegen ist einer, der sich berufsmäßig mit oy.vzog 'Leder' beschäftigt, also ein Schuster, also oxvzeveiv die Tätigkeit des OTivxevQ oder die berufsmäßige Beschäftigung mit oxv- rog (Aktionsverhältnis). Demnach ist -svelv in der Be- deutung nahe verwandt mit -elv (§191); der Unterschied besteht darin, daß die Aktionsbedeutung bei -elv seit Homer eher im Abnehmen begriffen ist und daß -elv vorzugsweise von Komposita gebildet wird, während sich -eveiv um- gekehrt verhält^. Beides beruht wohl auf denselben Tat- sachen: Von dem altererbten Gegensatz cpovevg — ävögo- (pövog (§ 302) lauteten die Denominativa cpoveveiv — ävÖQo- <povelv\ aus der großen Anzahl solcher Paare entsprang das Gefühl, als sei -elv ein Charakteristikum der Ableitungen aus Komposita (vgl. § 189 f.), und weil cpoveveiv gern auf das Abstraktum (povog bezogen wurde, während ävÖgocpovog eben nicht abstrakt 'Männermord', sondern als Nomen agentis 'Männer mordend' bedeutete, so verstärkte sich bei -eveiv die Aktionsbeziehung, bei -elv die der Qualität.
§ 213. Beispiele für Ableitungen aus allerlei Stämmen: Aus o-Stämmen:
öaiTQsveiv ""das Amt eines Vorschneiders (dairgög) versehen', 6öevei%> 'reisen' von oöög 'Weg, Reise', und viele andere.
Aus ä-Stämmen, und zwar aus femininen: TiT&evsiv 'Amme (rif&t]) sein', d^rjQeveiv 'jagen' von -&7'iQa 'Jagd', äyogeveiv 'in der Versammlung {äyoQd) reden, sprechen' (daneben bei Homer noch dyoQäo&ai und äyoQi]ri]g),
und aus maskulinen: ra^ieveiv 'Verwalter {ra/xiag) sein', ixEXEveiv 'Schutzflehender {IxeTTjc) sein', jiQoazareveiv 'Vorsteher (jTQoardTi]<;) sein'.
^ -EVEIV in Komposita (im Epos nur Präsensstamm) ver- dankt seine Existenz meistens metrischer Bequemlichkeit; mit olvoxoEVEiv vermied man die Kontraktion und gewann gleiche Prosodie wie in olvoxoijaai.
§§213—215] Die io-Präsentia: Verba auf -evsiv. 107
Aus andern Stämmen:
jbiavzsvea'&ai 'weissagen' von /ndvri-i; 'Seher' (vgl. /navTijtoc
fiavxeia §285 Fußnote, 287, ixavxoavvri §323), IxvevEiv 'aufspüren' von lxvo<; n. 'Spur', xoXaxevEiv 'schmeicheln' von xolax- 'Schmeichler', nmösveiv 'erziehen' von naid- 'Kind', ögayfiEveiv 'Bündel {ögdyßaT-a) sammeln', aber jzQayuaxsvea&ai 'sich beschäftigen' von ngayiiax- 'Ding'.
§ 214. Proben von engern Bedeutungsgruppen, an die sich analogische Neuschöpfungen angeschlossen haben:
'Jagd, Hinterhalt': §7]Qeveiv zu ^^ga statt '&)]Qäv nach äyQevEiv zu <cäyQSvg> äyga; dann weiter snißov- Xeveiv (ejzißovA')]), ivsögeveiv (eveögog und eveöga), 1%- VEVsiv, OQVi'&eveiv {: 6qvi'&- nach '&r]QevEiv: '&7]q) usv^. ; <p6voQ — cpovi] — (povevg — cpoveveiv schwebte wohl auch vor.
'Herrschaft, Aufsicht, Sorge; Knechtschaft, Dienst': Als Muster standen ßaodevQ — ßaoiXeveiv, ßga- ßevg — ßQaßeveiVy legevg — iegeveiv, Tigvravevg — Tcgv- ravEveiv u. a. zur Verfügung; Nachahmungen sind z. B. dgxsvEiv, öovXsvEiv, oarganEVEiv, ra/uiEVEiv, rjyEpiOVEVELv, '&Ega7iEVEiv (von d^Egaxp ""Diener').
§ 215. Die Genera verbi bei -evelv (faktitives -evEiv). Viele von den Verba auf -eveiv kommen auch oder nur als Deponentia vor. Die größte Gruppe unter ihnen bezeichnet 'sich so und so benehmen, — leben': äyvE'6- EO'&ai 'rein leben' {äyvog), Jiovr]gEVEO'&ai 'schlecht handeln, in schlechtem Zustand sein' (novrigög), dvaiÖEVEO'&ai 'sich unverschämt benehmen' {ävaid^g), aXaCovEVEO^ai 'prahlen' {äXaCcöv). Für diese Bedeutung war offenbar hier das Me- dium überflüssig, da ja -eveiv an sich schon eine Betätigung ausdrückt; weil aber von vielen andern Verben her das Deponens die angegebene Nuance hatte {ogyiCEO^ai' zürnen\ alÖEiO'&ai 'sich scheuen'), wurde auch -eveiv zu -eveo^ui umgestaltet (vgl. über -aivEO'&ai § 222, auch über -Eio&ai § 197). Das ältere Aktivum ist gelegentlich beim selben
108 B. Verbale Ableitung. [§§215—217
Wort erhalten; so ist äyveveiv im Sinn von 'rein sein' noch mehrfach belegt, und 'lahm sein, hinken' heißt nur bei Hippo- krates und Plato je einmal xoAsvEo§ai^ während Homer 'X^oXeveiv sagt.
§ 216. Solche neu geschaffene Deponentia können ihrer- seits weiterhin die Schicksale andrer Deponentia mitmachen: es kann zu ihnen, vornehmlich auf ionischem Boden und in der Koine, ein faktitives Aktivum gebildet werden, wie etwa zu 7]deo§ai 'sich freuen' ein rjdeiv 'erfreuen' nach dem alten Paar xeqjieiv ■ — xeQJieo&ai'^ vgl. auch über faktitives -aiveiv § 222. Wenn nun aber -eveo'&ai bloße Umbildung aus intransitivem -sveiv ist, so kann der Fall eintreten, daß unsre Überlieferung beim selben Verbum auf -svsiv sowohl eine intransitive wie eine faktitive Bedeutung kennt; so verhält es sich z. B. mit den oben genannten äyveveiv und yoAeveiv^ die gelegentlich auch 'reinigen, sühnen' (Antiphon) und 'lähmen' (Hippokrates) heißen. Die geringe Ausdehnung der Erscheinung bei -eveiv (anders bei -aiveiv § 222!) rührt von der scharfen Konkurrenz des faktitiven -ovv her (§ 204; -eveo&ai = ovo'&ai).
§ 217. Selbstverständlich war dies nicht der einzige Weg, auf dem -eveiv faktitiven oder überhaupt transitiven Sinn annehmen konnte. Besonders der innere Akkusativ im weitesten Sinn hat jedenfalls einen starken Anteil: z. B. äXrjd^eveiv ri verschob sich leicht von 'sich in einer Beziehung als wahr erweisen' zu 'etwas als Wahrheit aussprechen, als wahr erweisen'. Oder aber der Akkusativ stammt von Synonyma her: vv/ucpeveiv 'sich mit einer Braut beschäfti- gen', dann mit yafzeiv 'heiraten' oder ya/niCeLv 'verheiraten' synonym geworden und mit Akkusativ verbunden. 0vya- deveiv scheint seine gewöhnliche Bedeutung 'verbannen' von d'YjQEveiv u. dgl. (§ 214) entlehnt zu haben; ob Polyb mit der einmaligen Verwendung im Sinn von 'in der Ver- bannung leben' das Alte hervorholt oder zufällig mit dem als normal zu erwartenden zusammentrifft, dinfte nicht zu entscheiden sein.
§§ 218. 219] Die lo-Präsentia : Verba auf -alvsiv. 109
II. Die konsonantischen lo-Präsentia.
1. Die Verba auf *-n-io-.
a) Die Verba auf -aivsiv.
§ 218. Der Denominativtypus -aiveiv^ bietet in mehr- facher Hinsicht besonderes Interesse: Eine beträchtliche An- zahl von Verben ist nach der Herkunft des v noch vöUig durchsichtig, und es besteht eine bemerkenswerte Mannig- faltigkeit in der lautlichen Struktur des Endes der Grund- wörter. Sodann vollzieht sich die analogische Weiter- wucherung fast ganz unter unsern Augen. Endlich hat -aivsiv keine so allgemeine Bedeutung entwickelt wie z. B. -ovv und -svEiv oder gar -il^eiv; man hat daher für die Analogiebildungen viel genauere Muster zu suchen.
§ 219. Verba auf -aiveiv aus Grundwörtern mit erhaltenem oder erschlossenem n: jtoi/biaivsiv 'wei- den' (Hom.) von Jioijuev- 'Hirt' (-/uaiv- aus *-mn-i- mit Tief- stufe -m?i- zu -men-), evcpQatvEiv 'erfreuen' (Hom.) von evq)QOv- 'frohgemut' (ebenfalls Tiefstufe), fxeXaiveiv 'schwarz machen' (Hom.) von f^Elav- 'schwarz'; besonders oft aus Neutra auf -jjia aus *-mn-^, die den lateinischen Neutra auf -men entsprechen: 7i7]juaiveiv 'schädigen' (Hom.) von Ttrjjua 'Leid, Unglück'; ßaoxaivEiv 'verleumden, beneiden' (klass.) von ßdoxavoQ 'verleumderisch, neidisch' (vgl. § 178), xv- daiveiv 'rühmen' (Hom.) Erweiterung von Kvd-dvsLv (§ 169) 'berühmt machen, Ruhm haben', ((rp^a/reir 'trocknen' (klass.) von loxvoQ 'trocken'. Manche Ai-Stämme lassen sich er- schließen aus Bildungen mit r- und /-Suffixen, da diese viel- fach mit «-Suffixen assoziiert erscheinen; vgl. z. B. die rjn-
'^ Die primären Verba auf -aiveiv können hier außer Be- tracht bleiben, da sie den Suffixtypus kaum beeinflußt haben und sich meist auch in der Stammbildung von den Denominativa sondern : ßaCvo) — ßi^ao/xai — eßrjv gegenüber arjjuaivoj — ■ arj/navä> —
^ Daneben tritt -/ndCsiv ( § 236), später -/nariCEiv (§ 257) auf, s. § 309.
110 B. Verbale Ableitung. [§§219.220
Neutra (§ 17) wie vöcoq vöarog (der ?z-Stamm noch im Eigennamen 'AXoo-vdvij), ferner jtuov niaiveiv (von den Lyrikern an) — nlaq^ nieiga — niaXsog, xvddveiv xvöaivEiv
— y.vÖQÖg (varia lectio xvdvög) — xvdd^ufiog, olddveiv (Hom.) olöatveiv (hellen.) — • oidaleog. Deshalb darf man ein -n- im Grundwort voraussetzen z. B. für TcefiJgaivsLV 'vollenden' (Hom.) von tceIqoq Tzeigarog (so Homer; später jiEQag 7Z€Qarog) 'Ende', /uiaiveiv 'besudeln' (Hom.) neben juiagög 'besudelt', EQv&aiveiv 'röten' (Hom.) neben EQV&qog 'rot', EidaivEod^at 'ähnlich sein' (Nikander) neben EiödXifxog 'schön von Gestalt'.
§ 220. Die analogische Ausbreitung von -aivEiv verläuft in zwei Richtungen: es gibt Faktitiva (Kausativa) und Intransitiva (Zustandsverba). Vorangegangen in der Übernahme von -aivEiv sind jeweilen o-stämmige Adjektiva; andere Adjektiva und allerlei Substantiva folgten.
Die Faktitiva umfassen zwei Gruppen. Die eine geht aus von fiElaivEiv (Hom.) 'schwarz machen' (von j.iElav-)\ dieses ruft die Gegensatzbildung Ievküivelv (Hom.) 'weiß machen' (von ?.£vx6g) hervor; daran schließen sich weitere Verba für 'weiß, grau, blaß machen' an: äoyaivsiv (Eur.), jtoXiaivEiv (Aeschyl.), 'x^XcoQaivEiv (Soph.), ferner äaßoXai- VEiv (Glossen) 'mit Ruß {äoßolog oder äoßoh]) schwärzen'. Daneben wird das alte igv^aivEiv (§219) im Anschluß an EQV&Qog zu EQv&QaivEiv (klass.), und danach gesellt sich zu Ttvogög 'feuerrot' ein nvgoaivEiv 'feuerrot machen' (Eur.), zu xdl^ri 'Purpurschnecke' ein xa).%aiVELv ' {^\xvT^\xYn) färben' (Tragiker). Die andere Linie führt von ■&EgjuaivEiv (Hom.) 'wärmen' (zu ^sgjudg, aber wohl von einem neutralen *&Eg/na), avaivEiv (Hom.) 'trocknen' (zu a'öog 'trocken', vgl. avovd. 'Trockenheit') und ioxvaivEiv (klass.), das aus ia- XaivEiv (§ 219) nach ioxvog umgestaltet ist (vgl. loxa^sog — io^valsog §329), zu ipvxgatvEiv (Hippokr.) 'abkühlen' (ipvxgdg), älsaivEiv (Hippokr.) 'erwärmen' {ä/Ja 'Wärme'), ^7]gaivEiv (Hom.) 'trocknen' {^tjgög), vygalvEiv (klass.) 'be- netzen' (vygög). Die enge Verknüpfung der Begriffe 'warm
— kalt' mit 'trocken — naß' gehört zu den Giundlaeen der
§§220—222] Die «o-Präsentia : Verba auf -alveiv. 111
alten Medizin: aus der unrichtigen Mischung dieser Elemente entstehen die Krankheiten.
§ 221. Die Intransitiva haben ebenfalls verschiedene Kanäle. Der eine beginnt bei äcpqaiveiv (Hom.) 'töricht sein' {äcpQov-) und geht über ficogaiveiv (klass.; jucagög), dfia- d'aiveiv (Plato; äjLia§7]g), h]gaiveiv (nachklass.; 2r]^o? 'Ge- schwätz'); dasselbe mit Steigerung ist 'rasend sein': /j,aQ- yaiveiv (Hom.; fiaQyog 'rasend'), Xvaoaiveiv (Soph. ; 2.vooa 'Wut'). Mit diesem Kanal hat sich ein anderer vereinigt, der von oxvdjuaivEiv (Hom.) 'zürnen' (*OKvdiiia) u. a. über XaXejtaivELv (Hom.) 'böse sein' (^aXeTiög) zu dvo&vfxaivELV (Hom. Hymn.), äyQiaiveiv (klass.), övojiievaiveiv (klass.; dvo/.iEV7j(;), &v/u,aivEiv (seit dem Scut. Herc), ogyaivEiv (Tragiker) usw. führt^. Es ergibt sich so die Vorstellung 'in erregter Stimmung sein'. Das hat dann übergegriffen auf unsympathische Charakterzüge und ebensolche körperliche Zustände (vgl. auch xM/LiaivEt7> [Hippokr.] 'schlaf süchtig sein' von xcöfza, (p^xy/uaivEiv [klass.] 'entzündet sein' von (pMy/ua, u. dgl.): iXXaivEiv (Hippokr.) 'schielen' (t'^Adg 'schie- lend'), i^laivEiv (Plato, Hippokr.) 'lahm sein' {xmXoq), hjuaivEiv (Herodot) 'hungern' {^.ijuog), vdaiaivEiv (Hippokr.) 'wassersüchtig sein' {vdar-)-^ neben all dem kann der Gegen- satz vyiaivEiv (klass.) 'gesund sein' {vyiyjg) nicht befremden.
§ 222. Die Genera verbi bei -aivEtv. In der Ver- wendung der Genera verbi herrscht bei -aivEiv auf den ersten Blick ein großes Durcheinander; es entwirrt sich aber, wenn man die Entwicklung der Genera verbi von -evelv (§ 215ff.) als Parallele heranzieht. Nur daß die dort besprochene Er- scheinung hier bedeutend größere Dimensionen annimmt: Zahlreich sind die Verba auf -aivEiv, bei denen alle drei Stufen, intransitives Aktivum, intransitives Deponens und faktitives Aktivum, belegt sind: z. B. /ucogaivEiv 'dumm sein' — fÄCogaivEod'ai 'dumm sein' — jucogatvEiv 'dumm ma-
^ Hierher auch /^evealvsiv 'heftig begehren; zürnen' (Hom.) von juhog i^evsog 'Drang, Lebenskraft, Zorn'; vgl. §258 über xTegstCsiv.
112 B. Verbale Ableitung. [§§ 222—224
clien', entsprechend 'x^alenaiveiv, dygiaiveiv, vyiaiveiv usw. Manchmal ist das erste Stadium oder auch noch das zweite in der Überlieferung verloren gegangen; so ist jcixQaiveiv nur im Deponens und im Faktitivum erhalten, muß aber trotzdem zur Gruppe xalETtaiveiv (§ 221) gerechnet werden; oder: xvl/.aiveiv ist nur ein einziges Mal über- liefert, und zwar im Sinn von 'krümmen', gehört aber doch zu y^vAaivEiv usw. (§ 221). Den Grund, warum die Um- gestaltung ins Deponens und die Rückbildung von Faktitiva bei -aiveiv besonders weit um sich gegriffen hat, braucht man nicht weit zu suchen: Vorgänge am menschlichen Körper und Vorgänge im Gemüt sind eine beliebte Domäne des Mediums.
b) Die Verba auf -vveir.
§ 223. Neben -aiveiv macht -vveiv einen bescheidenen Eindruck, weil seine Ausbreitung sich in engen Grenzen ge- halten hat. Auch liegen die Anfänge der Wucherung in vorhistorischer Zeit und sind deswegen nicht recht durch- sichtig, wie denn überhaupt die Zahl der mangelhaft erklär- baren Ableitungen auf -vvsiv verhältnismäßig groß ist.
§ 224. Die etymologischen Grundlagen von -vveiv. Vom Anfang der Überlieferung an steht -vveiv in enger Beziehung zu i»- Stämmen, und zwar sowohl zu r-Ad- jektiva: jÖa^vrerv 'beschweren' zu /^aovg 'schwer' und manche andere, als auch zu -ü-Substantiva: äQTvvEiv 'zurüsten' zu aqrvQ 'Ordnung, Freundschaft'. Woher diese Beziehung stammt, ist nicht ganz klar. Nur soviel läßt sich sagen, daß «-Suffixe hinter w-Stämmen seit alters vorkamen und daß in einigen Fällen -vvelv ein Nomen mit «-Suffix neben sich hat: -daQOvvEiv 'ermutigen' von ■daQOvvo^ 'mutig' (später '&QaGvvEiv im Anschluß an '&Qaovg), rogvvsiv 'quirlen' (Aristoph.) von xoqvvti {v und v) 'Rührkelle', u. ä.; freilich ist gewöhnlich das Nomen der Rückbildung aus dem Verbum verdächtig oder überwiesen, so z. B. Ev&vva 'Rechenschaft', Ev&vvoQ {v oder i"?) 'Richter, Untersucher' neben ev§vveiv
§§ 224—226] Die lo-Präsentia: Verba auf -vveiv. 113
'gerade machen, richten', aiaxvvrj 'Schande' (klass.; älter aloxog) aus aloxvvsiv (Hom.) 'beschämen, beschimpfen'.
§225. Die weitere Ausbreitung von -vven'. Da fast alle Adjektiva auf -vg mit einem Neutrum auf -og as- soziiert waren (jöa^^vg — ßd^og, älter ßev&og), so konnte -vveiv auch mit diesen Neutra verbunden werden {ßa'&vveiv zu ßd&og statt zu /5a?? v?) und dann an solche Neutra auf -og antreten, die kein Adjektiv auf -vg hatten. So entstand zu /Lifjxog 'Länge' ein ixtjkvvelv 'ausdehnen, verweilen', zu xdlXog 'Schönheit' ein xallvveiv 'schön machen', usw.
§ 226. Größere Bedeutung (namentlich in der klassi- schen Zeit) hat die Zusammenstellung von -vvelv mit o-stämmigen Adjektiven gewonnen. Der Sinn der Ablei- tung ist dabei der faktitive, der in der Gruppe ^a^vg — ßaqvveiv üblich ist und in ihr die dort lautlich unbequeme Bildung mit -ovv ersetzt. Schon diese Sinnesgleichheit mit dem sehr abgeschliffenen -ovv läßt vermuten, daß die Über- griffe von -vveiv ihre Rechtfertigung in engern Analogie- anschlüssen finden müssen als bei -ovv. In der Tat verläuft derWucherungsprozeß abgesehen von einigen Einzelanalogien wie elacpQvvEiv {ovvetz- Herodot) 'leicht machen' {ikaq)QÖg) nach ßagvvEiv (Hom.) (ßagvg), Ietzxvveiv (klass.) 'dünn machen' [lETiTog) nach na^vvEiv (klass.) 'dick machen' {naxvg) fast ausschließlich innerhalb der drei Gruppen 'schön, glänzend machen' (Dep. 'sich putzen, sich brüsten'): djö^'u^^efv (klass.; d^^og'zart, schön'), oe/j^vvveiv (klass.; OEfjivog 'ehrwürdig, stolz'), dfxoQcpvvEiv (Antimachus; a/xo^99og 'häßlich') nach demMuster von cpaiÖQVVEiv {\{e?,\odi) 'glänzend, heiter machen' (umgestaltet aus *(paidvv£iv zu (paider ot/;etHesych durch denEinfluß von q)aidQ6g), '&y]XvvEiv (klass.; zu d^fjkvg), xallvvEcv (§ 225), '&gaovvEiv (§ 224), aloxvvEiv (§224); 'groß, lang usw. machen': fiEyalvvEiv (klass. ; fiEyalo-), G[XL>iQvveiv{\iQ\\Qn. ; Ojuixgög) nach ßa'&vveiv (Hom.), ßgaxvvEiv (Hippokr.), evgvveiv (Hom.), n?.arvveiv (klass.)iusw.;' weich, hart machen': ä7ia?.vveiv(l{i'p^okr.,
1 S. § 15 Fußnote. D ebrunner, Griech. Wortbildungslehre. 8
114 B. Verbale Ableitung. [§§226—228
Xen. ; ä7ia?.6g 'zart'), o>cb]Qvvsiv (Hippokr., Aristot. usw.; oyJ.7]Q6g 'hdiTt') ndich.d')]?,vveiv, fuolvve iv {Soph., Hippokr.; /j,öj/.vg 'kraftlos'), rgaxvveiv (klass.; rgay^vg).
§ 227. Sehr selten ist die Anfügung von -vveir an Sub- stantiva der 1. und 2. Deklination. Dabei handelt es sich immer um ganz spezielle Analogien: ä/xa&vveiv (Hom.) 'zu Sand machen, zerstören' (ä/bia'&og 'Sand') nach äjua/.övvsiv (Hom.) 'schwächen, zerstören' [ßladvg 'weich, schwach'), juooxvveiv (Etym. Magn.) 'mästen' (/uöoxog 'Kalb') nach naxvvEiv (klass.) 'mästen' {jiaxvg). Dafür sind gelegentlich auch verbale Grundwörter von -vven' erfaßt worden; so erklärt sich ä/.eyvveiv (Hom.) 'zurüsten, zubereiten' (dAe- yeiv [Hom.] 'besorgt sein') nach Errvreii> (Hom.) 'zurüsten' (auch evTveiv; von *£frDg)^, oTieoy^vveiv (Hesycli; = öjisq- Xetv [Hom.] 'drängen') nach Tay^vveiv (klass.) 'beschleuni- gen' zu raxvQ (vgl. auch oTqvveiv [Hom.] 'antreiben, be- schleunigen').
2. Die Verba auf -r-io- und -l-io-.
§ 228. Sie bieten entwicklungsgesehichthch kein be- sonderes Interesse; einige Beispiele für Denominativa mögen daher genügen. Es sind durchweg Ableitungen von -ro- und -Zo- Stämmen.
eyßaiQeiv- 'hassen' (Hom.) von sx'&Qoc, 'feindlich'. i/neigeiv 'sich sehnen' (Hom.) von t^eoo^ 'Sehnsucht'. [^iivvQEodai 'winseln' (klass.) von /uivvgog 'winselnd'. daidd?2Eiv 'kunstvoll arbeiten, schmücken' (Hom.) von
daida?.0Q 'kunstreich'. äyysV.Eiv 'melden' (Hom.) von äyy£?.og 'Bote'. vavrüJiEO'&ai 'zu Schiff fahren' (Hom.) von vavrikog
'Schiffer'.
^ Bei Hom. öalTa(g) äXeyvvEiv wie öaha, uqiotov usw, evxvvsiv.
^ -aiQ- aus *-r-i- > *-aQ-i; vgl. laxaiveiv: iaxvög §219.
§§228—230] Die io-Pväseniiai: -r-io-, -l-io-, -aoEiv. 115
aiolXeiv 'schnell bewegen, färben' (Hom.) von alolog 'schnell, bunt'.
OTOJfjbvXXeiv 'plaudern' (Aristoph.) von oxco^vlo!; 'ge- schwätzig'.
§ 229. Als Kuriosum sei hier die Analogiebildung e^ajtaxvlleLv erwähnt, die sich Aristophanes in scherzliafter Umgestaltung von e^anaxäv gestattet. Man darf zwar an solche Schöpfungen einer witzigen Laune keinen allzu stren- gen Maßstab anlegen; aber eine Grundlage muß doch vor- handen gewesen sein. Bei s^aTcarv/deiv haben wohl mehrere Momente zusammengewirkt; Aristophanes kennt einige Verba auf -v^dsiv, die einen komischen Klang haben und von -vXoQ (§326) abgeleitet sind: xoiKvlXeiv 'trag umher- gaffen', öyKvXXeö§ai' %\c\\ aufblähen', arco/^'u/Aetv 'plaudern', dazu kommt in andrer Literatur das begrifflich nächst- verwandte af^'üAAetv 'schmeicheln' von ««'//-uAf^^og 'schmei- chelnd'. Danach hat er e^anaxvXXeLV gewagt. Nebenbei schwebten ihm wohl auch die Deminutiva auf -vllog, -vlXiov usw. (§327) vor^.
3. Die Verba auf -aoeiv (att.-böot. -xxelv).
§ 230. Die Unterscheidung von gutturalen und denta- len Verben auf -ooeiv {q)vldooEiv von q)v?MX-, aber koqvgoeiv von XOQV&-) ist für unsere Zwecke bedeutungslos, da bei den dentalen eine analogische Weiterwucherung gar nicht nachgewiesen ist. Die gutturalen haben sich im Ganzen ebenfalls mit ihrer ererbten Domäne begnügt; abgesehen von vereinzelten Beispielen wie evxvXiooeiv (klass.) 'ein- wickeln', das eine Hypostase (§ 149) von ev xvIm {xvXoq 'Wulst') mit Hilfe des Ausgangs von iXioosiv 'wirbeln, wickeln' (Hom.) ist, ferner alfxdooEiv (Pindar usw.) 'blutig machen', das wohl eine Art Abkürzung des homerischen
^ Übertragung nominaler Deminutivsuffixe auf Verba ist z.B. in der Basler Kinderstubensprache ganz gewöhnlich; so heißt es zu laufen: laifele" = *läujeln.
116 B. Verbale Ableitung. [§§230—232
aijuari TialdaGsiv 'mit Blut besudeln' darstellt, ist nur -dioosiv in klassischer Zeit zu einer beachtenswerten Sonderexistenz gelangt im Sinn von 'mit einer Krankheit behaftet sein'.
§ 231. Der Ausgangspunkt liegt wahrscheinlich in äfjL- ßXvdiaoeiv 'blödsichtig sein' (klass.), das zu äjuß/.vcoTi-elv, -la, -ijg gehört (Stamm *oq^ - 'Auge', vgl. rd> öooe, ociiliisy. Da nun aber das Wort für 'Auge' in -oiooeiv durch die Laut- form stark verdunkelt war, konnte auch -coooeiv diesen Begriff aufgeben und allgemein zur Bezeichnung eines Krankseins oder eines ungesunden körperlichen Zustandes weiter verwendet werden; so entstand z. B. xagdtojaosiv 'Magenschmerzen haben' (klass.) zu xagöia 'Herz', vji- voiOGEiv 'schläfrig sein' (klass.) zu VTtvoc, 'Schlaf, idgcüxreiv 'schwitzen' (Galen) zu idocox- 'Schweiß'. Einer weitern Ver- breitung stand die Konkurrenz von -(i)äv (§ 183 f.) und -aivEiv (§ 221) hindernd im Weg.
4. Die Verba auf -^elv.
Allgemeines.
§ 232. Außer -äv, -eJv, -ovv, -evelv bestimmt kein Verbaltypus den Verbalschatz des Griechischen so sehr wie das denominative -li^Eiv'^ und -d^Eiv. Auch wenn man den Überfluß aller überlieferten griechischen Wörter gebührend in Rechnung stellt, bilden die rund 2000 Verba auf -{Ceiv und rund 1000 auf -olCeiv einen imponierenden Bruchteil.
^ Demnach ist eine Konjugation -cüaaeiv: -wxpai vorauszu- setzen wie jteaoeiv : Tzeipai 'kochen'. Der Gutturalstamm dringt zuerst in den Ableitungen äfiß/.vcoy/iöi; usw. durch; außerpräsen- tische Tempora werden überhaupt erst später gebraucht und dann natürlich mit gutturalem Charakter.
2 Daraus durch Entlehnung lateinisch -issäre {atticissare} oder -izäre [bapüzare und mit lateinischem Grundwort z. B. praeconizare] und daraus wieder unser beliebtes -isieren.
§§232—234] Die lo-Präsentia: Verba auf -uC«»'. 117
Andre Kategorien auf -Ceiv verschwinden daneben. Nur -vL,eLV hebt sich einigermaßen heraus (§234).
§ 233. Nach der Entstehung des -t,- aus *-di- oder *-gi- zerfallen die Verba auf -l,eiv in dentale und gutturale: a(pdC£iv (später ocparxeiv wegen eocpa^a nach (pvlArxeiv — Effvla^a) — ocpdico — eocpa'^a usw. zu oq^ay-/] Ofpdy-iov usw., aber qjgd^eiv — ecpqaoa usw. zu dgi-cpQad-TJg u. dgl. Die beiden Gruppen haben sich naturgemäß vielfach be- einflußt, und die Grenzen zwischen ihnen sind nach Dia- lekten, Literaturgattungen und Zeiten stark verschieden. Das Nähere hierüber gehört in die Lehre von den Konju- gationsformen; für die Geschichte des Suffixes im Grie- chischen ist der Unterschied nahezu bedeutungslos. Bei -dCeiv und -i^eiv herrscht in der ion.-att. -hellen. Sprache der Dentalcharakter fast völlig.
a) Die Verba auf -vC^tv.
§ 234. Über die ursprünglichen Grenzen hinaus hat sich -vCeiv (meist mit gutturalem Stammcharakter) in onomato- poetischen Bildungen verbreitet. Zugrunde liegen jedenfalls Ableitungen von nominalen Gutturalstämmen wie etwa >co>c- xvCeiv 'wie der Kuckuck schreien' (Hesiod) von xoxxv^, -vyog, oder 6^o?ivCeiv 'laut schreien' (Hom.) von ö/.oXvyij 'Geschrei'. In solchen Fällen verknüpfte sich mit -vCsiv die Vorstellung eines Lärmes und mit diesem Begriff machte dann -v^eiv Eroberungen: etwa nach xdxxv (Ruf des Kuk- kucks) — xöxxv^ — Koxxvt,eiv schuf man z. B. zu ßav 'wauwau' ein ßavL,eiv 'bellen' (seit Heraklit), zu yov ein yQVL,eiv 'mucksen' (klass.), zu ßdfxßaXa {'xei^EQivä l/udria) ßafjißdXXELv {'XQEfAEiv^ xpocpElv xoIq xeiXeolv) ein ßa/ußa/.vCstv 'mit den Zähnen klappern' (Lexikographen; Hipponax?). Auch andere Interjektionen erhalten bisweilen ein solches -Ceiv; z. B. oj'QEiv (Aeschyl., Aristoph.) 'm rufen' (vgl. oljioL — oi/bicoCsiv (Hom.) — oi/xcayt]), cpEvll,Eiv (Aeschyl.) 'wehe {(pEv) rufen', oXI,elv {ovo- Tragiker) 'ot rufen', yjirzdCsiv (Hesych) 'das Vieh mit dem Ruf yjara antreiben'.
118 B. Verbale Ableitung. [§§235—237
b) Die Verba auf -dCsiv
(mit Ausnahme der meisten auf -idCeiv, die zusammen mit -iCsiv behandelt werden; s. § 252).
§ 235. Die Frage nach der etymologischen Her- kunft der Denominativa auf -dCsiv darf in den Grundzügen als einigermaßen gelöst betrachtet werden: -dCsiv ist auf *-ad-L- zurückzuführen und ist von Nomina auf -dg, -dö- OQ (§ 379) abgeleitet. Weil jedoch beim Beginn der grie- chischen Sprachüberlieferung mindestens der erste große Schritt zur Weiterwucherung des Suffixes schon getan ist und das der Ableitung zugrunde liegende Suffix seinerseits produktiv ist, hält es schwer, die Einzelurbilder und die einzelnen Kanäle der Ausbreitung festzustellen. Wenn man also eine größere Anzahl von Wortpaaren auf -ag, -ddo:; und -dt,eLv, wie ?u§dg — }.L{^dCsiv, /iiiydg — niyd^EO&ai, orißdg — öTißdCeiv u. dgl. nachweist, so ist das zunächst nur als Ty- pus zu werten, und es laufen dabei sicher viele Beispiele mit unter, in denen -dCsiv ohne Mitwirkung des zugehörigen -dg angetreten ist.
§ 236. Mehr untergeordneter Art scheinen die Bezie- hungen zwischen -dCeiv und den Neutra auf -ar- zu sein: övofjidueiv — ovojL(a, yovvdCso&ai — yovvar-, ösXedCeiv — öelear-. Vermutlich ist bald nach der Erweiterung der neu- tralen ?i-Stämme durch -t- {ovo/uar- gegenüber lat. nomin-is und övo/uaiv£iv [§ 219]) die Ableitung *-ar-i- in die weit größere Gruppe derer auf *-ad-i.-> -aC- übergegangen^. Einige sonst sehr seltsame Bildungen auf -dt^eiv finden wenigstens für das -a- eine Anknüpfung infolge der Ver- wandtschaft mit nominalen /i-Suffixen (vgl. zu -aXeog § 329) : so elxdCeiv 'vergleichen' zu elxcov, dexaLdjusvog (Hom.) = dexiov, JtsQxdCsiv (§ 244) zu TieQXVög, TivxdCeiv „fest ver- schließen" (Hom.) zu TTvxvog.
§ 237. Die erste Stufe der analogischen Ausbrei- tung von -dCeiv ist damit erreicht, daß substantivische
^ Aus *-aT-i- wurde lautgesetzlich nicht -a^-
§§237—239] Die io-Präsentia: Verba auf -dCetv. 119
ä-Stämme und auch etwa andere Stämme oder Wörter mit einem a in der Schlußsilbe leicht Denominativa auf -dCeiv bilden: nlx/udCeii' (Hom.) 'die Lanze {aixfxrj) werfen', eUaTTivdCsiv (Hom.) "einen Schmaus (eü.anivrj) abhalten', äyoga^eiv (klass.) 'auf dem Markt (äyoga) sein, kaufen', Kvecpdt,eLV (Aeschyl.) 'verdunkeln' {xvecpag n. 'Dunkel'). Zweifellos ist die Brücke zwischen dieser Gruppe und dem lautgesetzlichen -d^siv in den nahen Beziehungen zu finden, die auch -dg -ddog zu ä-Stämmen u. dgl. hat (§379); be- sonders fördernd wirkten daher Muster wie öXxrj — 6},xdg — 6?,xdCeiv, vojLU] — rojudg — vojudCsiv, /niya — juiydg — juiydCso'&ai.
Die Mitwirkung von Bedeutungsanalogien ist grund- sätzlich anzunehmen, wenn auch Einzelnachweise schwer sind und die Mannigfaltigkeit der semantischen Beziehung zwischen den Grundwörtern und diesen Denominativen für mehr äußerliche Analogievorgänge spricht.
§ 238. Das Verhältnis dieser Gruppe der Verba auf -d'Qeiv zu der Ableitung von -äv aus ä- Stämmen (§ 180) sollte genauer untersucht werden. Wahrscheinlich hat im all- gemeinen in nachhomerischer Zeit -dCsiv als das klanglich stärker charakterisierte und bequemer flektierbare Suffix allmähhch den Konkurrenten -äv zurückgedrängt; -läv ent- ging diesem Schicksal nur, weil es eigene Wege einschlug (§ 184).
§ 239. Von andern Stämmen werden sonst De- nominativa am liebsten mit -iCsiv abgeleitet (§ 255), also namentlich von o-Stämmen, dann auch von s-Stämmen und andern konsonantischen Stämmen. Wenn also von einem solchen Stamm ein Verbum auf -dCeiv gebildet wird, so hat man grundsätzlich immer nach einem besonderen Analogievorgang zu forschen^. Dazu stimmt, daß -d^eiv von o-Stämmen gegenüber den Ableitungen aus ä-Stämmen weit
^ Abgesehen von -idCsiv, das eine besondere Stellung ein- nimmt; s. §252.
120 . B. Verbale Ableitung. [§§ 239—241
zurückbleibt und die t- und v- und die konsonantischen Stämme überhaupt selten -dCsiv annehmen. In manchen Fällen können die vorauszusetzenden Bedeutungsanalogien noch aufgezeigt oder es können wenigstens Gruppen gebildet werden, die näher zusammengehören und einzelne Kanäle und Kanälchen der analogischen Ausbreitung erkennen lassen, wenn auch die Ausgangspunkte nicht so deutlich sind. Freilich muß auch anerkannt werden, daß noch manches Rätsel ungelöst bleibt.
§ 240. Beispiele für -d^eiv von Stämmen auf /, v und Konsonanten:
iyßvdCeiv 'fischen' (Anthol.) von Ix&vg an Stelle des honi. ix&v-äv. Es gehört zusammen mit ^vwaCeiv 'den Thunfisch {&vvvog] stechen' (Aristoph.) und zu einer Gruppe, deren Urbild öeXedi^eiv 'anködern, fangen' (klass.) von ösXeao, -arog 'Köder' (nach §236, vgl. §17) sein mag.
azaaid'Ceiv 'im Aufruhr (ordaig) sein' (klass.).
yXvxd^eiv 'süß {yXvxvg) sein' (nachklass.) steht in näherer Beziehung zu yXvxaiveiv 'süß machen' (Xen. u. sp.), s.u. §244.
av-axoxdL,eiv 'finster werden' von rö axöroc, s. u. 244.
xvöd^eiv von xvöog s. u. § 242.
äxQißd^eiv 'genau {äxQiß/];) machen, genau untersuchen' (LXX) ist Synonym zu öaxifidCeiv (§ 247) 'prüfen' {öäxi/noi; 'echt'); vgl. äxQißaaTi^i; = öoxifiaoTijg.
vyidCeiv von vyirjg s. u. § 245.
7t?xovdCEiv 'mehr (jiMov), überflüssig, übermäßig sein' (klass.); nach äxjbid!^eiv 'reif , stark genug sein (klass.; von dxfMij 'Reife' nach §248) oder eher nach den Ableitungen von Zahl- wörtern (§ 249).
Einzelne Bedeutungsgruppen.
§241. Scha 11 Wort er auf -dCe«'^ sind sehr häufig. Der Grundstock enthält ,, primäre" und denominative Bildungen; zu ersterer Art gehören z. B. xQdL,eiv 'schreien' (Hom.), ßd^eiv 'schwatzen' (klass.), gdCeiv 'knurren, widersprechen' (Kratinus), zur zweiten Art z. B. xrjxdCsiv 'schelten, schmä- hen' (Lykophron) von xrjxdg 'scheltend, schmähend' (Ni-
§§241. 242] Die io-Präsentia: Verba auf -dCeiv. 121
kander, Kallimachos, vgl. xrjxaöeiv = loidoqelv yjxvd^eiv Hesych), ferner lald^eiv 'plaudern, plätschern' (Anakreon, Hesych) zu Mla^ 'Schwätzer' (Hesych) und /.alayslv 'plau- dern' (seit Pindar).
Von solchen Beispielen her verknüpfte sich mit -a.il,Eiv wie mit -v^elv und sonstigem -^eiv (§ 234) die Vorstellung des Geräuschmachens, und es trat an Interjektionen und ähnliche Gebilde an:
evdCetv 'e'öa rufen, bacchisch jauchzen' (klass.);
ä/.aÄaCeiv 'das Kriegsgeschrei ä/.a?.d {dlalat) erheben' (klass.) ;
TzanndCsiv 'TidnTta sagen' (Hom.).
§ 242. Die weitere Ausbreitung hält sich an engere Sinnesgruppen, besonders an 'schimpfen, spotten' und 'prah- len'. Dabei scheinen die o-Stämme der Neuerung ebenso zugänglich zu sein wie die ä- Stämme, die doch lautlich näher lagen.
'Schimpfen, spotten, tadeln':
ÖEvvdCeiv